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Infoportal im Internet: Die "Spendenmafia" und ihr erstes Opfer

Das Vergleichsportal CharityWatch ist stillgelegt. Der Journalist Stefan Loipfinger reagierte damit auf Klagen gegen ihn. Auch soziale Vereine in Berlin freuen sich über ihren Erfolg - andere Institutionen äußern jedoch ihr Bedauern: Es fehle eine wichtige kritische Stimme.

Der Grabstein ist wieder weg. Ihn aufzustellen, war wohl ein erster Triumph-Reflex der Gegner von Stefan Loipfinger und seiner Internetplattform „CharityWatch“. Es war nur ein virtueller Grabstein auf der Verbraucherschutzseite www.sage-die-wahrheit.de. Aber die symbolische Beerdigung sagt viel aus über die Eskalationsstufe des Konflikts.

Redaktionen wurden mit rufschädigenden Pamphleten überflutet, Journalisten, die mit Loipfinger zusammenarbeiten, verleumdet. Er sei auch persönlich bedroht worden, sagt der Familienvater, der selber als Journalist arbeitet und bei München wohnt. Zuletzt habe er vom Büro zum Auto jedes Mal einen anderen Weg genommen.

CharityWatch kritisierte auch "Peta" und "Ein Herz für Kinder"

CharityWatch ist ein privates Informationsportal zur Bewertung von Spendenorganisationen. Sie werden empfohlen, kritisiert oder in eine Warnliste eingereiht. Unter den Empfehlungen finden sich derzeit 39 Vereine, auf den Kritik- und Warnlisten sind es 174, darunter prominente Akteure wie das „Deutsche Spendenparlament“, die Aktion „Ein Herz für Kinder“ und die Tierschutzorganisation „Peta“. Die Länge der Warnliste bei CharityWatch erklärt Loipfinger mit seinem journalistischen Fokus. Viele Recherchen gründeten auf Hinweisen zu fragwürdigen Praktiken von Organisationen. Die betroffenen Vereine sprechen dagegen von „schlecht recherchierten“ Meldungen, Falschbehauptungen und einer aggressiven Grundhaltung eines Journalisten, der mit seinen Anfragen nicht zuletzt Stoff für ein lukratives Buchprojekt sammelte: „Die Spendenmafia“.

Der Macher wurde sogar persönlich bedroht

Eine Flut von Anzeigen und Gerichtsverfahren bereiteten Loipfingers Projekt schließlich ein vorläufiges Ende. Er sei gesundheitlich angeschlagen und finanziell an seine Grenzen gekommen, sagt der Journalist. CharityWatch habe ihn rund 80 000 Euro gekostet, dabei sollte sich die Seite nach vier Jahren am Markt eigentlich selbst finanzieren. Loipfinger wollte konkrete Inhalte über ein Abo an Spender verkaufen, die Nachfrage habe allerdings gegen null tendiert.

„Uns freut’s“, sagt Jacqueline Boy vom Berliner Verein „Kinderschutzengel“ zum Scheitern von CharityWatch. Loipfinger habe über seine Kontakte zu Medien negative Berichte ausgelöst. In einem Artikel der „Financial Times Deutschland“ wird dem Verein vorgeworfen, zu hohe Verwaltungskosten zu verursachen. Loipfinger hatte auch prominente Unterstützer der Kinderschutzengel angeschrieben und gefragt, ob sie mit dem Finanzgebaren einverstanden seien. Die Irritationen bei ihren Spendern habe sie ausräumen können, sagt Boy, aber persönlich fühlt sie sich zu Unrecht diffamiert.

Auch mit der Stiftung der früheren Eiskunstläuferin Kati Witt gab es Probleme. Loipfinger hat sie wegen angeblich erhöhter Verwaltungskosten auf seine Warnliste gesetzt. Außerdem behauptete er, die Stiftung habe aus ihren Einnahmen eine Forderung von Katarina Witt über 200 000 Euro beglichen. Die Eiskunstläuferin wies das zurück und klagte. Das Darlehen in der Startphase der Organisation habe 250 000 Euro betragen, und diesen Betrag habe sie der Stiftung inzwischen erlassen. „Es gibt zwei Gerichtsentscheidungen gegen Loipfinger. Er hatte mehrere falsche Behauptungen aufgestellt. Der Mann arbeitet nicht seriös“, sagt Witts Anwalt Christian Schertz.

Tierschützer zogen gegen das Buch "Spendenmafia" vor Gericht

Die Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ zog gegen eine kritische Passage in Loipfingers Buch „Spendenmafia“ zu Felde. Die Anwälte einigten sich auf einen Vergleich. „Vier Pfoten“-Präsident Helmut Dungler hält Loipfingers Aufklärungsarbeit „unter dem Deckmantel des Journalismus“ für „verbissen und einseitig“. Nicht Privatleute, sondern eine Behörde sollte sich um die Kontrolle des Spendenmarktes kümmern.

Doch der Staat hat sich aus dieser Aufgabe weitgehend zurückgezogen. Die meisten Bundesländer haben ihre Sammlungsgesetze abgeschafft, bis auf Rheinland-Pfalz. Die Länder verweisen auf das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI). Das Berliner Institut kann zwar kein Sammlungsverbot aussprechen, aber es hat seine Bewertungspraxis deutlich verschärft. Seit einigen Monaten ist eine umfangreiche „Spenderberatung“ online, die ähnlich wie Loipfingers CharityWatch Vereine bewertet.

Das DZI sagt, "es fehlt eine wichtige publizistische Stimme"

Dieser neue Service sei schon länger in der Vorbereitung gewesen und habe nichts mit CharityWatch zu tun, sagt DZI-Geschäftsführer Burkhard Wilke. Man habe zunächst genaue Prüfkriterien entwickelt. Elf Mitarbeiter sind mit dem Bewerten von Spendenvereinen beschäftigt – CharityWatch hatte nur einige Helfer. Loipfinger habe insgesamt eine gute Arbeit gemacht, sagt Wilke, aber in Einzelfällen eine „unangemessen negative Rhetorik“ verwendet. „Nicht jeder Mangel ist wirklich ein Skandal.“ Mit dem Rückzug von CharityWatch fehle nun eine „wichtige publizistische Stimme“. Es werde zu wenig über den zunehmend unübersichtlichen Spendenmarkt berichtet. Loipfinger hat dafür eine Erklärung: „Es gibt ein Rollendenken in den Köpfen der Menschen. Wenn es um Anlageberatung geht, ist der Aufklärer der Gute. Wenn man aber Spendenvereine kritisiert, ist man selbst der Böse.“

Bevor er CharityWatch gründete, war Stefan Loipfinger ein erfolgreicher Fondsanalyst und Kapitalmarktexperte. Seine investigativen Fähigkeiten seien auch im Spendenmarkt – inzwischen rund fünf Milliarden Euro schwer – von großem Nutzen, dachte sich Loipfinger und gründete 2008 CharityWatch. Die erste Runde hat er nun verloren, aber aufgeben will er noch nicht. „Ich war zu klein, zu angreifbar.“ Ein großer Partner muss her, der Geld und Stehvermögen mitbringt. Für die nächste Runde.

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