Ein Jahr nach tödlichem SUV-Unfall : Berliner Invalidenstraße bekommt Pollerradweg

Vor einem Jahr erschütterte ein Unfall Berlin. Ein Geländewagen tötete vier Fußgänger. Nun bekommt die Invalidenstraße einen mit Pollern gesicherten Radweg.

Schilderdschungel. Hier hatte ein SUV-Fahrer im vergangenen September vier Menschen getötet.
Schilderdschungel. Hier hatte ein SUV-Fahrer im vergangenen September vier Menschen getötet.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Vier Menschen starben am 6. September 2019 bei einem Verkehrsunfall. In der Invalidenstraße raste ein Porsche Geländewagen mit hoher Geschwindigkeit Höhe Ackerstraße auf den Gehweg, ausgelöst möglicherweise durch einen Krampfanfall des Fahrers. Getötet wurden: Ein Paar, 28 und 29 Jahre, ein dreijähriger Junge und eine 64-Jährige. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft sind noch nicht abgeschlossen.

Wie die Anklagebehörde am Freitag noch einmal mitteilte, werden immer noch die behandelnden Ärzte des Fahrers "zum Krankheits- bzw. Behandlungsverlauf im Vorfeld des Unfalls befragt". Schon vor einem Monat hatte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft gesagt, dass noch ein medizinisches Gutachten erstellt werden müsse, dies benötige Zeit. 

Nun, ein Jahr nach dem Unfall, wird die Invalidenstraße umgebaut. Dies teilte die Verkehrsverwaltung mit. Zwischen Gartenstraße und Elisabethkirchstraße wird beidseitig ein mit Pollern gesicherter Radweg angelegt. Bislang dürfen auf diesem Abschnitt Autos parken. Die Radwege bekommen eine lichte Breite von 2,35 Meter. "Die Ausschreibung für diesen Auftrag läuft, der Zuschlag wird Mitte September erwartet, die Arbeiten sollen im Oktober beginnen", sagte Jan Thomsen, der Sprecher von Umweltsenatorin Regine Günther (Grüne). 

Wie Thomsen weiter mitteilte, gebe es zudem Planungen für sogenannte Haltestellenkaps der Straßenbahn. An diesen Gehweg-Vorstreckungen könnten Fahrgäste sicherer und mit größerer Barrierefreiheit ein- und aussteigen. 

Zudem gibt es Überlegungen, die Bürgersteige an Einfahrten anzuheben, dies würde abbiegende Autofahrer bremsen. Diesen Vorschlag hatte die Anwohnerinitiative gemacht, die sich nach dem Unfall gegründet hatte. Die Bürgerinitiative saß mit in einer Projektgruppe, die sich ebenfalls nach dem Unfall gründete.

Julian Kopmann, Vater von drei Kindern, hat nach dem SUV-Unfall eine Petition für Tempo 30 gestartet
Julian Kopmann, Vater von drei Kindern, hat nach dem SUV-Unfall eine Petition für Tempo 30 gestartetFoto: Thilo Rückeis

Bei vier Toten bei einem Unfall meldete sich sogar der Regierende Bürgermeister. Sonst saßen in der Projektgruppe: die Verkehrsverwaltung, die Senatskanzlei, dem Bezirks, der Polizei, der BVG und der Verein Changing Cities, der aus dem Volksentscheid Fahrrad hervorgegangen war. Diese tagten und berieten, zum Ärger der Anwohner passierte kaum etwas.

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Zwar wurde noch 2019 Tempo 30 in der Hauptverkehrsstraße angeordnet, die anfangs zugesagte Umwandlung des gesamten Kiezes in ein Modellprojekt mit weniger Autos und sicheren Schulwegen  wurde nach einigen Monaten abgesagt. Wie berichtet, hatte der Gründer der Initiative, Julian Kopmann, dies kritisiert. Das Verhältnis zwischen Anwohnern, Politik und Verwaltung sei angespannt, hieß es noch im Juni. Nach Angaben der Verkehrsverwaltung soll sich nun der Bezirk um die Schulwegsicherheit kümmern. 

Keine Poller vor der Gartenstraße

Sprecher Thomsen lobte am Freitag dennoch die Treffen der Projektgruppe, auf der zum Beispiel im Juni die Planung für den beidseitig "geschützten Radstreifen" verabredet wurde.  Schon vor der Gartenstraße Richtung Westen beginnt für Radfahrer wieder der lebensgefährliche Alltag. Vor der Kreuzung kann der  Radweg nicht mit Pollern gesichert werden. Hier hat die Straßenbahn Vorrang, die dort eine Aufstellfläche hat, um nicht im Stau zu stehen. Hier galt es abzuwägen, wie der wenige Platz verteilt wird. Fahrräder und Autos müssen sich auf dem Stück vor der Gartenstraße eine Fahrbahn teilen, sagte Thomsen dem Tagesspiegel. Ein Schild soll Autofahrern verbieten, Fahrräder zu überholen. Dieses Schild ist neu in die Straßenverkehrsordnung aufgenommen.

[Der Verkehr in der Metropole: Das ist regelmäßig auch ein Thema in unseren Leute-Newslettern aus den zwölf Berliner Bezirken. Die Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de] Nach Angaben der Verkehrsverwaltung hat Changing Cities der Lösung zugestimmt. Die Invalidenstraße gehört zwar zur zweitwichtigsten Straßenkategorie, ist aber historisch bedingt teilweise sehr eng. An anderen Abschnitten muss sich die wichtige BVG-Linie M8 zum Hauptbahnhof den Platz mit dem motorisierten Individualverkehr teilen.  

Durch schwere Unfälle war die Ost-West-Verbindung vor dem 6. September 2019 nicht aufgefallen - im Stau kann nicht schnell gefahren werden. In der Liste der Berliner „Unfallhäufungsstellen“ stand die Kreuzung Ackerstraße auf Platz 701 von 1500. Und es ist für Fußgänger schon einiges in der Vergangenheit getan worden, es gibt Gehwegvorstreckungen an der Kreuzung Ackerstraße und der Einmündung Elisabethkirchstraße. Diese erleichtern das Überqueren der Straßen und halten illegale Eckenparker ab.

Der Gedenkort für die Unfallopfer an der Invalidenstraße Ecke Ackerstraße.
Der Gedenkort für die Unfallopfer an der Invalidenstraße Ecke Ackerstraße.Foto: Kai-Uwe Heinrich

 Davon träumen viele Menschen in anderen Kiezen nur. Klar ist: Die Situation in der Invalidenstraße verbessert sich für Radfahrer und Fußgänger. Klar ist aber auch: Dies sind 600 Meter von 3 Kilometer Invalidenstraße bzw. 600 Meter von 5400 Kilometer Straßen in Berlin. Und eines darf auch nicht verschwiegen werden. Ein Pollerradweg hätte den tödlichen Unfall nicht verhindert. 

Am Sonntagmittag beginnt die Mahnwache

Die Vereine Changing Cities, FUSS e.V., der Verkehrsclub Deutschland und der ADFC Berlin rufen für den Jahrestag am Sonntag um 12 Uhr zu einer Mahnwache am Unfallort auf. "Mit den bisherigen Maßnahmen bewegt sich Berlin keinen Millimeter in Richtung Vision Zero", heißt es in einer Mitteilung. Roland Stimpel von FUSS e.V. forderte, die Höchstgeschwindigkeit von Autos in der Stadt elektronisch abzuregeln. "Es gibt längst technische Möglichkeiten, die Fahrzeuge an der Überschreitung von Tempolimits hindern – Intelligent Speed Adaptor (ISA) genannt." 

Weiter sagte Stimpel: "Der Unfall vor einem Jahr hat die schreckliche Wirkung hohen Tempos gezeigt." Auch beim Unfall auf dem Kurfürstendamm in dieser Woche war ein hochmotorisiertes Fahrzeug beteiligt, und zwar ein BMW mit mehr als 500 PS. Dieser rammte vermutlich bei einem illegalen Rennen einen Kleinwagen. Darin wurden zwei Frauen schwer bzw. lebensgefährlich verletzt. Die Insassen des gemieteten BMW flüchteten zu Fuß, sie konnten nach Polizeiangaben von Freitag immer noch nicht ermittelt werden. Auch nach diesem Unfall begann eine Diskussion, wie mehr Sicherheit geschaffen werden kann.

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