Spandau-Newsletter : "Grotesk!": Der Frust der Hundehalter

Ein Leserbrief zu einer Geschichte in Spandau, wo das Ordnungsamt auf Feldern Hundehalter aufsucht, die ihre Tiere nicht an die Leine nehmen.

Ab an die Leine!
Ab an die Leine!Foto: picture alliance / Monika Skolim

Im Spandau-Newsletter des Tagesspiegel haben wir über eine etwas merkwürdige Geschichte auf den Rieselfeldern berichtet. Auf der einen Seite: Vogelschützer. Auf der anderen Seite: Hundebesitzer. Mittendrin: das Ordnungsamt.

Aber der Reihe nach: „Auf den Gatower Rieselfeldern sind im Durchschnitt 90% der ausgeführten Hunde nicht angeleint – obwohl sie es im Landschaftsschutzgebiet sein müssten. Dadurch stören sie ganz erheblich die Bodenbrüter“, heißt es in einem Bürgerantrag im Rathaus Spandau. Was also tun? Das Ordnungsamt um Stadtrat Stephan Machulik, SPD, hat jetzt geantwortet – frisch nachzulesen in der Aktenmappe des Bürgerausschusses: Die Kontrolleure fahren „mehrmals wöchentlich“ dort hin, allerdings bringt das nichts, denn: „Leider ist es nicht gestattet, die Kontrollen in Zivilkleidung durchzuführen.“ Folge: Frauchen macht mit Hund die Fliege, wenn in der Ferne das blau-weiße Herrchen vom Ordnungsamt zu sehen ist. Frustrierend, oder? – Quelle: Aktenmappe Rathaus

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Daraufhin haben wir vom Spandau-Newsletter des Tagesspiegel einen Leserbrief erhalten, den wir heute veröffentlichen möchten. Die Autorin des Briefes ist uns namentlich bekannt.

"Als ich mir vor vier Jahren einen Hund anschaffte, war ich entsetzt, als mir dämmerte, in welchem Maße Hundehalter in Berlin bedrängt werden. Eigentlich befindet man sich ständig in der Defensive. Natürlich ist gegenseitige Rücksichtnahme in einer Großstadt absolut erforderlich. Ich als Hundehalter bin aber inzwischen soweit, diese Rücksichtnahme überaus theatralisch und deutlich vorzuführen, um ja irgendwelchen Anfeindungen zuvor zu kommen.

"In der Innenstadt würde ich nie einen Hund halten"

Meine Haltung des vorauseilenden Gehorsams finde ich allein schon absurd. Zwar habe ich nicht alle gefragt, aber bestimmt spreche ich hier für viele vernünftige Hundehalter.

Jetzt die Rieselfelder: Selbstverständlich wandere ich fast jeden Tag mit meinem Hund über diese sich kilometerweit erstreckenden Wiesen und Felder. Ich wohne schließlich nebenan. Alle anderen Hundebesitzer, die ich in den Jahren kennengelernt habe, wohnen auch nebenan. Wir sagen einander, dass wir in der Innenstadt niemals einen Hund halten würden. Hier aber, mit der Natur um die Ecke, ist artgerechte Hundehaltung möglich, zumal man dabei keine Menschenseele stört.

"Stören denn Füchse nicht auch die Bodenbrüter?"

Bis auf eine Handvoll schöner Sommertage werden Sie auf den Rieselfeldern keinen Menschen finden, nicht bei Sturm, nicht bei Regen, nicht bei Minus zehn Grad. Nur wir sind immer da, durch alle Wetter und alle Jahreszeiten. Wir verteilen uns auf diesem riesigen Gebiet dermaßen, dass man eine Stunde laufen kann, ohne einen anderen Hundebesitzer zu entdecken.

Immer wieder heißt es, die Bodenbrüter werden durch die Hunde gestört. Aber da müsste man doch zuerst die Füchse abhalten, sich den Nestern zu nähern. Gestern fragte ich zwei weitere Hundehalter, ob ihr Hund je in einem Nest gestöbert hat. Sie finden das – wie ich – untypisch.

"Mais-Anbau, Pferde, Trecker ... aber ein Hund stört?"

Ich kenne nur einen einzigen älteren Mann, der hin und wieder auf den Feldern herumläuft, um Hundebesitzer zu fotografieren, und mich beschleicht der Verdacht, dass hinter allen Anfragen an Ämter die gleiche Person stecken könnte.

Auf den Feldern findet Mais-Anbau statt. Auf den Weiden grasen Pferde. Die Wiesen stehen im Mai/Juni dermaßen hoch, dass kaum ein Hund Lust hätte, sich dort durchzuwühlen. Die laufen, genau wie wir, überwiegend auf den Wegen. Wenn einer Bodenbrüter stört, dann wohl eher die Trecker, die bereits jetzt, da bestimmt noch irgendwo gebrütet wird, diese Wiesen zum großen Teil abgemäht haben. 

Natürlich sind wir Hundebesitzer notorisch im Unrecht. Aber diese Naturschützer-Empörung ist völlig übertrieben, das Leinengebot unangemessen und absolut lebensfremd. Dass das Ordnungsamt sich hinter die Büsche stellt, um uns aufzulauern (alles erlebt!) ist grotesk. 

"Kann man nicht andere in Frieden leben lassen?"

Wir schaden niemandem. Unsere Hunde sind im Gegensatz zu vielen anderen Großstadthunden bestens ausgelastet und kaum verhaltensgestört. Jeder Hundefachmann würde uns für artgerechte Haltung loben. Alle Runden, die ich morgens über die Felder drehe, kommen meiner eigenen Gesundheit zugute.

Und vor allem: Niemand kann sich vorstellen, wie wunderschön es in der Frühe um sieben auf den Rieselfeldern ist, wenn der Frühnebel von ersten Sonnenstrahlen durchstochen wird. Manchmal möchte ich beten, obwohl ich gar nicht gläubig bin, weil ich so ergriffen bin. Auch deswegen habe ich einen Hund – damit ich das erlebe.

Ich werde mein Leben lang nicht verstehen, warum der eine den anderen nicht in Frieden leben lassen kann."

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Lady Di, die Queen und Kampfjets: Die Geschichte vom Flugplatz Gatow
2012. Die ganzen alten Flugzeughallen aus Holz im Südwesten des Flugplatzes Berlin-Gatow (am Sparnecker Weg).Weitere Bilder anzeigen
1 von 53Foto: Martin Müller
26.03.2020 12:222012. Die ganzen alten Flugzeughallen aus Holz im Südwesten des Flugplatzes Berlin-Gatow (am Sparnecker Weg).