Mit Strich oder ohne.

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Der Bindestrich der Freiheit : West-Berlin oder Westberlin?
Ost- und West-Berlin trennte früher mehr als nur der Checkpoint Charlie, manchmal sogar die Schreibung des Namens.
Ost- und West-Berlin trennte früher mehr als nur der Checkpoint Charlie, manchmal sogar die Schreibung des Namens.Foto: dpa

Mit Strich oder ohne – das kam früher fast einem Dogma gleich, wobei es akribischer Forschungen bedürfte, um dessen genaue Entstehung zu rekonstruieren. Anfangs war der Strichverzicht auch im Westen nicht unüblich. „Die in West-Berlin auch offiziell gelegentlich geäußerte Auffassung, die Schreibung ohne Bindestrich sei eine Erfindung der DDR, erweist sich damit als falsch“, resümiert Manfred W. Hellmann in seinem Buch „Wörter und Wortgebrauch in Ost und West. Ein rechnergestütztes Korpus-Wörterbuch zu Zeitungstexten aus den beiden deutschen Staaten“ (Tübingen 1992). Sogar Tagesspiegel-Herausgeber Erik Reger schrieb in einem Leitartikel zum 17. Juni 1953 noch unbekümmert von „Westberlin“ und „Ostberlin“. Einige Jahre später war diese Unbefangenheit nicht mehr selbstverständlich. Eine Senatskommission empfahl 1960 für nicht amtliche Bezeichnungen zwecks größerer Klarheit für den West- wie den Ost-Teil der Stadt die Bindestrich-Schreibweise. Und fünf Jahre später erließ das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen für alle Behörden in der Bundesrepublik gültige Richtlinien, wonach es „Sowjetsektor von Berlin“ oder „Sowjetsektor“ sowie „Berlin (West)“ heißen solle, wenn es auch keine Bedenken gebe, „gegebenenfalls ausnahmsweise auch von ,West-Berlin’ zu sprechen“.

"Berlins erster Buchstabe ist ein großes B"

Aber keinesfalls von „Westberlin“, das im Westen bald als sprachliche Hinterlist des Ostens interpretiert wurde, zumal es nach dem Mauerbau am 13. August 1961 auf dessen Karten ohnehin nur noch ein weißer Fleck war und der Ostteil bald nur noch als „Berlin – Hauptstadt der DDR“ firmierte. Mit Bindestrich oder ohne – dem bekennenden West-Berliner signalisierte das, ob man die Aufteilung in Ost und West als endgültig oder befristet ansah. Ob die Westhälfte als besondere politische Einheit zu verstehen sei, deren Ansprüche auf Wiedervereinigung man mit Weglassen des Bindestrichs schroff zurückweisen müsse, oder als künstliche, nur vorübergehende Teilung. Oder wie Günter Matthes 1967 in seiner täglichen Tagesspiegel-Glosse „Am Rande bemerkt“ schrieb: „Schöneberg wie Pankow gehören zu Berlin, indes gibt es eine Philologie der politischen Teilung, welche die Tatsachen um der klaren Begriffe willen anerkennen muss. Um dennoch zu dokumentieren, dass Berlins erster Buchstabe ein großes B ist, schreiben wir die Hälften mit einem Bindestrich in des Wortes umfassender Bedeutung: West-Berlin und Ost-Berlin. Die sprachliche und ortskundliche Identität wird gerade durch das Auseinanderhalten hergestellt.“

Heute hat all das keine Bedeutung mehr. Westberlin oder West-Berlin – das wird vom Duden, nicht mehr von der Politik geregelt, und mag man sich aus Gründen der Tradition oder des Geschmacks nicht an die Vorgabe halten: auch gut. Beliebigkeit ist an die Stelle des alten Dogmas getreten, und wenn sich, wie Ende 2012 geschehen, ein neues Café im ehemals westlichen Teil der Friedrichstraße „westberlin“ nennt, in alter Ost-Berliner Manier, so ist das längst kein Gesprächsthema mehr, das länger als einen Latte macchiato reicht.

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