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Beim Laubhüttenfest. Sawsan Chebli mit Rabbiner Yehuda Teichtal.
© Sven Darmer

„Was erwartet ihr von der Politik?“: Chebli besucht jüdische Gemeinde am Jahrestag des Halle-Anschlags

In einer Laubhütte im Hof der Chabad-Gemeinde in Berlin trifft die Staatsekretärin Rabbiner Teichtal. Nachbarschaftlich beginnt das Gespräch. Dann wird es politisch.

Im Hof der Chabad-Gemeinde in Wilmersdorf ist eine Sukka, eine Laubhütte, aufgebaut. Die Tische sind gedeckt mit koscherem Frühstück, Lachs, Oliven, Croissants. Am letzten Tag des siebentägigen Festes Sukkot begrüßt Rabbiner Yehuda Teichtal muslimischen Besuch. Sawsan Chebli ist gekommen. Die Staatssekretärin für bürgerliches Engagement hat den Jahrestag des Anschlags von Halle gewählt, um als Politikerin herauszufinden, „wo der Schuh drückt“. Als Nachbarin will sie Solidarität zeigen.

Um die Tafel herum versammeln sich Gemeindemitglieder und auch der Rabbiner von Halle, Elischa Portnoy. Es ist nicht so voll wie sonst, Tribut an die Coronakrise. Deshalb hat die Hütte zuvor auch schon als Deutschlands erste Open Air Synagoge fungiert.

Nachbarschaftlich beginnt das Gespräch. Chebli richtet Grüße von ihrem Mann aus, der Rabbiner erkundigt sich, wie es dem Kind geht. Dann spricht er einen Segen über die Mahlzeit. „Wir sind alle verschieden und sitzen doch unter dem gleichen Dach“, sagt er. Sawsan Chebli wählt locker das vertrauliche „Du“ in der Ansprache, obwohl sie sich jetzt als Staatssekretärin interessiert: „Was erwartet ihr von der Politik?“

Yehuda Teichtal sagt, dass er „Tacheles reden“ will. Nach Anschlägen sei die Anteilnahme immer groß, überall in den Medien sei sie in Worten präsent. Allerdings habe er immer das Gefühl, dass nicht konsequent genug ermittelt werde. Bestehende Gesetze müssten zudem viel konsequenter umgesetzt werden. „Häufig“, sagt er, „bleibt es bei der Anteilnahme.“ Da müsse sich dringend etwas ändern.

Respekt und Vertrauen

Zudem sollte viel mehr in Bildung investiert werden: „Was ist besser, als Berührungsängste abzubauen?“, fragt er. Je mehr man voneinander wisse, desto eher sei Normalität möglich. „Es ist wichtig, dass wir alle Respekt voreinander haben.“ Die Menschen bräuchten Vertrauen. Um Vertrauen zu schaffen, brauche es aber Taten.

Sawsan Chebli sagt, dass sie als Muslima glaube, dass Gott seine schützende Hand über die Synagogentür gehalten habe. „Wir Muslime müssen viel mehr dafür tun, dass jüdisches Leben weiterwachsen kann.“

Dann wird sie politisch. Dass etwa ein Angriff auf ein jüdisches Restaurant nicht als antisemitische Tat in der Statistik geführt werde, „das geht nicht“. Sie wolle das, was sie hier höre, weitergeben in den Senat und auch in den Bundestag. „Ich will eine starke Stimme sein für ein gutes Zusammenleben.“

Er schätze ihr Engagement, antwortet Teichtal. Allein es fehlten Taten. „Was der Senat macht, finden wir nicht ausreichend. Gesetze müssen angewendet werden.“ Dann gibt er einem Studenten das Wort. Es sei eben noch nicht normal, wenn ein Junge mit Kippa im Sportverein ist, gibt der zu bedenken. Und es sei nicht normal, wenn sich jüdische Mitbürger in Parteien engagierten. „Normalität muss tiefer gehen, muss gelebt werden.“

Wie vergleichsweise vorbildlich das in New York möglich ist, hat auch Sawsan Chebli schon beobachtet. Trotz Tacheles findet der Rabbiner ein optimistisches Schlusswort: „Alle Menschen haben das Potenzial, gute Menschen zu sein.“

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