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Urbane Kunst: Berlins bunte Brandmauern sind vom Aussterben bedroht

Bilder auf blanken Brandmauern prägen die Stadt. Doch viele Baulücken werden jetzt geschlossen. Verschwindet dabei auch die Kunst?

Gleich scheppert’s. Ein Schiff unter Volldampf, ein Kran, der auf einer Baustelle direkt davorsteht, das kann nicht gut gehen. Zum Glück ist der Dampfer „Phoenix“ aber nur ein Giebelgemälde an einem Gründerzeithaus und sein Schöpfer Gert Neuhaus ein kultivierter Charlottenburger. Freundlich fragt er die Kranmonteure, ob der Bau bald sein Brandmauerbild in der Wintersteinstraße 20 verdecken wird. Glauben sie nicht, sagen die, ohne Genaueres zu wissen, wäre aber sehr schade.

Da haben sie recht. Denn der 72 Jahre alte Gert Neuhaus ist nicht nur die weißgraue Eminenz der Berliner Fassadenmaler, sondern sein 1989 entstandenes, berühmtes Schiffsbild ist auch eine Touristenattraktion der zugigen Verbindungsstraße zwischen Caprivibrücke und Otto-Suhr-Allee.

Trotzdem hat der Künstler, der kürzlich sein 50. haushohes Bild fertiggestellt hat, die Ruhe weg. „Diese Bilder verschwinden, das ist so“, sagt er mit feinem Lächeln. Sonne, Regen und Frost halten seine Acrylfarben zwar 30 Jahre stand, aber nicht der Übermalung durch neue Hauseigentümer, der Wärmedämmung oder dem angrenzenden Neubau. Sechs der 45 Berliner Gemälde, mit denen Neuhaus seit 1976 das Gesicht der Stadt geprägt hat, seien bereits weg, sagt er. Und jetzt, wo die Immobilienbranche brummt und die Stadt im Innern ihre Lücken schließt, verschwinden viele der durch Bombenkrieg und sozialistischem wie kapitalistischem Abräumrausch freigelegten Brandwände, die einst in der Blockbebauung ein Gebäude vom anderen trennten. Und mit ihnen verschwinden die rohen Ziegel, die Einschusslöcher, der rankende Wein, die Silhouetten verschwundener Nachbarhäuser, die alten Werbeinschriften, die Gemälde, die Graffiti, kurz die Spuren geschichteter Zeit.

Der Fotograf Harf Zimmermann, Mitgründer der Fotoagentur Ostkreuz, will genau die in seinen mit großen Plattenkameras aufgenommenen Bildern bewahren. „Brandwand“ ist der Arbeitstitel seines in einigen Monaten im Steidl-Verlag erscheinenden Bildbands. Von den 300 pittoresken Mauern, die er allein in den vergangenen vier Jahren quer durch alle Bezirke fotografiert habe, sei inzwischen ein Drittel weg, sagt er mit leisem Bedauern. „Namentlich diese Wand hätte ich gern unter Denkmalschutz und restauriert gesehen“, sagt er und zeigt auf ein Foto, das in seinem Atelier in Mitte an der Wand pinnt. Da hat sich ein Fassadenmaler anno 1903 ein antikes Arkadien samt Bäumen und Tempeln in einen öden Hinterhof im Bötzowviertel gepinselt. Jetzt ist die Wand saniert und das Bild klebt zwar erhalten, aber – gut gemeint ist nicht notwendigerweise gut gemacht – wie eine zackenlose Briefmarke obendrauf. Von paradiesischem Zauber keine Spur mehr.

Die Liebhaber der Fassadenkunst würden die Werke gerne unter Denkmalschutz stellen. Doch das ist nicht so einfach.

Den hat auch Ben Wagins Bild „Weltbaum – Grün ist das Leben“ am S-Bahnhof Tiergarten schon lange eingebüßt. Mit dieser Giebelmalerei kam die in Mexiko populär gewordene, politisch so plakative wie dekorative Kunst am Bau über die erste deutsche Station Bremen 1975 nach Berlin. Inzwischen ist das erste von später mehr als 450 Bildern kaum noch zu erkennen. Die Fassadenkunst ist zu flüchtig für die langsam mahlenden Mühlen des Denkmalschutzes. Der greife nur, wenn das Gebäude selbst als denkmalwürdig eingestuft sei oder das Bild eine eigenständige künstlerische Bedeutung habe, sagen die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Um die zu bewerten, müssten aber erst mal 30 Jahre vergehen.

„Dass der Senat das Wagin-Bild nicht hegt und pflegt, macht mich sauer“, sagt Norbert Martins. Seit 1975 fotografiert der nun als Pensionär in Schildow lebende, ehemalige Bewag-Angestellte alles, was Künstler groß, bunt und plakativ auf Häuser malen. 750 Gemälde und Graffiti hat er in seiner Datenbank gesammelt, ein Drittel davon ist längst wieder verschwunden. Auch sein 1989 erschienenes Buch „Giebelphantasien“ ist vergriffen, aber auf seiner Webseite dokumentiert er munter weiter den Bestand. Auf Anfrage macht er auch Wandbild-Führungen, sogar Franzosen und Dänen rufen bei ihm an.

Für Martins, der unfassbar viele Namen von Fassadenmalern und Graffitikünstlern runterrattert, die sich hier durch ihre vergängliche Kunst verewigt haben, ist es klar, dass wenigstens ein paar Bilder geschützt gehören. „Die sind für die Stadt sehr wichtig.“ Ein zeitgeschichtlich bedeutsames Bild wie Wagins „Weltbaum“, das künstlerisch die Öko- und Hausbesetzerbewegung einläutete, gehört für ihn genauso dazu wie Peter Neuhaus’ mit großer perspektivischer Präzision ausgeführte „Phoenix“.

Neuhaus selbst ist es viel zu peinlich, so was wie Denkmalschutz für sich zu fordern. Für Bilder von Kollegen wie etwa Wagins Werk „nach 30 Jahren des Dahindämmerns“ dagegen schon. „Schließlich repräsentieren sie das Lebensgefühl einer Epoche, als farbiger Hoffnungsschimmer gegen die trostlosen Kriegswunden.“ Sein Kollege Oliver Kray, der gerade mal 30 ist, früher Graffiti-Sprayer war und von seinem Kreuzberger Atelier aus sehr erfolgreich mittelgroße deutsche Städte mit seiner netten Fassaden-Pop-Art überzieht, ist da noch eindeutiger. Wandgemälde schützen sei total uncool, sagt er. „Das sind Bilder auf Zeit, fertig, aus!“ Genauso sähen das auch seine Auftraggeber, denen er vertraglich sogar ein Zerstörungsrecht zusichert.

Dass Berlin im Sturm der Veränderungen je die Brandwände ausgehen könnten, fürchtet Kray so wenig wie Neuhaus, Zimmermann oder Chronist Norbert Martins. Der macht nach der ersten Fassadenkunstbegeisterung in den Siebzigern und Achtzigern seit drei, vier Jahren wieder viel mehr neue Bilder als in der flauen Nachwendezeit der Neunziger aus. Allein 2011 hat er um die 40 neue Arbeiten fotografiert. Sie prangen längst nicht mehr nur auf Brandmauern in den Altbaubezirken des Zentrums. In Marzahn, Hellersdorf oder dem Märkischen Viertel nutzen Wohnungsbaugesellschaften den Fassadenschmuck gezielt als Erkennungszeichen, um architektonisch unübersichtliche Nachkriegssiedlungen aufzupeppen.

Einer Brandmauer, einem Haus und damit den Menschen, die darin leben, wohlzutun, ist auch immer die Absicht von Peter Neuhaus gewesen. Und natürlich der versehrten Stadt, die das Kriegskind durch seine Kunst gerne wieder auf die Beine bringen wollte. Da darf man auf keinen Falls wehleidig sein, wenn sowohl verwitternde Wände wie auch profitorientierte Bauherren ein Eigenleben führen. Ob er aus Furcht vor dem Verschwinden der „Phoenix“ die Firma anruft, die die historische Wagenhalle nebenan mit Luxuspenthäusern überbaut? „Nein“, sagt Neuhaus sanft lächelnd und wendet sich vom Baustellenkran und seinem den Zeitläufen überlassenen Dampfer ab.

„Guten Tag, Ziegert-Immobilien, mein Name ist Ines Wojahn“, tönt es am anderen Ende der Telefonleitung. Die Projektbetreuerin des Bauvorhabens Wintersteinstraße 22 hört sich die Sache an und spricht: „Da brauchen Sie gar keine Angst zu haben, das Bild wird nicht zugebaut.“ Die „Phoenix“ aus dem alten Berlin hat Glück, sie darf auch im neuen weiter durch die Brandmauer dampfen.

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