Debatte um Männlichkeit : Tragen macht glücklich!

Unser Autor wünscht sich mehr Väter, die wie Schauspieler Daniel Craig ihr Baby um den Bauch geschnallt tragen und eine intensive Zeit mit ihm verbringen.

Tragetücher schaffen Nähe. Unser Autor erhofft sich dadurch einen langfristig positiven Effekt auf Väter.
Tragetücher schaffen Nähe. Unser Autor erhofft sich dadurch einen langfristig positiven Effekt auf Väter.Foto: Istock/AzmanL

Ist ein Vater mit Babytrage vor dem Bauch noch ein Mann oder nur noch ein Männchen? Das ist grob gesponnen der rote Faden, der sich durch die große Online-Social-Media-„Diskussion“ der letzten Woche zog. Doch dieser Streit war vom Anfang bis zum jetzigen Stand völlig überflüssig und geradezu ärgerlich, wie die dritte Erkältungsattacke in nur drei Kita-Herbstwochen.

Warum? Weil sich die Empörung am eigentlichen Thema vorbeiempört. Das eigentliche Thema ist: Warum sind es immer noch die Mütter, die die meiste Zeit mit dem Nachwuchs verbringen dürfen? Das ist ungerecht. Warum stehen Väter nicht endlich auf und kämpfen dagegen an. Arbeit zur Hölle und ab nach Hause: Nachwuchs wiegen, hegen und durch den Tag tragen. Männer – wollt ihr nicht oder könnt ihr nicht? Und wenn ihr nicht wollt, dann sage ich euch, dass ihr vielleicht die besten Momente eures Lebens verpasst.

Für mich waren diese ersten 12, 14 Monate mit meinem Sohn eine der schönsten Zeiten meines Lebens. Während die Mutter sich fortbildete, stapfte ich mit ihm in der Babytrage im Schnee und in den Wäldern umher. Oder in der Sonne und im Park. Oder im Regen und auf der Straße. Dorthin, wo ihr Bildungshunger sie trieb, reiste ich mit. Dann spazierten wir, er und ich, er vor meinen Bauch geschnallt und ich als sein Tragetier, eine Symbiose zweier Menschen, der eine klein, der andere groß, immer im Zirkel um den mütterlichen Standort – in einem Radius von drei Stunden, denn dann mussten wir wieder bei ihr sein. Stillen.

Daniel Craig ist einer von uns - das macht ihn sympathisch

Aber noch einmal kurz zurück. Um was ging es bei diesem Online-Streit? Ein berühmter Schauspieler, Daniel Craig heißt er, er ist der, der seit 2006 den ultra-maskulinen James Bond spielt. 007, Geheimagent, Welt retten, aber die meiste Zeit ist er mit schnellen Autos, heißen Bräuten und harten Drinks beschäftigt. Dieser Craig also wird dabei fotografiert, wie er mit seinem Baby in der Babytrage vor dem Bauch durch die Straße läuft. Ein nicht ganz unbekannter britischer Moderator, Piers Morgan, bezeichnete ihn daraufhin auf Twitter als unmännlich, weil ein richtiger Mann sein Baby nicht in der Trage, sondern im Arm halten würde.

Geschenkt. Jeder sollte sich um seinen eigenen Kram kümmern und nicht dem anderen vor die Tür pinkeln.

Viel wichtiger: Ist jemandem schon mal aufgefallen, wie Craig auf dem Foto mit seiner Hand die Trage und damit sein Kind an sich drückt? Das muss man gar nicht machen. Das Kind sitzt fest genug. Es kann weder runterfallen, noch hüpft es auf und ab. Auch nicht, wenn man schnell läuft. Trotzdem ist diese Geste typisch. Habe ich auch so gemacht, macht jeder.

Es ist ein Symbol für diesen bedingungslosen Schutz, für diese Liebe, die Eltern haben. Und das macht dieses Foto so sympathisch, Multi-Millionär und Mega-Star Craig ist, was das Vatersein angeht, einer von uns. Auch ihm wird das Kind auf das Hemd oder ins Bett kotzen. Auch er wird vollgeschissene Windeln wechseln. Auch ihm wird sein Kind auf die Wickelkommode pinkeln und auch er wird dieses Glück auf Erden spüren. Und darum geht's. Nicht darum, ob man in diesen Tragedingern männlich wirkt oder nicht. Völlig egal. Spürt man dieses Glück oder nicht. Nimmt man sich genügend Zeit, um es zu spüren. Nur darum geht's.

Und: Weder Vater noch Mutter müssen sich im ersten Jahr des Kindes ernsthaft darum scheren, wie sie auf andere wirken, wie sie gekleidet sind, ob sie cool, sexy, attraktiv, modisch herüberkommen. Denn: Wie will man männlich aussehen und sich auch noch so fühlen, wenn das Kind schreit und schreit und man alles versucht, um es zu beruhigen: es schaukelt, wippt, singt, flüstert, fleht? Da ist Not am Mann, da ist Feuerwehreinsatz, da ist das ganze Können väterlicher Fürsorge gefragt. Außerdem: Wie will man männlich aussehen, wenn man vor Müdigkeit kaum noch stehen kann?

Wer 60 Stunden pro Woche arbeitet, sieht seine Kinder nicht

Vor einer Woche musste mein Sohn operiert werden. Nichts Schlimmes, aber wichtig. Und als sie ihm dann diesen Beruhigungssaft gegeben haben, lallte mein Sohn, schwankte und war nicht mehr er selbst. Als sie ihm dann diese Spritze gaben und er betäubt niedersank, wurde mir ganz anders. Ich war erschüttert, durcheinander, denn in dieser Situation konnte ich ihn nicht mehr beschützen und musste ihn in die Hände von anderen geben. Das hat mir zu schaffen gemacht.

Die Familie zu beschützen, für sie zu sorgen, hat für mich nichts mit Geld verdienen zu tun, auch nichts mit Mann oder Frau. Vor ein paar Jahren fragte mich meine Freundin, ob sie nicht auch Hausfrau werden könnte. Es war Spaß und Ernst zugleich. Vergiss es, habe ich ihr gesagt, da musst du dir einen anderen für suchen. Heute machen wir alles halbe-halbe. Haushalt. Kind. Finanzen. Ich bringe ihn morgens in, sie holt ihn nachmittags aus der Kita. Oder umgekehrt. Je nachdem. Ist das Kind krank, checken wir, wer gerade dringender arbeiten muss. Muss sie eine Woche auf Dienstreise, übernehme ich komplett. Jeder verdient die Hälfte, von dem was wir brauchen. Anders würde ich es nicht haben wollen.

Und deshalb finde ich es so irritierend, wenn der Soziologe Martin Schröder von der Uni Marburg in einer vor wenigen Monaten veröffentlichten Studie herausgefunden haben will, dass das traditionelle Familienbild Väter wie Mütter immer noch am glücklichsten macht. „Am allerglücklichsten sind die Väter, wenn sie zwischen 40 und 60 Stunden pro Woche arbeiten und sich als Ernährer der Familie fühlen können“, sagt er dazu. Und umgekehrt soll sich die Frau auch am wohlsten fühlen, wenn der Mann das übernimmt. Puh.

Wer 60 Stunden die Woche arbeitet, sieht seine Kinder nicht mehr. Wer einen Partner hat, der 60 Stunden die Woche arbeitet, sieht den auch nicht mehr. Da ist über kurz oder lang Schicht im Schacht und dann winkt die Patchworkfamilie. Was den Grund angeht, mutmaßt der Soziologe, dass wir dem gängigen Bild entsprechen wollen. Männer sollen sich unwohl fühlen, wenn da nur Frauen auf dem Spielplatz sind und man selbst der einzige Mann ist. Okay, das stimmt.

Warum sind es hauptsächlich die Frauen, die die Nestpflege übernehmen

Und wenn der Mann dann abends mit Freunden in die Bar geht, will er über berufliche Erfolge berichten und nicht über die „Verdauungsprobleme“ der Kinder, so der Soziologe. Hier weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Erstens: Abends in die Bar gehen, das ist die absolute Ausnahme. Jedes Bier zu viel rächt sich morgens um 6 Uhr, wenn das Kind kommt, um zu schauen, was die Eltern so treiben. Zweitens, wenn ich mich alle drei Monate dann doch mit meinen alten Schulfreunden in der Bar treffe, warte ich nur darauf, bis die elendige Politik- und Berufsdiskussion vorbei ist. Dann will ich über die Kinder reden. Hat es die Trennung des einen verkraftet. Wohin kann man die tollsten Ausflüge machen. Was macht die Tochter, die sich nur noch von Mama beruhigen lässt. Wie läuft das Sexleben. Gut, nicht so gut, gar nicht? Zuhören und noch ein Bier holen, wenn's mal schwierig ist. Darum geht es. Das sind die Themen. Beruf? Wie oft will man denn den anderen das Gleiche erzählen?

Noch mal zu diesem Bild, von dem der Soziologe sprach, dem wir vielleicht nicht entsprechen wollen, aber müssen, weil wir nicht anders können. In meiner Kita gibt es einen Vater, nett ist der, keine Frage, sagt aber zu seinem Sohn: „Heul nicht, sei tapfer, du bist doch ein Junge.“ Oder: „Mädchen haut man nicht.“ Das sind Glaubenssätze aus einer anderen Zeit. Es sind dieselben, die dazu führen, dass die Mütter die Nestpflege übernehmen und die Männer arbeiten gehen. Und jetzt rede ich nicht nur von der Elternzeit, sondern auch noch von den Jahren danach. Männer verdienen mehr als Frauen und Frauen arbeiten öfter in Teilzeit. Mit Männlichkeit hat das nichts zu tun. Das ist ein Strukturproblem.

Warum ist es aber so, dass sich die Vollzeitangestellten Väter nur 26 Stunden die Woche um ihren Nachwuchs kümmern, während Vollzeitangestellte Mütter dies für 39 Stunden pro Woche tun? Drücken die Männer sich? Machen sie mehr Freizeit? Nehmen sie sich mehr heraus? Das beantwortet der Atlas der Arbeit 2018 vom DGB, in dem diese Zahlen drinstehen, nicht.

Für mich besteht meine Vater-Männlichkeit daraus, mit meinem Sohn zu toben, mit ihm laut zu sein und „Krawumm und Peng“ zu machen. Wir knallen Stöcker gegen den Baum, Steine ins Wasser, zerstören die Duplo-Burg, brüllen und haben Spaß dabei. Bei mir kann er auch Sachen machen, die ein bisschen gefährlicher sind, schnell mit dem Laufrad irgendwo runterdüsen, irgendwo raufklettern und runterspringen. Dafür kuschelt mein Sohn viel lieber mit seiner Mama. Ich werde dann regelrecht weggeschickt, was ich zähneknirschend hinnehmen muss.

Ich hoffe, dass diese Babytragen einen langfristigen und positiven Effekt auf Väter haben werden. Je mehr Männer ihre Kinder damit herumtragen, umso mehr wächst das Bedürfnis, länger und öfter für sie da zu sein, hoffentlich. Mal schauen, wie es bei Daniel Craig in ein paar Jahren aussehen wird.

Karl Grünberg, 36, ist Vater, Autor, Ur-Berliner und lebt mit seiner Familie in Neukölln. Dieser Text erschien auf der Familienseite des Tagesspiegels, immer freitags im Berlin-Teil. Mehr Texte rund um das Thema Familie finden Sie hier.

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