• Checkpoint-Interview mit der BVG-Chefin: „Wir haben mit Abstand den besten Nahverkehr Deutschlands“

Checkpoint-Interview mit der BVG-Chefin : „Wir haben mit Abstand den besten Nahverkehr Deutschlands“

Die BVG stehe jeden Tag vor großen Herausforderungen, sagt Chefin Sigrid Nikutta. Die versuche sie zu meistern – mit neuer Technik, Ausbildung und Selbstironie.

Die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe Sigrid Nikutta findet, ihr Unternehmen mache einen sehr guten Job.
Die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe Sigrid Nikutta findet, ihr Unternehmen mache einen sehr guten Job.Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Dr. Sigrid Evelyn Nikutta ist seit Oktober 2010 Vorstandsvorsitzende der BVG.

Wie kommt es, dass wir morgen in Berlin mit einem Einzelticket für 2,80 Euro den ganzen Tag unterwegs sein dürfen?
Morgen ist weltweit „Autofreier Sonntag“. Das ist eine tolle Aktion. Und um möglichst viele Berlinerinnen und Berliner zum Mitmachen anzuregen, haben wir uns mit der Deutschen Umwelthilfe etwas Besonderes ausgedacht. Mit einem Einzelfahrschein geht es einen ganzen Tag mit Bussen und Bahnen durch die Hauptstadt. 

Und da natürlich auch die S-Bahn, die DB Regio, die ODEG und alle weiteren in Berlin aktiven Partner des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg mit an Bord sind, kann nun jeder zum Kennenlernpreis von 2,80 Euro ausgiebig testen, wie einfach und komfortabel man mit dem Berliner Nahverkehr ans Ziel kommt.
 
Im August hat die Ära der Elektromobilität bei der BVG ernsthaft begonnen. Nachdem die ersten vier E-Busse auf der Linie 204 vor allem durch ihre Unzuverlässigkeit aufgefallen waren: Wie läuft es mit den neuen Bussen auf der Linie 300?
Bitte nicht vergessen, die Buslinie 204 hat als Forschungsprojekt begonnen. Da haben wir getestet und Erfahrungen gesammelt. Mit der Linie 300 sind wir im Regelbetrieb. Hier sind täglich 30 E-Busse unterwegs. Unsere Fahrerinnen und Fahrer sind sehr zufrieden mit den neuen Bussen.

Sie sind nicht nur leise und umweltfreundlich. Sie zeigen uns auch mit einer Zuverlässigkeit von über 98 Prozent, dass sie sehr wohl großstadttauglich sind. Und mal ganz nebenbei: Die Ära der Elektromobilität hat bei der Straßenbahn schon 1881 begonnen, und zwar hier in Berlin. Auch unsere U-Bahn fährt seit Start im Jahr 1902 elektrisch. Und selbst vier unserer Fähren sind bereits seit längerem „unter Strom“. Dadurch sind zwei Drittel unserer Fahrgäste schon längst elektromobil unterwegs. Jetzt folgt noch der Busbereich.
 
Und wie bewähren sich die neuen Linienführungen? Vom Fahrgastverband sind Sie ja heftig kritisiert worden, weil sie ausgerechnet besonders frequentierte Verbindungen wie den TXL und den M48er gekappt haben und mit dem 300er eine neue Linie etablieren wollen, die im Zickzackkurs durch den Dauerstau in der Ost-City geführt wird.
Wir hatten auf wichtigen Zubringerlinien wie dem M48 oder dem TXL das Phänomen, dass die Busse ausgerechnet auf vergleichsweise schwächer genutzten Abschnitten häufig im Stau feststeckten. Darunter litt die Qualität auf den stark nachgefragten Abschnitten.

Darauf haben wir reagiert. Der TXL ist jetzt ein echter Airport-Zubringer-Bus. Und unsere neue Linie 300, mit der wir nun auch das boomende Quartier zwischen Ostbahnhof und Warschauer Straße mit tausenden neuen Arbeitsplätzen, Touristen und Veranstaltungsbesuchern deutlich besser anbinden, wird sehr gut angenommen. Auch fährt die Linie 300 alle 10 Minuten. Vorher gab es mit der Linie 248 eine Anbindung im 20-Minuten-Takt.

Wir haben also auf einer attraktiven Verbindung unser Angebot verdoppelt. Und – das ist ebenso wichtig – wir sorgen für bessere Luft an stark belasteten Straßenabschnitten wie der Leipziger Straße. Hier sind jetzt auf der neu geführten Linie 200 im ersten Schritt modernste Euro-VI-Busse und ab 2020 dann die neuen E-Gelenkbusse im Einsatz. So machen wir den Busverkehr in der Stadt weniger anfällig für Verspätungen, und unsere neue Linie 300 zeigt, dass es funktioniert.

Anfang des Jahres standen Sie in der Kritik, weil bei Straßen- und U-Bahnen Züge und auch Personal fehlte. Wie ist die Situation aktuell? 
Als BVG bieten wir jeden Tag 36.000 Fahrten, den größten Anteil davon – 27.000 Fahrten – mit dem Bus. Die U-Bahn kommt auf 4000 Fahrten am Tag. Aktuell liegt unsere Zuverlässigkeit bei 98,5 Prozent. Das heißt, nur 1,5 Prozent der planmäßigen Fahrten fallen aus. Das ist ein sehr, sehr ordentlicher Wert für ein U-Bahn-System. Und es ist angesichts unserer alten Fahrzeugflotte jeden Tag ein echter Kraftakt, dass auch so hinzubekommen. 

Und was das Personal betrifft, da haben wir bereits vor einigen Jahren einen grundsätzlichen Strategiewechsel vollzogen: ausreichend Personal auch für besondere Situationen und Herausforderungen. Wie Sie sicher an unseren Fahrzeugen und auf den Bahnhöfen schon gesehen haben, werben wir nach wie vor sehr aktiv um neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es freut uns sehr, dass es ein hohes Interesse an Jobs bei der BVG gibt. 

[Diesen Text haben wir unserem Morgen-Newsletter Checkpoint entnommen. Lesen Sie Berlins beliebtesten Newsletter. Entweder als kostenlose Kurzfassung oder das preisgekrönte Original.]

Wir bilden alle Fahrer für die U-Bahn und auch für die Straßenbahn zu hundert Prozent, für den Bus zu zwei Dritteln selbst aus. Wir lasten derzeit alle unsere Kapazitäten dafür voll aus. Als landeseigenes Unternehmen unterstützen wir selbstverständlich das Bestreben der Stadt, den öffentlichen Nahverkehr nicht nur durch Taktverdichtungen, sondern insbesondere auch durch die Erweiterung des Angebotes noch attraktiver zu gestalten. Darauf bereiten wir uns vor.

Die Beschaffung der neuen U-Bahn-Züge zieht sich leider noch etwas. Dennoch sollten wir alle froh sein, in einem Land zu leben, in dem es die Möglichkeit gibt, Entscheidungen anzufechten. Auch wenn es uns in diesem Fall in Berlin echt weh tut.
 
Nach der Geburt der Pandas im Zoo twitterte Ihre Social-Media-Redaktion, die Zwillinge seien „das perfekte Maskottchen unserer Busflotte: Wenn man die Hoffnung verloren hat, dass überhaupt noch was kommt, kommen plötzlich zwei.“ Was sagen Sie den vielen Kritikern, die über solche Späße angesichts der frustrierenden Wahrheit nicht lachen können?
Wie frustrierend sind dann erst die vollen Straßen und die Staus in der Stadt? Wir haben mit Abstand den besten Nahverkehr Deutschlands, auch wenn wir jeden Tag vor großen Herausforderungen stehen. Jetzt mal ganz ehrlich, Sie haben doch bestimmt ein bisschen geschmunzelt… Wir bieten mit unserem Twitter-Service auf der einen Seite ganz konkrete Informationen zum Verkehrsgeschehen.

Wir machen die Erfahrung, dass unsere Fahrgäste es gut finden, für ihre großen und kleinen Ärgernisse und übrigens auch für ihr Lob eine Plattform vorzufinden, die ihnen auch antwortet. Und so eine kleine Portion Selbstironie, vor allem auf unseren Kampagnenkanälen, bringt schon die meisten zum Lachen.
(Das Interview wurde aus organisatorischen Gründen schriftlich geführt.)

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