Eine Stadt ohne „Zitty“ : Nachruf auf eine Berlinerin

Sie galt als die widerständigere, politischere unter den Berliner Stadtmagazinen. Jetzt wurde die Printausgabe der „Zitty“ nach 43 Jahren eingestellt. Ein Nachruf.

Gummibären. Das erste „Zitty“-Cover 1977.
Gummibären. Das erste „Zitty“-Cover 1977.Foto: Promo

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Wie ist das bei Ihnen: Beatles oder Stones? Hosen oder Ärzte? Oasis oder Blur? Zitty oder Tip? (Bei mir: a, b, b, a) Mit Fragen wie diesen erkundigte man sich nach dem dritten Bier nach der Weltsicht des Sitznachbarn – zumindest in West-Berlin. Hop oder Top?

Die beknackte Nachricht: Für die Stadtmagazine „Zitty“ und „Tip“ ist die Frage nun letztgültig geklärt. Ganz ohne Bier, ohne Kneipenschlägerei. Die Zitty, das linkere, widerständigere der beiden, stellt ihre Printausgabe nach 43 Jahren ein. Keine Veranstaltungen, kaum Anzeigen. Ende. Eine Stadt ohne Zitty. Eine letzte Ausgabe soll es nicht geben.

Die beiden Magazine hatten längst unter einem Dach (Zitty auch mal unter dem des Tagesspiegel) Journalismus gemacht, die – meist liebgemeinten – Grabenkämpfe um die Weltsicht gab es noch immer. Tip soll jetzt weiterleben, einige Zitty-Spezialitäten (die Comics!) auch, alle festen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dürfen wohl erstmal bleiben.

Das Coronavirus ist, wie man hört, nicht der alleinige Grund für das Ende – es dürfte den Abgang aber arg beschleunigt haben. Zitty sagt deshalb ganz leise „Tschüss“. Und wir schreien’s laut: Schüssi, Zitty! Scheiße, ist das traurig.

Verkaufsstand für die erste „Zitty“, 1977.
Verkaufsstand für die erste „Zitty“, 1977.Foto: Promo

...und noch ein bisschen Internetlove von (Wahl-)Berlinern für ’ne echte Berlinerin:

„Vor über zwanzig Jahren hab ich mein Praktikum bei der Zitty gemacht. Danach haben sie mir immer mal wieder wohlwollend Geld für juvenilen Quatsch bezahlt – und mich maßgeblich dazu ermutigt, mit dem Schreiben weiter (und ernst) zu machen. Danke und auf Wiedersehen, Zitty.“ Judith Holofernes, Musikerin und Autorin

„Zitty war politischer, alternativer, punkiger, linker, undergroundiger. Den tip lasen die Schnöseligen an der Uni. Und alle, denen es nur um die Kinokritiken ging, denn die, das wusste auch jeder, waren ja im tip besser. Ob irgendwas davon sachlich begründet war? Keine Ahnung.“ Gereon Asmuth, Journalist

„Du Schnösel!, hat mein Vater mich mal angefahren, weil ich als ahnungsloser Vierzehnjähriger ‚Tip‘ statt Zitty eingekauft hatte.“ Oliver Trenkamp, Journalist

„Echt traurig! Als wir damals nach Berlin kamen, war Zitty DAS Ding, um herauszufinden wo, wann, welches Punkkonzert stattfand. Wir fühlten uns sehr geehrt, als irgendwann auch über unsere Shows berichtet wurde. Machs gut, Zitty.“ ZSK, Punkband

„Sie war ein Berliner. Ade, Zitty!“ Deniz Yücel, Journalist

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