Berliner CDU muss umziehen : Unbekannte richten Büro in leerem U-Bahntunnel ein

In einem U-Bahn-Tunnel haben Unbekannte ein Büro eingerichtet. Die Aktion spielt offenbar auf die Berliner CDU an, die wegen hoher Mieten umziehen muss.

Unterirdisch. Leider kann in das U-Bahn-Tunnel-Büro niemand mehr einziehen – als die BVG davon erfuhr, ließ sie alles entfernen.
Unterirdisch. Leider kann in das U-Bahn-Tunnel-Büro niemand mehr einziehen – als die BVG davon erfuhr, ließ sie alles entfernen.Norbert Schmidt/„Rocco und seine Brüder"

Unbekannte haben in einem leeren Tunnel der U9 ein Büro eingerichtet: Sie verlegten blauen Teppich auf dem kahlen Beton, strichen die Wände weiß, stellten einen Schreibtisch, zwei Stühle, einen alten Computer und zwei Monitore hin. Auch eine Topfpflanze und eine Kaffeemaschine brachten sie in den Tunnel. An die Wand hängten sie eine Karte Berlins, ein Kreuz und ein Plakat des CDU-Bundestagsabgeordneten aus TempelhofSchöneberg, Jan-Marco Luczak. Darauf ist er zu sehen, darunter der Slogan: „Gegen Mietendeckel klagen“. Das „Gegen“ ist allerdings rot durchgestrichen.

„Die Aktion ist nicht besonders originell, das hatten wir 2016 schon mal“ sagte die Sprecherin der BVG, Petra Nelken, dem Tagesspiegel. Damals hatte ein Künstlerkollektiv an derselben Stelle ein Schlafzimmer mit Bett, Sessel und Fernseher eingerichtet. Die BVG vermutet, dass das Zimmer von Sonntag- auf Montagnacht aufgebaut wurde. Wo genau, wollte Nelken jedoch nicht sagen, um niemanden zum Nachahmen anzuregen. Man werde Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs stellen. Aktuell würden die Videoaufnahmen ausgewertet.

Die „B.Z.“ hatte am Dienstag zuerst von der Aktion berichtet und Bilder des eingerichteten Büros abgedruckt. Außerdem zitierte sie den angeblichen BVG-Mitarbeiter Norbert Schmidt, der das Büro entdeckt haben soll. BVG-Sprecherin Nelken wiederum sagte, es gebe bei ihnen keinen Mitarbeiter mit diesem Namen.

Das Plakat mit dem Bild des Bundestagsabgeordneten Luczak ist wohl ebenfalls eine Fälschung: Das Büro Luczaks sagte dem Tagesspiegel, es habe nie ein solches Plakat gegeben. Der Slogan „Gegen Mietendeckel klagen“ ist aber echt: Er wurde laut dem Büro von Luczak für eine Social-Media-Kampagne verwendet. Die Aktion verweist durch dieses Plakat offensichtlich auf die Debatte um den Mietendeckel und die Wohnungsnot in der Stadt. Außerdem ist sie eine Anspielung auf den geplanten Umzug der CDU-Landeszentrale. Die Partei muss sich neue Räumlichkeiten in Berlin suchen, weil die Miete für ihr Büro in der Kleiststraße in Tempelhof-Schöneberg – also dem Bezirk, in dem Luczak sein Bundestags-Direktmandat gewonnen hat – zu teuer geworden ist. Sie soll sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht haben.

Vergangene Woche hatten bereits linke Aktivisten vor der Zentrale der CDU ihre – wohl nur halb ernst gemeinte – Solidarität demonstriert. Die Gentrifizierung mache offenbar auch vor den Verfechtern freier Märkte nicht halt und der Berliner CDU falle jetzt die Politik der eigenen Partei auf die Füße, sagte einer der Aktivisten.

Hinter dem Schlafzimmer im U-Bahn-Tunnel 2016 steckte das Künstlerkollektiv „Rocco und seine Brüder“. Auf Tagesspiegel-Anfrage, ob es auch etwas mit der neuen Aktion zu tun hätte, schrieb das Kollektiv: Bei Fragen zu der Aktion solle man sich an die „Vormieter“ wenden, „die wurden ja verdrängt. Genau wie die CDU“.

Genauer wollte sich das Kollektiv nicht äußern. Es sei „manchmal spannender, nicht alles auszusprechen und so gleich zu entromantisieren“. In derselben Nachricht hängte der Absender auch die Bilder des Büros an und schrieb, ihnen seien die Fotos „zugestellt worden“.

2016 hatte „Rocco und seine Brüder“ ein Video veröffentlicht, auf dem zu sehen war, wie einige Männer mit selbst gedruckten „BVG Technik“-Westen das Bett, die Pflanze und den Rest der Einrichtung des Schlafzimmers über den U-Bahnhof Schloßstraße trugen, durch den Tunnel bis zu dem Ort, an dem das Zimmer eingerichtet wurde. Dort tapezierten sie die Betonwand und richteten das Zimmer ein. Die Aktion sei eine Anspielung auf fehlenden Wohnraum und die Berliner Mietpreise gewesen. Auch damals hatte sich die Kontaktperson Norbert Schmidt genannt.

Das Kollektiv ist laut eigenen Angaben seit dem Jahr 2000 „fester Teil der Berliner Graffiti-Szene“ und scheint einen eindeutigen politischen Anspruch zu haben. Auf der Webseite heißt es, man wolle „autonome Kunst“ schaffen und „Raum annektieren“ – mit „soziopolitischen Kunstaktionen“ und „satirischen Werken“. Unter anderem verlegten die Mitglieder des Kollektivs einmal vor der Berliner AfD-Zentrale Stolpersteine für Wehrmachtssoldaten, die Kriegsverbrechen begangen hatten.

Sie verwiesen damit auf eine Aussage von Parteichef Alexander Gauland, der gesagt hatte, man müsse das Recht haben, „stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“.

Bei einer anderen Aktion entfernten Mitglieder des Kollektivs einen Teil von U-Bahn-Schienen, die nicht mehr in Betrieb waren, strichen den leeren Raum im Bahntunnel weiß und stellten die ausgeschnittene Schiene mitsamt der dahinterliegenden Wand in einer Galerie aus.

Vielleicht landen dort ja auch irgendwann die Einrichtungsstücke des U-Bahn-Büros – die Berliner CDU wird es jedenfalls nicht nutzen können, selbst wenn sie wollte. Nachdem die BVG davon erfuhr, entfernte sie die Einrichtung vollständig. Sprecherin Nelken sagte, in dem Bereich sei es verboten, Gegenstände abzustellen, weil sie sich durch Funkenflug entzünden und so eine Brandgefahr darstellen könnten.

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