BVG-App "Jelbi" : Mobilität, auf die ich pfeife

Immer besser läuft der Verkehr, wenn alle Teilnehmer fleißig ihre Daten senden. Jetzt macht auch die BVG mit in dem fragwürdigen Business. Ein Kommentar.

Braucht man eine App, um von Streiks zu erfahren? Und was würde diese App umgekehrt über den Nutzer erfahren?
Braucht man eine App, um von Streiks zu erfahren? Und was würde diese App umgekehrt über den Nutzer erfahren?Foto: dpa/ Tobias Kleinschmidt

Allmählich sind sie alle aufgewacht, und sie haben Hunger, und wonach es sie am meisten gelüstet, sind: Daten. Autohersteller bauen in ihre neuen Modelle Blackboxen ein, die Fahrtdaten aufzeichnen, ab 2020 soll das in der EU Pflicht werden. E-Bike-Verleiher tauschen schon längst Citybikenutzung gegen persönliche Daten. Mobilitätsforscher werden nicht müde, den Nutzen von Mobilitätsdiensten und -Apps für den reibungslos fließenden Verkehr zu preisen.

Denn je mehr Daten aus dem Verkehr verknüpft werden können, desto besser sind die Infos über den Zustand der Straßen – voll, leer, vereist, geflutet, Baustelle und so weiter –, über die Fahrpläne von Bus und Bahn und deren jeweilige Pünktlichkeit und zu erwartende Beinfreiheit. Und so verknüpfen sich immer mehr Daten zu einem immer dichteren Netz an Informationen darüber, wer gerade wo ist, woher kommt und wohin will.

Das kann man technikaffin nützlich finden und begrüßen, aber dabei würde man übersehen oder ignorieren, dass dies auch herausführt aus einer Welt, in der Unsichtbarkeit möglich ist, hinein in die Welt der gläsernen Bürger, deren tagtägliche Bewegungsprofile immer nur einen Hack entfernt sind von missbräuchlicher Nutzung.

Digitalisierung entfalten ihre Wirkung erst noch

Das heißt: Irgendjemand, irgendwo auf der Welt weiß, wo und wahrscheinlich daraus gefolgert auch, wer Sie sind. Sie dagegen wissen nicht mal, wer warum ein Interesse daran haben könnte, Sie zu tracken. Ein angenehmer Gedanke? Hoffentlich nicht. Dennoch können die Unternehmen darauf setzen, dass den Menschen der Wert ihrer Daten nicht bewusst ist, denn die Menschen benehmen sich solcherart.

Auch die Berliner Verkehrsbetriebe haben nun Appetit auf Daten entwickelt und ihr Maul ganz weit aufgesperrt. Sie wollen den Menschen in Berlin eine neue App anbieten, mit der diese alle ihre Wege inklusive Bezahlung und Ticketing durch die Stadt organisieren können. Na, wie ist das doch praktisch.

Die Digitalisierung mag einem als Schlagwort schon aus dem Hals hängen, als Realität entfaltet sie ihre Wirkung erst noch. Ein BVG-Vorstand sagte zur Einführung der neuen App, die Gründungsidee der BVG vor 90 Jahren sei gewesen, einen einfachen Zugang zu Mobilität zu bieten, und Dank der App mache man „diese Idee fit für das 21. Jahrhundert“. Das zeigt eine erschreckende Unsensibilität für das, was gerade geschieht. Das BVG-Ticket gab den Menschen etwas, die App nimmt ihnen etwas. Ein gigantischer Unterschied.

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