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An einigen Schulen im Südwesten Berlins wurden Notbetreuungen eingerichtet.

© Britta Pedersen/dpa

Update

„Gott sei Dank ist da Strom“: Eingeschränkter Schulstart und Kitabetrieb nach Stromausfall in Berlin

Kein Licht, keine Heizung – und mancherorts auch keine Schule. Zum Schulbeginn nach den Ferien legt der Stromausfall im Berliner Südwesten auch den Betrieb von einigen Schulen und Kitas lahm.

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„Ich habe Angst, dass sie krank werden“, sagt Hüseyin S. über seine Kinder. Er und seine Familie sind vom großen Stromausfall im Südwesten Berlins betroffen. Es sei eine Zumutung, so lange ohne Strom zu sein, erzählt er der Deutschen Presse-Agentur. Seine Tochter geht in die erste Klasse einer Schule, an der eine Notbetreuung eingerichtet wurde. „Gott sei Dank ist da Strom.“ 

In den vergangenen Tagen zündeten sie zu Hause viele Kerzen an, außerdem habe er einige Powerbanks, um etwa Handys aufladen zu können, so Hüseyin S. Dennoch sei es schwer, nicht nur für seine Kinder, sondern auch für ihn. Er selbst sei erkältet – „ich werde gar nicht gesund“.

Eigentlich sollte der Unterricht nach den Weihnachtsferien am Montag wieder beginnen, einen normalen Schulalltag gibt es aber in einigen Einrichtungen in den nächsten Tagen nicht. Die Bildungsverwaltung veröffentlichte eine Liste mit Schulen, die wegen des Stromausfalls zunächst geschlossen bleiben müssen – darunter Grundschulen sowie weiterführende und Berufsschulen. Für rund 20 betroffene Schulen im Bezirk Steglitz-Zehlendorf wurden Notbetreuungen an anderen Schulen eingerichtet. 

Notbetreuung teils kaum genutzt

Diese wurden zum Teil aber wohl nur spärlich genutzt: Am Hermann-Ehlers-Gymnasium etwa sei am Montag nur ein einziger Schüler der John-F.-Kennedy-Schule aufgeschlagen, sagte Schulleiter Tilmann Kötterheinrich-Wedekind dem Tagesspiegel. Der Siebtklässler habe im bilingualen Zweig seiner Gastschule am Unterricht teilgenommen.

Susanne Jamil von der Friedrich-Drake-Schule, die von der Bildungsverwaltung als Notbetreuung für Schüler der Süd-Grundschule designiert worden war, hat am Montag überhaupt keine Gastschüler aufgenommen. Die Schulleiterin vermutet, dass viele betroffene Familien schon bei Verwandten und Freunden untergekommen sind und die Notbetreuung nicht brauchen. „Wir bleiben aber auf alles vorbereitet“, sagte Jamil. Wie ein Sprecher der Bildungsverwaltung dem Tagesspiegel mitteilte, hat die Süd-Grundschule jedoch wieder Strom, dort wird am Dienstag Unterricht stattfinden.

Alle Schulleiter, mit denen der Tagesspiegel Kontakt hatte, lobten die problemlose Kommunikation am Wochenende und die Hilfsbereitschaft der Schulen untereinander. „Die Solidarität ist sehr groß“, sagte Kötterheinrich-Wedekind. „Die Kommunikation mit der Notbetreuungsschule und auch mit der Schulaufsicht und dem Bezirksamt lief super, wir haben uns gestern dazu ausgetauscht“, teilte auch Marcel Scholtke, Schulleiter der betroffenen Dreilinden-Grundschule, dem Tagesspiegel mit. Die Notbetreuung sei gut gestartet, werde aber nur von sehr wenigen genutzt.

„Die Schule hat keinen Strom“, sagte Scholtke weiter. „Wie lange es dauern wird, bis der Unterricht wieder aufgenommen wird, wissen wir nicht. Wir planen auf alle Fälle bis Donnerstag.“ Die Sporthalle werde aktuell durch das THW und das Deutsche Rote Kreuz als Notunterkunft umfunktioniert.

Da es so angekündigt war, bleibt es dabei, dass die Schulbesuchspflicht bis Mittwoch einschließlich noch ausgesetzt ist.

Leitung der Anna-Essinger-Gemeinschaftsschule in einer Mitteilung an die Eltern

Der Leiter der John-F.-Kennedy-Schule, Robert Bartz, schrieb dem Tagesspiegel, aus seiner Schulgemeinschaft erreichten ihn derzeit gemischte Rückmeldungen, „von ganz alltäglichen Herausforderungen, die mit fehlender Elektrizität einhergehen, bis hin zu persönlichen Härten“. Nach der Ausnahmesituation, in der sich seine Schülerinnen und Schüler befinden, beschäftigt ihn vor allem das Gebäude: „Die Heizungsproblematik bereitet mir angesichts der aktuellen Temperaturen große Sorgen, da ein Einfrieren der Anlage droht.“ Allerdings seien Techniker sowie die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) „sehr aktiv und arbeiten intensiv an tragfähigen Lösungen“. Die Steglitz-Zehlendorfer Schulstadträtin Malgorzata Sijbrandij (CDU) teilte dem Tagesspiegel mit, das Bezirksamt prüfe derzeit, „welche Maßnahmen an Schulen, die bisher noch ohne Strom sind, ergriffen werden müssen, um die Heizungsanlage gegen ein Einfrieren bei den niedrigen Temperaturen zu schützen“.

Anderswo kann es am Dienstag schon wieder losgehen: Neben der Süd-Grundschule und der Zehlendorfer Krankenhausschule hat auch der Grundschulstandort der Anna-Essinger-Gemeinschaftsschule in Nikolassee Eltern am Montag mitgeteilt, dass die Schule auf freiwilliger Basis wieder öffnet. „Da es so angekündigt war, bleibt es dabei, dass die Schulbesuchspflicht bis Mittwoch einschließlich noch ausgesetzt ist.“ Es gebe aber seit Sonntagabend wieder Strom, auch die Heizung laufe wieder. Nur die Mittagsverpflegung könnte dürftig ausfallen, weil das Essen bis einschließlich Mittwoch abbestellt worden sei.

Was Kitakinder betrifft, überlässt die Bildungsverwaltung die Organisation von Notbetreuungen „in der Regel“ den jeweiligen Kita-Trägern. „Sollte dies im Einzelfall nicht möglich sein oder sollten Eltern hierzu bislang keine Informationen erhalten haben, können sie sich per E-Mail an die Kita-Aufsicht wenden: KitaAufsicht@senbjf.berlin.de“, teilte eine Sprecherin dem Tagesspiegel mit. „Dabei bitten wir um die Angabe der besuchten Kita sowie einer Kontaktmöglichkeit.“ Eine zeitnahe Rückmeldung werde sichergestellt. In der betroffenen Region befänden sich insgesamt 49 Kindertageseinrichtungen, die jedoch nicht alle vom Stromausfall betroffen seien.

Wohnungen werden kälter – „Mit 18 Grad geht es noch“

Die 36-jährige Tatjana, Mutter von zwei Kindern, versucht, das Positive an der Situation zu sehen. Den digitalen Detox fände sie gar nicht so schlecht, erzählte sie. Nur die Wohnung werde immer kälter: „Mit 18 Grad geht es noch, aber wenn es jetzt die nächsten Tage kälter wird, dann müssten wir gucken, weil wir niemanden in der Nähe haben, wo man zur Verwandtschaft hin flüchten könnte“. 

An der Tür eines Gymnasiums steht auf einem Info-Zettel „Guten Tag aufgrund des Stromausfalls muss die Schule ab dem 5. Januar leider bis auf Weiteres geschlossen bleiben. Infos finden Sie auf dem DSB und der Homepage!“.

© dpa/Britta Pedersen

Ihren beiden Kindern, 8 und 14 Jahre alt, gehe es unterschiedlich. „Die Kleine findet es gar nicht so dramatisch“, sagte sie. Die Ältere jedoch leide wegen des fehlenden Internets und Handys. Die 36-Jährige sei sehr froh, dass die Schule ihrer Tochter regulär geöffnet habe. Das Angebot, sie zu Hause zu lassen, hätte sie gar nicht angenommen, weil sie dadurch im Warmen sei und eine warme Mahlzeit habe, erzählte sie.

Eltern versuchen, Situation positiv zu sehen

Der Vater eines Zweitklässlers berichtete, dass es seinem Sohn ganz gut gehe, es sei etwas Neues für ihn. „Am Wochenende war es natürlich etwas einfacher“, sagte der 40-Jährige. So habe die Familie viel Zeit zusammen verbracht, „ohne Ablenkung, ohne Fernsehen“. Nun sehe die Lage jedoch etwas anders aus: „Jetzt unter der Woche ist es natürlich nicht mehr so schön, wenn man morgens aufstehen muss und die ganze Morgenroutine hat, im Dunkeln, ohne warmes Wasser.“ Außerdem wäre es schwierig geworden, wenn die Schule seines Sohnes nicht geöffnet hätte: „Wir müssen natürlich arbeiten und es ist viel einfacher, wenn die Kinder zur Schule dürfen.“

Bei Bekannten, bei denen der Strom wieder da sei, konnten sie alle Geräte aufladen. Es gebe große Hilfsbereitschaft in der Nachbarschaft, berichtet er. Trotzdem hoffe er, dass es nicht mehr lange dauere, bis der Strom wieder da ist. „Also ein, zwei Tage geht es, aber wenn das tatsächlich noch bis Donnerstag oder sogar länger dauert, dann wird es schwierig.“

Unklar, wann Schulen wieder öffnen können

Am frühen Samstagmorgen hatte ein Brand an einer Kabelbrücke über den Teltowkanal zum Kraftwerk Lichterfelde mehr als ein Dutzend wichtige Leitungen beschädigt. Ein bei den Behörden eingegangenes Bekennerschreiben mutmaßlicher Linksextremisten ist laut Senatorin Iris Spranger (SPD) authentisch. Der Anschlag sorgt für einen großen Stromausfall, von dem zunächst 45.000 Haushalte und mehr als 2200 Unternehmen betroffen waren. Mittlerweile ist die Versorgung für rund 15.000 Haushalte und knapp 500 Gewerbekunden wieder hergestellt, so der Betreiber Stromnetz Berlin. Alle Pflegeheime und Krankenhäuser seien inzwischen wieder versorgt. 

„Die Maßnahmen sind aus Gründen der Sicherheit unvermeidbar“, hieß es vom Senat bezüglich der geschlossenen Schulen. Es werde mit Hochdruck daran gearbeitet, die Voraussetzungen für eine schnelle Rückkehr zum regulären Schulbetrieb zu schaffen – ob das nach Mittwoch sein werde, sei aber noch unklar. Auch die Kitas sind von den Schließungen betroffen. (mit dpa)

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