
© dpa/Christophe Gateau
„Die seelische Last war größer als jede materielle Not“: Der Blackout weckte bei einer Berlinerin aus Syrien düstere Erinnerungen an ihre Heimat
Der Stromausfall im Berliner Südwesten könne man nicht mit Erfahrungen aus Kriegsgebieten gleichsetzen, findet unsere Leserin. Denn in Berlin schützte der Staat seine Bürger.
Stand:
Der Blackout hat vergangene Woche nicht nur den Berliner Südwesten ins Dunkle und Kalte getaucht, bei vielen Menschen hat er auch das Vertrauen in den Staat ins Wanken gebracht. Reeham, ihren Nachnamen möchte sie nicht nennen, sieht das anders – mit gutem Grund.
2015 kam sie aus dem Krieg in Syrien nach Deutschland, fand hier Zuflucht, Sicherheit und eine Perspektive. Als Ehrenamtliche arbeitet sie beim Stadtteilzentrum Villa Mittelhof in Zehlendorf und engagiert sich für ihre neue Heimat. Vergangene Woche habe der Blackout die Türen zu ihren Erinnerungen aus Syrien geöffnet, schreibt sie dem Tagesspiegel. Hier ihre ungekürzten Gedanken:
„Der Stromausfall führte mich zurück zu den dunklen Stunden in Syrien, in denen Stromausfälle Teil unseres Alltags waren. Äußerlich ähnelten sich die Situationen – doch innerlich trennte sie eine ganze Welt.

© privat
In Berlin herrschte trotz der schwierigen Umstände eine spürbare Ordnung. Die zuständigen Behörden erklärten die Ursachen offen, Reparaturen begannen unverzüglich und man fühlte sich gesehen und ernst genommen. Polizeifahrzeuge fuhren durch die Viertel, nicht als Drohung, sondern als Zeichen von Fürsorge. Sie halfen, fragten nach und unterstützten besonders ältere Menschen. Ihre Präsenz schenkte Sicherheit – ein Gefühl, das in Krisenzeiten unbezahlbar ist.
Auch die Geräusche am Himmel trugen ihre eigene Bedeutung. In Berlin kreisten Hubschrauber über der Stadt, um zu prüfen, ob jemand Hilfe benötigte. Ihr Flug war Teil der Vorsorge, ihr Geräusch ein Zeichen von Aufmerksamkeit und Schutz. In Syrien jedoch erzählten dieselben Geräusche eine völlig andere Geschichte. Dort kreisten Hubschrauber nicht, um Leben zu retten, sondern um es zu zerstören. Sie warfen Fässer und Bomben ab, rissen Häuser in Stücke und töteten nicht nur Menschen, sondern auch Tiere und Pflanzen. Der Himmel war kein Ort der Hilfe, sondern eine Quelle des Schreckens. Wie groß der Unterschied zwischen diesen beiden Klängen ist: Der eine ruft zur Hoffnung, der andere zur Angst.
Die Krise war da, aber man war ihr nicht schutzlos ausgeliefert.
Reeham
Auch Alternativen waren vorhanden. Ein kleiner Gaskocher reichte aus, um Wasser zu erhitzen. Organisationen richteten warme Anlaufstellen ein, in denen Menschen zusammenkommen, ihre Handys aufladen und der Kälte entkommen konnten. Es war spürbar: Die Krise war da, aber man war ihr nicht schutzlos ausgeliefert.
In Syrien waren staatliche Institutionen Teil des Problems
Ganz anders waren die Erfahrungen in Syrien. Dort waren staatliche Institutionen nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Die Polizei bedeutete Angst, nicht Schutz. Die Regierung selbst war es, die Schrecken verbreitete, Menschen einschüchterte und Strom- und Wasserausfälle als Mittel der Kontrolle einsetzte. Es gab keine Erklärungen, keine Hilfe, keine Alternativen.

© dpa/Jens Kalaene
Und doch – inmitten all dieser Dunkelheit – gab es etwas, das uns am Leben hielt: die Menschen. Die sozialen Beziehungen, die engen Bindungen zwischen Nachbarn, Freunden und Familien, waren der einzige Rettungsanker. Man teilte, was man hatte, wärmte sich gegenseitig und hörte einander zu. Diese menschlichen Verbindungen gaben Kraft, schenkten Geduld und halfen, das Unerträgliche erträglich zu machen.
Trotz Kälte und Unbehagen während des Stromausfalls in Berlin lässt sich diese Erfahrung nicht mit dem vergleichen, was wir in Syrien durchlebt haben. Denn dort waren es nicht nur Dunkelheit und Kälte, sondern auch Angst, Bombengeräusche, Krieg, der Zusammenbruch der Kommunikation und das völlige Fehlen jeglicher Unterstützung. Die seelische Last war größer als jede materielle Not.
Man kann keine zwei Wirklichkeiten gleichsetzen, wenn in der einen ein Staat alles daransetzt, seine Menschen zu schützen, während in der anderen die Menschen einander schützen müssen – vor ihrem eigenen Staat.“
- showPaywall:
- false
- isSubscriber:
- false
- isPaid: