E-Roller-Welle in Berlin : So liefen die ersten Tage seit der Zulassung

Das Geschäft mit elektrischen Mietrollern hat begonnen. Die Anbieter suchen schon Helfer – zum Akku-Laden.

Jana Kugoth
Die ersten Firmen haben ihre Mietfahrzeuge in Berlin verteilt. Die Anbieter hoffen auf ein großes Geschäft mit den Scootern.
Die ersten Firmen haben ihre Mietfahrzeuge in Berlin verteilt. Die Anbieter hoffen auf ein großes Geschäft mit den Scootern.Foto: Christoph Soeder/dpa

Über Nacht waren sie da: Seit Wochenbeginn haben die ersten Anbieter ihre elektrischen Tretroller in Berlin verteilt. Vor allem in Mitte stehen die Flitzer. Die Betriebserlaubnis für die Fahrzeuge durch das Kraftfahrtbundesamt (KBA) wurde eigentlich erst Anfang Juli erwartet. Doch die Anbieter Circ und Lime sind bereits mit einer Sondererlaubnis gestartet.

Noch ist die Anzahl der Fahrzeuge überschaubar. Circ will im Laufe der Woche 100 E-Tretroller – auch Scooter genannt – verteilen, Lime einige Hundert. Schon bald sollen es deutlich mehr werden. Die Verkehrsverwaltung des Senats rechnet damit, dass die Zahl in den kommenden Wochen auf mehrere Tausend anwächst. Neben den bereits gestarteten Unternehmen haben sechs weitere ihren Markteintritt in Berlin angekündigt.

Scooter sind schon in Arbeit

Wie ein Brancheninsider am vergangenen Wochenende auf dem „Urban Mobility Day“ sagte, lassen die meisten Anbieter derzeit in China die bereits produzierten Roller modifizieren. So benötigt ein Scooter für Deutschland zwei voneinander unabhängige Bremsen, das Standardmodell für den europäischen Markt hat nur eine. Bis diese jüngsten Änderungen des deutschen Gesetzgebers umgesetzt sind, werde es etwa sechs bis acht Wochen dauern, sagte der Experte – und dann müssen die Fahrzeuge noch wochenlang mit Containerschiffen nach Deutschland gebracht werden. Wie viele der neuen Gefährte nach Berlin kommen, scheint eines der Geheimnisse der Branche zu sein. Niemand will sich in die Karten schauen lassen.

Kritiker befürchten „einen Wildwuchs“ wie bei den Leihrädern im vorigen Sommer. Auch die Erfahrungen aus Städten wie Wien, Madrid oder Paris, wo bereits ein Tretrollerfahrer infolge eines Unfalls zu Tode kam, lassen Schlimmes befürchten. Wie berichtet hatten sich Fußgängerverbände gegen die Freigabe von Gehwegen ausgesprochen. Die E-Scooter mit der Einheitsgeschwindigkeit von 20 km/h müssen nun auf der Fahrbahn oder dem Radweg gefahren werden. Zunächst war geplant worden, langsamere Scooter auf Gehwegen zu erlauben.

Kritik an fehlender Regulierung

Die Zahl der E-Tretroller ist in Berlin nicht begrenzt. Man habe darauf verzichtet, die genaue Anzahl der Fahrzeuge zu regulieren, wie Jan Thomsen, Sprecher der Verkehrsverwaltung, dem Tagesspiegel bestätigt. Diese Entscheidung hat Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) zum Start der ersten Anbieter heftig kritisiert. Es sei naiv, wenn Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) glaube, dass man für neue Formen der Mobilität in der Stadt keine Regulierung brauche, sagte Hikel im RBB. Er wirft der Senatorin der eigenen Koalition „Verantwortungslosigkeit“ vor.

Beim Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg heißt es auf Anfrage: „Die Anzahl der E-Tretroller in Berlin lässt sich nur schwer von Behördenseite regulieren“, wie Bezirksbürgermeistern Monika Herrmann sagt. Die Grünen-Politikerin hofft, dass am Ende der Markt das Überangebot regelt: „Bei den Leihradanbietern in dieser Stadt gab es ja schon Insolvenzen, was zeigt, dass der Markt irgendwann gesättigt ist.“ Wichtig sei, dass sich die Geräte im Endeffekt auch auf die Außenbezirke verteilen, sagt Herrmann. Generell ließe sich das Problem nur berlinweit, also bezirksübergreifend, regeln.

Verkehrsverwaltung will erst einmal abwarten

Das sieht auch der Pankower Stadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) so. Eine solche Regelung müsste die Verkehrsverwaltung liefern, findet er.

Dort will man erst mal abwarten: „Die ersten Roller sind gerade erst da“, sagt Behördensprecher Thomsen. Jetzt schon zu intervenieren oder von einem Scheitern zu sprechen, halte er für verfrüht, versucht er zu beruhigen. Es gebe außerdem bereits „ein ganzes Set an Regeln“, erläutert der Sprecher. Zum einen habe sich Berlin im Bundesrat dafür eingesetzt, dass die von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) zunächst vorgesehene Nutzung der E-Tretroller auf dem Gehweg untersagt wird. Zum anderen verweist Thomsen auf die in der Verordnung geregelten technischen Anforderungen an die Scooter und die Versicherungspflicht. Tatsächlich sind in keinem anderen Land die Vorgaben für die Fahrzeuge derart strikt.

Daneben würden in Berlin sowohl für Leihradanbieter als auch für E-Scooter-Start-ups spezifische Regeln gelten, sagt Thomsen. Unter anderem sei es nicht erlaubt, mehr als vier Fahrzeuge an einem Ort abzustellen. Außerdem dürften die Zweiräder keine Einfahrten blockieren, nicht in Grünanlagen stehen, und defekte Geräte müssten innerhalb von 24 Stunden beseitigt werden. Eine weitere Auflage: Die Anbieter sind angehalten, für die Senatsverwaltung jederzeit erreichbar zu sein. Dann spielte Thomsen den Ball in Richtung Bezirke zurück: Letztendlich komme es auf diese an, die Regeln durchzusetzen.

Juicer zum Sammeln und Aufladen gesucht

Das US-Start-up Lime, das sowohl E-Bikes als auch E-Tretroller anbietet, setzt für das Sammeln und Laden der E-Tretroller-Akkus unter anderem auf sogenannte Juicer. Bis zu 150 Euro lasse sich „als Auflader“ am Tag dazuverdienen, heißt es in einer Online-Stellenanzeige. Wie viel Geld es genau gebe, hänge von der Fahrzeuganzahl und dem Ladezustand des Akkus ab. Die Juicer laden die Geräte an der privaten Steckdose. Auf die Frage, wer im Schadensfall haftet, äußerte sich Lime nicht konkret. Auch verrät das Start-up nicht, wie viele Mitarbeiter derzeit im Einsatz sind. Welche Fahrzeuge, also ob beispielsweise Auto oder Fahrrad, die Servicekräfte für ihre Arbeit benutzen, sei ihnen selbst überlassen, heißt es bei der Firma Lime.

Neben der Tatsache, dass die Scooter nachts von der Straße verschwinden, unterscheidet auch der Preis in Höhe von schätzungsweise 500 bis 1000 Euro die kleinen Flitzer von Sharingbikes aus asiatischer Produktion. Stadtrat Kuhn geht deshalb davon aus, dass die Anbieter an der Pflege ihrer Geräte interessiert sind. Ob er recht behält – und ob auch die Nutzer damit pfleglich umgehen und entsprechend vorsichtig fahren –, das dürften die nächsten Wochen zeigen.

Verkehrsbetriebe sind gespannt

Gespannt sind die Verkehrsbetriebe, wie viele Menschen künftig eigene oder Leih-Scooter mitnehmen. Wie BVG-Sprecherin Petra Nelken sagte, dürfen zusammengeklappte E-Scooter in Bussen und Bahnen gratis transportiert werden. Die derzeitigen Beförderungsbedingungen erlauben eine Mitnahme von Gegenständen bis 1,50 Meter Länge. Wie Nelken weiter sagte, arbeitet der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg an einer Präzisierung. Dies bestätigte Sprecherin Elke Krokowski. Sie wies aber daraufhin, dass nicht zusammengeklappte Scooter ein Extra-Ticket brauchen – wie ein Fahrrad. Auf die Roller von Lime trifft das schon mal zu: Sie lassen sich nicht klappen.

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