Die Corona-Krise und die Grundschulen : "Das Schuljahr muss verlängert werden!"

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Philipp Lengsfeld fordert einen "Krisenstab Grundschuljahr" und verkürzte Sommerferien. Eine Position.

Philipp Lengsfeld
Schule wird in Berlin sehr unterschiedlich buchstabiert.
Schule wird in Berlin sehr unterschiedlich buchstabiert.Foto: dpa

Jetzt sind wir im vierten Tag der Berliner Schulschließung: Zeit nach vorne zu schauen. Und da muss jede Situation individuell bewertet werden: Dieser Text dreht sich um die Grundschulen!

Kann ein Grundschuljahrgang in Berlin den Totalausfall von mindestens drei Wochen Unterricht einfach verkraften? Nein! Schon jetzt sind wir bei einer Schließzeit von insgesamt fünf Wochen – es werden mit ziemlicher Sicherheit noch weitere zwei bis drei Wochen dazukommen.

Können die Elternhäuser dies abfedern? Nein und nochmals nein! Im Gegenteil, gerade in der kritischen Phase der Alphabetisierung und des Rechnenlernens - Anfangsunterricht Lesen, Schreiben, Rechnen - bewirkt völlig unterschiedliche Selbstbeschulung mit Sicherheit das Gegenteil – selbst wenn sie geleistet werden könnte, was in vielen Familien eh nicht geht.

"Manche Kinder lernen nichts und andere etwas Falsches"

Das wäre das Ergebnis: Manche Kinder lernen nichts und andere etwas völlig Falsches. Eltern sind keine ausbildeten Grundschullehrer und können dies auch in der akuten Lage nicht werden - viele arbeiten ja Zuhause oder organisieren Notbetreuung. ‚Homeschooling‘ oder ‚Eltern als Lehrer‘ sind als Begriffe für die Situation in Familien mit Grundschulkindern absolut zu meiden, da irreführend und falsch.

Außerdem ist die Situation gerade in Familien mit Grundschulkindern besonders schwer – dies zeigen schon die Rückmeldungen von Elternseiten der ersten Tage. Und zwar quer durch alle Bevölkerungsgruppen. Umso wichtiger, dass nicht noch ein schlechtes Gewissen wegen nicht umsetzbarem Homeschooling dazukommt! Hier muss es klare Richtlinien geben, auf die Eltern sich auch in Diskussionen miteinander beziehen können! Und die für alle Grundschulen gelten!

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Wir brauchen einen Krisenstab Grundschuljahr: Hier müssen sich Fachleute und Praktiker jetzt zusammentun um die sofortige Umplanung zur Rettung des Grundschuljahres umzusetzen! Es bedarf ab nächster Woche klarer fachlicher Richtlinien für die Schließzeit: Schwerpunkt Wiederholung und Festigung des Gelernten mit Hilfe moderner Mittel - Software, Spiele, Lesen üben, etc.

Ein Geschwisterpaar lernt Zuhause - am Laptop.
Noch keine Hausaufgaben aus der Schule bekommen oder alles schon erledigt? Beim Lernen zu Hause sind die Eltern jetzt mehr denn je...Foto: Sebastien Bozon/AFP

"Selbstbeschulung ist für Grundschüler falsch"

Selbstbeschulung ist für Grundschüler falsch und sollte nicht animiert oder befördert werden – Eltern dürfen nicht, auch nicht auf Basis von Wochenplänen, eigenständig die Rolle der Grundschullehrkraft übernehmen: Die Schließzeit der Grundschulen muss insofern klar als unterrichtsfreie Zeit definiert werden.

Aber dies wird nicht reichen: So hart dies für uns zunächst klingen mag: Es gibt nur eine wirkliche Maßnahme: Das Schuljahr muss um drei bis vier Wochen verlängert werden. Und zwar so schnell, wie möglich. Schneller denken, Berlin! Wir sehen die Muster beim Sport, bei den Reisen, bei Homeoffice-Reglungen. Zögerlichkeit treibt den Preis und den Ärger nur in die Höhe. Die Entscheidung sollte schnellstmöglich fallen!

"Normale Sommerferien wird es nicht geben"

Im Übrigen ist auch dies jetzt schon klar absehbar: ‚Normale‘ Sommerferien wird es nicht geben. Jeder der arbeiten kann, wird einen Riesenberg abzuarbeiten haben. Familienkassen sind leer und Touristik ist, wenn überhaupt etwas geht, weit von einem Normalzustand entfernt. Mehr als eine Woche Urlaub wird sich eine Durchschnittsfamilie in Berlin eh nicht leisten können! Insofern gibt neben der Pädagogik auch noch andere zwingende Gründe zur Verlängerung.

Und es gibt noch einen kritischen Aspekt: Nur durch die Nutzung des Sommerferienpuffers kann anstehende virologisch-fachliche Entscheidung über die Wiedereröffnung der Berliner Schulen mit weniger fachfremden Druck getroffen werden. Und auch dieser Punkt ist jetzt schon absehbar: Das Schuljahr wird ab einer gewissen Schließzeitlänge nicht zu retten sein, oder im Extremfall können Schulen bis Sommer gar nicht wiedereröffnet werden. Auch für dieses "Worst-Case-Scenario muss gerade für die Grundschulen jetzt geplant werden!

Können wir nicht zur Abwechslung mal vorne dabei sein, Berlin? Wir müssen nicht darauf warten, dass Bayern, Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen das Unausweichliche beschließen. Tun wir alles zur Rettung dieses Grundschuljahres. Und zwar jetzt! Schneller denken, Berlin!

 

Dr. Philipp Lengsfeld, war für die CDU Mitglied des Bundestags und dort Mitglied des Ausschusses für Bildung

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