Biopic „Lindenberg – Mach dein Ding“ : Am Anfang war die Luftgitarre

Jan Bülows Rockidole heißen Springsteen oder Jagger. In dem neuen Spielfilm über Udo Lindenberg mimt er überzeugend den Rockstar in dessen jungen Jahren.

Zurück zu den Anfängen. In den tiefen Siebzigern - hier bei einem Konzert auf dem Schützenplatz im niedersächsischen Celle - war der Hut noch nicht Udo Lindenbergs Markenzeichen.
Zurück zu den Anfängen. In den tiefen Siebzigern - hier bei einem Konzert auf dem Schützenplatz im niedersächsischen Celle - war...Foto: Andreas Conrad

Tja, das ist eben die Gnade der frühen Geburt. Udo Lindenberg schon live in concert erlebt zu haben, als er gerade erst der Udo Lindenberg geworden war, in roten Lederhosen auftrat, noch keinen Hut als Markenzeichen trug, der Superknaller von der „Andrea Doria“ noch ziemlich heiß war und selbst Chauvi-Zeilen wie „Nimm das nicht alles so tragisch, mein Sohn, die anderen Miezen, die warten ja schon“ keinen Sturm der Entrüstung auslösten.

"Na, ihr süßen Heidschnucken?"

Das war in den tiefen siebziger Jahren, Udo samt Panikorchester auf dem Schützenplatz Celle, was ihn zu der recht respektlosen Begrüßung „Na, ihr süßen Heidschnucken?“ inspirierte. Eingeladen hatte ihn der Schlosskreis, eine Art AG City des niedersächsischen Herzogstädtchens, der sich damit schon beim Soundcheck wütende Proteste wegen des infernalischen Lärms einhandelte und überhaupt finanziell ziemlich verhob.

Siebziger Jahre? Also war es kurz nach Udos Karrieresprung zum deutschen Rockstar, mit dem Hermine Huntgeburths Biopic „Lindenberg – Mach dein Ding“ endet. Die am Freitagabend, nach Hamburg und Essen, doch immerhin vor Hannover, Premiere im Kino International in der Karl-Marx-Allee feierte – Zwischenstop auf einer Art Premierentournee, an der sich Red-Carpet-Termine in fünf weiteren Städten anschließen, mal wie in Berlin mit, mal ohne Lindenberg. So ein Rockstar-Leben bringt eben berufstypische Verpflichtungen mit sich, und sei es nur das Vagabundieren von Ort zu Ort, um den Film über die frühen Jahre eines Sängers zu promoten.

Der Film "Lindenberg - Mach dein Ding" mit Jan Bülow (Mitte) in der Titelrolle und Max von der Groeben (re.) als Steffi Stephan endet mit dem Aufstieg Udo Lindenbergs zum deutschen Rockstar.
Der Film "Lindenberg - Mach dein Ding" mit Jan Bülow (Mitte) in der Titelrolle und Max von der Groeben (re.) als Steffi Stephan...Foto: Gordon Timpen/DCM/dpa

Anders als das Original immer dabei: die Regisseurin und selbstverständlich der seiner Aufgabe überaus gewachsene Hauptdarsteller Jan Bülow. Vor gar nicht langer Zeit war er noch Student an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin, kann aber bereits Engagements am Deutschen Theater und an der Schaubühne sowie am Schauspielhaus Zürich vorweisen, dazu kleinere Rollen in rund einem halben Dutzend Filme. Aber geboren wurde er erst 1996, das war in dem Jahr, bevor Udo Lindenberg sich als „Belcanto“-Star mit dem Filmorchester Babelsberg in der Deutschen Oper präsentierte und eigene Klassiker mit Songs von Brecht, Tucholsky, Mackeben und anderen Größen der zwanziger und dreißiger Jahre mischte.

Welche seiner Songs er kenne, wollte Lindenberg wissen

Klar, dass da Lindenberg beim Treffen vor den Dreharbeiten wissen wollte, was er denn von seinen Songs, gerade den frühen, kenne. Nun, Bülows Vater hatte ihm mal den „Sonderzug nach Pankow“ vorgespielt, das war’s auch so ziemlich, und ein Lindenberg-Konzert hat er selbst jetzt noch nie erlebt, erzählt Jan Bülow nachmittags vor der Premiere, in einem ruhigen Winkel des Foyers vom Ritz-Carlton am Potsdamer Platz. Seine Rockheroen heißen eher Springsteen und Jagger. Obwohl er hohen Respekt vor Lindenberg hat, dass der sich für Deutsch entschied, als alle Welt, die im Rockbusiness etwas auf sich hielt, Englisch sang, eben „sein Ding“ machte.

Vorbild und Abbild. Udo Lindenberg und sein Darsteller Jan Bülow.
Vorbild und Abbild. Udo Lindenberg und sein Darsteller Jan Bülow.Foto: Christian Charisius/dpa

Gerade ist Bülow aus Essen angekommen, als Berliner zu einer Art Heimspiel, bald ist er schon anderswo – nein, an dieses unentwegte Herumreisen eines Rockstars, bei dem man nie richtig ankommt, könnte er sich nicht gewöhnen. Aber sonst? Wäre Sänger eine Option? Der junge Schauspieler, der sich rasch in einen blasslila Sportdress, halb Jogging-, halb Hausanzug, geworfen hat, scheint nicht abgeneigt, Theater- und Konzertbühne sind für ihn gar nicht weit voneinander entfernt. „Jeder Theaterschauspieler sei ein verhinderter Rockstar, hat mir ein älterer Kollege mal gesagt, da ist was dran. Mick Jaggers Auftritte, das ist doch pures Theater, ein reiner Bühnenmoment“, sagt Bülow. Selbst einmal als Sänger vors Publikum treten, ja, ein Traum sei das schon, seit der Kindheit, als er spielerisch Rocksongs nachahmte, „ich an der Luftgitarre, mein Bruder am Luftschlagzeug“.

Und Action! Für den Berliner Jan Bülow ist der junge Udo Lindenberg seine erste Hauptrolle.
Und Action! Für den Berliner Jan Bülow ist der junge Udo Lindenberg seine erste Hauptrolle.Foto: Gordon Timpen/DCM

Da er nun mal kein eigenes Bild von Lindenberg besaß, blieben eben Videos von Auftritten und die Autobiografie. Und bei Joaquin Phoenix hat er nachgelesen, wie der sich auf seine Rolle als Johnny Cash vorbereitet hatte, auch Schlagzeug gelernt – selbst „immer in Angst, die Lindenberg-Rolle in den Sand zu setzen“. Aber dann begannen die Dreharbeiten, und schnell merkte er: „Ich muss irgendwann all die Vorbereitung loslassen, mich treiben lassen.“ Nur nicht zu viel darüber nachdenken, was die Figur jetzt machen würde. Das habe Lindenberg sicher auch nicht gemacht.

Ein Biopic soll kein Abziehbild der Wirklichkeit sein

Und ohnehin, es soll ja soll ein Biopic kein Abziehbild der Wirklichkeit werden, keine 1:1-Kopie von Lindenberg, wie die Leute ihn kennen. Vielmehr, so sieht es Jan Bülow, wollen die Fans „die Figur vermenschlicht sehen, im Kontrast zu der Rockstar-Welt, die sie kennen“. Immer werde solch ein Film einen gewissen Anteil von Fiktion behalten. Und ohnehin weiß Bülow: „Ich werde nie so gut singen, dass die Fans mich als alternative Version anerkennen.“ Als „künstlerischen Zusatzwert“ aber vielleicht schon.

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