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Die Admiralbrücke in Kreuzberg und der Landwehrkanal
© Carmen Schucker

Frühling in Kreuzberg: Grau zu Grün zu Lila

Kreuzberg im Frühling, da lässt es sich von einem Duftgenuss zum nächsten flanieren: Flieder, Kastanie, Mülleimer. Mülleimer? Ach, was soll's. Unsere Autorin macht einen Streifzug durch ihren Kiez.

Von Annette Kögel

Die Zettel hängen schon am Baum, da sind die Fliederblüten noch gar nicht aufgesprungen. "Riech mich aber lass mich stehen", schreiben die Nachbarn jeden Frühling auf gelbe kleine Blätter und knüpfen sie zart an den Fliederbusch an der Johanniterstraße. Hier machen alle einen Einkehrschwung zum Frühlingsnaserümpfen. Die Kreuzberger genießen diese Tage, in denen die Stadt das letzte Wintergrau farbenfroh übertüncht. Jetzt wird nicht Schwarz zu Blau, sondern Grau zu Grün zu Lila.

Die Inhaberin des kleinen Ladens Traumkeramik Julion belebt die Beete der Tempelherrenstraße mit Frühlingsblühern und ihren kleinen winterharten Keramikgesellen.

Am Landwehrkanal fliegt man auf dem Rad vorbei, von einem Duftgenuss zum nächsten: Linde, Kastanie, Mülleimer, ach was soll's.

Und in der Nacht, wenn das Restaurantschiff van Loon sich mediterran im Wasser spiegelt und selbst das Notarztwagenblaulicht einen lieblichen Schein ins Wasser wirft, da ruht der Kiez tief in seiner Dunkelheit. Augen zu. Die Nachtigallen twittern so herzallerliebst und das Frischwasser plätschert im Prinzenbad so lieblich, als läge der Kreuzberg in den Alpen. Einmal ging hier ein Berlinbesucher aus Namibia des Nächtens entlang, der traute sich keinen Schritt voran. Bei ihm Zuhause hätte er jede Sekunde Angst vor einem Überfall. Nicht die Kreuzberger und Kreuzbergerinnen. Bedächtigen Schrittes flanieren sie weit nach Mitternacht unterm Sternenhimmel. Dort, wo der Mann jedes Jahr am Ufer des Landwehrkanals seine arabischen Weisen aus dem Rekorder leise übers Wasser ziehen lässt, links und rechts von Teelichtern erhellt. Ein Flaschensammler scannt mit seinem Taschenlampenlicht das Kanalufer ab. Hier, da liegt noch eine Plastikflasche, ruft eine Frau herüber. Danke, sagt der Mann. Bitte, die Frau. Ach Kreuzberg, was kannst Du magisch sein. Frühling, jetzt kannste bitte richtig kommen. Und manchmal fliegt ja sogar ein Pferd vorbei, so ganz ohne Drogen.

Dieser Artikel erscheint im Kreuzberg Blog, dem hyperlokalen Online-Magazin des Tagesspiegels.

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