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Einwohnerzahl soll bis 2030 um fast 180.000 steigen : Was das starke Bevölkerungswachstum für Berlin bedeutet

Berlin zählt 2030 nach neuester Prognose 73.000 Personen mehr, als vor fünf Jahren vorausgesagt. Immer mehr Menschen ziehen in die Stadt.

Berlin wächst schneller als vor fünf Jahren prognostiziert. Das bringt vor allem Probleme für die Infrastruktur.
Berlin wächst schneller als vor fünf Jahren prognostiziert. Das bringt vor allem Probleme für die Infrastruktur.Foto: imago images / photothek

Berlin wächst schneller und dauerhafter als der Senat bisher erwartet hatte. Und weil besonders viele Menschen in den nächsten fünf Jahren herziehen, bräuchte es eine Beschleunigung der Investitionen in „Wohnungsbau, Schulen, Kitas, Krankenhäuser, öffentlicher Personennahverkehr, Straßenverkehr etc“ – so steht es in der nun klammheimlich veröffentlichten „Bevölkerungsprognose 2030“. Denn diese bildet den Verfassern zufolge die „Grundlage bei allen Entwicklungsplanungen“.

Den Bericht beschloss der Senat in dieser Woche eher beiläufig. Vor fünf Jahren hatte Andreas Geisel (SPD), damals noch Stadtentwicklungssenator, die nun korrigierte Prognose noch persönlich vorgestellt. Und er reagierte mit einem Programm zur Beschleunigung des Wohnungsbaus.

Nach den neusten Zahlen wird die Stadt noch schneller wachsen als damals angenommen. Im Jahr 2030 werden fast 180.000 Menschen mehr in Berlin leben als im Jahr 2018, der größte Teil (140.000) bereits im Jahr 2025. Besondere Herausforderung: Die Neu-Berliner verteilen sich ungleich über die Bezirke.

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Pankow wird erneut weitaus schneller wachsen als andere Bezirke. Weit unterdurchschnittlich wachsen trotz lockerer Bebauung West-Berliner Bezirke, Steglitz-Zehlendorf beispielsweise. Dagegen holen Randlagen wie Spandau und Marzahn-Hellersdorf auf, die bisher weniger gefragt waren. Vergleichsweise günstigere Mieten sowie weniger überbuchte Kitas und Schulen dürften dies erklären.

Der starke Zuzug in den weniger zentralen Bezirken – auch Treptow-Köpenick gewinnt massiv – stellt die Verkehrsplaner vor Probleme. Denn wegen der Wohnungsnot ziehen viele Berliner ohnehin schon ins Umland, im Saldo verlor die Stadt rund 12.600 Menschen binnen neun Monaten im Jahr 2019.

Viele pendeln zum Arbeiten nach Berlin hinein und belasten die ohnehin verstopften Zubringer. Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) warnte Anfang des Jahres, der Bau neuer Siedlungen stocke auch, weil vielfach Fragen des mit diesen entstehenden Verkehrs nicht gelöst seien.

Vor allem Wohnungen und Bildungsangebote werden fehlen

Dieser Konflikt dürfte sich mangels ressortübergreifender Masterplanung für die Metropole weiter verschärfen. Denn Lompscher setzt bei der Schaffung der bis 2030 fehlenden knapp 200.000 Wohnungen vor allem auf die 14 „Neuen Stadtquartiere“. Viele davon liegen am Stadtrand.

Alarmierend dürfte die aktualisierte Bevölkerungsprognose auch für die Planer der Schul- und Bildungsangebote sein. „Die Altersgruppe der 6- bis unter 18-Jährigen steigt um gut 17 Prozent“ bis zum Jahr 2030. Das sind 64.000 mehr Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter.

Die Verfasser erklären den Zuwachs so: Die positive Geburtenentwicklung sei auf die „Zuwanderung gebärfähiger Frauen zurückzuführen“. Hinzu kommen 15.000 mehr Kinder unter sechs Jahren. Viele junge Eltern haben bereits heute große Probleme, den gesetzlich garantierten Kitaplatz zu bekommen.

Deutlich unterschätzt hatte der Senat die Dynamik des Bevölkerungswachstums vor fünf Jahren: Diese lag „73.000 Personen unterhalb des aktuellen Ergebnisses“, heißt es im neuen Bericht. Dass die Verfasser 80 Prozent der Zuwanderung den kommenden fünf Jahren zuschreiben, liegt in der Natur von Prognosen, hieß es auf einer Veranstaltung des Amtes für Statistik: Je weiter entfernt der vorausgesagte Zeitraum liegt, desto ungewisser die Voraussage. Die nun revidierte Prognose von 2015 belegt dies auch.

Berlin im „Superzyklus“

Gut möglich ist deshalb auch, dass der Zuzug in einigen Jahren erneut nach oben korrigiert wird. Dafür spricht eine Studie der Deutschen Bank, wonach sich Berlin in einem „Superzyklus“ befindet: Die Wirtschaft der Stadt wächst stärker als im Bundesdurchschnitt.

Es entstehen mehr Jobs. Nicht nur für schlecht bezahlte Dienstleistungen in Gastronomie oder Tourismus, sondern auch in stark expandierenden Zukunftsbranchen (ITDienstleistungen, Start-Ups). Getragen wird das durch eine breite Uni- und Forschungslandschaft – im Innovations-Scoreboard von Eurostat kletterte Berlin unter fast 240 europäischen Regionen binnen zehn Jahren von Rang 20 auf Rang 9.

Das passt zur Senats-Prognose, wonach die Zuwanderung „in der Breite“ bestehen bleibt. Zwar rechnen die Experten mit weniger Schutzsuchenden aus Krisenregionen wie dem Irak. Doch das wird ausgeglichen, weil die „Attraktivität Berlins als Arbeits- und Wohnstandort im internationalen Vergleich“ die Zahl der Herkunftsländer erweitert: Positiv sei das „Wanderungssaldo“ Berlins nun auch mit Ländern wie Brasilien, Kanada, Mexiko, den Vereinigten Staaten, Israel, Südkorea, China und Australien.

Der Senat muss die Stadt demnach für einen langfristigen und dauerhaften Zuzug rüsten, es gibt allerdings wenige Anzeichen dafür, dass das geschieht. Eine politische Debatte über die neue Bevölkerungsprognose und die Folgen blieb aus.

Neue Wohnungen reichen nur für Zahl der Zugezogenen

Beispiel Wohnungsbau. Bereits im Jahr 2016 fehlten laut Lompschers Verwaltung 80.000 Wohnungen. Diese Lücke wuchs zuletzt kräftig – und wächst weiter. Denn die Zahl der neu entstehenden Wohnungen reicht im besten Fall aus, um die zusätzlichen Neu-Berliner Haushalte zu versorgen. Die Bevölkerung der Stadt wächst aber außerdem, weil die Zahl der Geburten die Todesfälle übertrifft. Ein koordiniertes Beschleunigungsprogramm des Wohnungsbaus gibt es aber nicht.

Mehr noch, alle Indikatoren weisen auf eine abnehmende Konjunktur bei Planung und Bau neuer Wohnungen hin. Die vom vorigen Senat nach dem Bericht 2015 beschleunigte Bautätigkeit ist ausgebremst: Seit drei Jahren sinkt die Zahl der neu genehmigten Wohnungen, im vergangenen Jahr sogar um zehn Prozent.

Baugenehmigungen wertet Lompschers Verwaltung als Frühindikator für die Zahl der in etwa zwei Jahren fertigen Wohnungen. So kommt es nun auch: Die „Zunahme der Baufertigstellungen flaute ab“ meldet das Amt für Statistik bei ihrer jüngsten Erhebung. Berlin, die wachsende Stadt mit der schrumpfender Baudynamik.

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