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Mario Czaja gewinnt in Marzahn-Hellersdorf das Direktmandat für den Bundestag

© Lino Mirgeler/dpa

Tagesspiegel Plus

„Das Ergebnis überrascht auch mich“: Die CDU erobert Berlins Osten – wie das gelungen ist

Mario Czaja gewinnt in Marzahn-Hellersdorf das Direktmandat für den Bundestag - und besiegt Linken-Star Petra Pau. Er ist nicht der einzige Christdemokrat, der im Osten Berlins triumphiert.

Mario Czaja ist am Tag nach der Wahl so still, dass sich in seiner CDU einige wundern, weil der Ex-Gesundheitssenator unter Christdemokraten doch für kokettes Selbstbewusstsein bekannt ist. Vielleicht fällt eine Last von Czaja ab, der mit einem voll auf seine Person zugeschnittenen Wahlkampf die Linken-Hochburg im Osten Berlins angegriffen hat – und Marzahn-Hellersdorf deutlicher gewann, als von den Demoskopen prognostiziert: Czaja, 46 Jahre, stammt aus dem beschaulichen Mahlsdorf im Süden des Bezirks und trat das erste Mal für den Bundestag an. Er eroberte nun auch Plattenbau-Gebiete am nördlichen Stadtrand und bekam 29,4 Prozent der Erststimmen. Die seit Dekaden präsente Linken-Spitzenfrau Petra Pau, 58, erhielt noch 21,9 Prozent, ihre Partei nicht mal 16 Prozent.

„Ja, das Ergebnis überrascht auch mich“, sagte Czaja am Montag und verwies auf seinen CDU-Kreisverband, der gekonnt Kommunales, Landespolitisches und Bundesthemen verwoben habe: „Wir haben die fehlenden Praxen thematisiert, Kitas und Schulen genauso wie das Wohnen.“ Czaja sprach sich in den letzten Wochen zwar gegen Enteignungen aus, aber eben für Genossenschaften als „sozialste Form des Wohnens“. Nun habe er in jenen Kiezen mit vielen Genossenschaftswohnungen tatsächlich viele Stimmen gewonnen, sagte Czaja, zudem aus der russisch-sprachigen Community.

Fünf CDU-Kandidaten triumphieren in der Linken-Hochburg Marzahn-Hellersdorf

Czaja hat alles auf eine Karte gesetzt – nämlich auf einen stadtweit als unwahrscheinlich eingestuften Sieg in Deutschlands bekanntester Linken-Hochburg –, als er im Sommer öffentlich mit Berlins CDU-Spitzenkandidat Kai Wegner brach. Die Idee dabei: In Marzahn-Hellersdorf glaubhaft als ein von seiner westlastigen Partei distanzierter Vor-Ort-Kämpfer auftreten zu können. Im Wahlkampf arbeitete Czaja zuweilen ohne CDU-Symbole. Bei den Zweitstimmen siegte dann auch die SPD.

Doch es ist nicht nur Czaja. Für das Abgeordnetenhaus gewannen gleich drei Christdemokraten seines CDU-Verbandes ihre Wahlkreise direkt. Christian Gräff erhielt im bürgerlichen Biesdorf 35,5 Prozent, Czajas Nachfolgerin in Mahlsdorf, Katharina Günther-Wunsch, 33,7 Prozent. Beachtlich ist, dass im schon einkommensschwächeren Kaulsdorf-Nord der Noch-CDU-Bezirksverordnete Alexander Herrmann mit 27,9 Prozent siegte und nun ebenfalls ins Landesparlament einziehen wird. Alle Kandidaten traten sozialpolitisch profilierter auf als die CDU allgemein und gewannen mehr Erststimmen als ihre Partei an Zweitstimmen.

Christian Gräff (CDU ) gewann in Biesdorf.

© Foto: Annette Riedl/dpa

Auch das Bezirksamt dürfte nun an die CDU fallen. Die bisherige Wirtschaftsstadträtin Nadja Zivkovic gewann die Bezirksverordnetenwahl, die Unionsliste erhielt 20,8 Prozent – 3,5 Prozentpunkte mehr als 2016. Zivkovic kann nun erste christdemokratische Bürgermeisterin in Marzahn-Hellersdorf werden. Linke und SPD könnten das nur durch eine rot-rote Zählgemeinschaft, also eine bezirkliche De-facto-Koalition verhindern. Bislang regiert die Linke Dagmar Pohle, die dienstälteste Bezirksbürgermeisterin Berlins, das Rathaus. Sie ist nicht mehr angetreten und geht in den Ruhestand.

Bezirksstadträtin Nadja Zivkovic gewinnt in Marzahn-Hellersdorf für die CDU.

© Hannes Heine / Hannes Heine

Längst tritt das Phänomen – sozialpolitisch versierte, gesellschaftspolitisch liberale CDU-Einzelkandidaten setzen sich im Osten Berlins durch – auch in anderen Linken-Hochburgen auf. In Lichtenberg hat zwar Gesine Lötzsch erneut das Bundestagsdirektmandat gewonnen, aber weniger deutlich als noch 2017: Zudem hat ihre Linke insgesamt massiv an Stimmen in Lichtenberg verloren.

Der Vizechef des CDU-Kreisverbandes, Danny Freymark, jedoch gewann in seinem Kiez mit 25,5 Prozent: Freymarks Wahlkreis sind die Hochhäuser in Neu-Hohenschönhausen, wo die CDU zwar auch bei den Zweitstimmen zulegte, aber mit 19,8 Prozent hinter Freymark blieb.

Freymark gewann damit über die ebenfalls äußerst aktive Linken-Politikerin Ines Schmidt. Wohlgemerkt in einem Viertel, in dem vergleichsweise viele Anwohner das einstige Linken-Parteiblatt „Neues Deutschland“ lesen. Zur Berlin-Wahl 2006 holte Freymarks CDU-Vorgänger gerade 11,4 Prozent der Erststimmen, die örtliche Linke damals 38,6. Und auch im Nachbarwahlkreis, Lichtenberg II, gewann mit Martin Pätzold – ein emsiger Jung-Professor – ein CDU-Mann. Pätzold bekam 21,3 Prozent der Erststimmen, ein wenig mehr als der Linken-Kandidat. Offenbar ein neuer Trend im Berliner Osten.

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