Engagement in der Coronavirus-Krise : Das Ehrenamt ist systemrelevant

Die Pandemie zeigt, was unsere Gesellschaft zusammenhält: Aktive Bürger, die Solidarität leben. Ein Gastbeitrag.

Sawsan Chebli
"Solidarität ist zu einer harten Währung geworden", schreibt Staatssekretärin Sawsan Chebli.
"Solidarität ist zu einer harten Währung geworden", schreibt Staatssekretärin Sawsan Chebli.Foto: Christin Klose/dpa

Die Gastautorin Sawsan Chebli ist Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund und Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales.

Corona hat unser Land verändert. Ich meine nicht den Stillstand und die plötzliche Ruhe auf den Straßen und Plätzen. Ich meine – nach all dem Hass, dem Rassismus und der Spalterei der letzten Zeit – das freundliche Gesicht, das unsere Gesellschaft angesichts der großen Herausforderung durch das Virus zeigt.

An Hauseingängen kleben Zettel, auf denen Menschen ihren Nachbarn Hilfe anbieten. Im Netz kursieren Aufrufe, sich an der großen #Nachbarschaftschallenge zu beteiligen.

Supermärkte rufen zum Helfen auf. Wohnungsbaugesellschaften bieten ihren Bewohnern Unterstützung. Auf Balkons applaudieren Nachbarn denen, die gerade rund um die Uhr alles geben, um die Versorgung aufrechtzuerhalten, Kranke zu versorgen, Leben zu retten oder diejenigen zu unterstützen, die aufgrund ihres Alters das Haus nicht verlassen können.

Noch vor wenigen Jahren galten Banken als systemrelevant und wurden folgerichtig durch gigantische Rettungspakete vor dem Absturz ins Bodenlose bewahrt. Wer heute vom System spricht, meint die Gesundheitsversorgung, die soziale Absicherung auch in Zeiten einer wirtschaftlichen Krise, zunehmend aber auch das freiwillige Engagement für andere Menschen und eine aktive Zivilgesellschaft.

Solidarität ist zu einer harten Währung geworden. Und das in doppelter Hinsicht: Mit Gesetzen und mutiger Politik auf der einen Seite und einem beeindruckenden bürgerschaftlichen Engagement und gelebtem Miteinander auf der anderen Seite, das plötzlich nicht mehr von persönlicher Begegnung und Nähe geprägt ist, sondern neue Formen der Anteilnahme und Hilfe entwickelt, die den Regeln des Infektionsschutzes und des „social distancing“ entsprechen.

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Jeden Tag stellen sich zurzeit neue Aufgaben. Das Wichtigste ist die Eindämmung der Pandemie. Hier geht es im wörtlichen Sinn um Leben und Tod. Um Existenzen geht es bei den Liquiditätshilfen für Unternehmen. Schule in Zeiten von Corona ist eine Herausforderung für das Bildungssystem und Familien.

Viele leben in beengten Verhältnissen. Das ist erheblicher sozialer Konfliktstoff. Es geht um Kinderschutz, um Zufluchtswohnungen für Frauen. Obdachlose brauchen zusätzliche Unterkünfte. Der Senat in seiner Breite kümmert sich hier aktuell um sehr viele akute Herausforderungen.

Wir alle – Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft – lernen im Moment sehr viel. Wir organisieren uns gerade in einer Weise digital, die manchen noch vor ein paar Tagen als Zukunftsvision erschien: Videokonferenzen, Lernen per Skype, Online-Andacht, Webinare.

Auch freiwilliges Engagement erlebt einen Innovationsschub. Mit vielen Akteuren aus Wohlfahrtsverbänden, Religionsgemeinschaften, kleinen und großen Initiativen besprechen wir uns täglich, wie wir die Aktivitäten in der Stadt bündeln, akute Probleme zu lösen und schnell kreative gemeinsame Initiativen zu starten. Es ist ein gutes Gefühl, dass jetzt so viele an einem Strang ziehen.

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Als Senat ist uns wichtig, verständlich Informationen zur Verfügung zu stellen. Mit der Seite „Berlin hilft“ auf der Berliner Engagementplattform bürgeraktiv steht ein Info-Paket zu allen Fragen rund um das freiwillige Engagement in der Coronavirus-Krise zur Verfügung.

Eine wichtige Frage ist die Aufklärung über den gesundheitlichen Schutz der Freiwilligen sowie ein verantwortungsbewusster Umgang der Engagierten mit Pandemie. Es geht uns zudem darum, Wege zu finden, wie wir die Hilfsbereitschaft auch für Menschen zugänglich machen, die keinen Internetzugang haben.

Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD).
Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD).Foto: Jens Kalaene/dpa/pa

Unter Hochdruck bauen die vom Senat geförderten Freiwilligenagenturen zusammen mit den Stadtteilzentren in den Bezirken Telefon-Hotlines auf, über die Hilfsangebote vermittelt werden können. Sieben Bezirke haben schon eine Hotline. Die anderen folgen in den nächsten Tagen. Darüber hinaus unterstützt der Senat die Nachbarschaftsplattform nebenan.de, die auch eine Hotline für Menschen ohne Internetzugang geschaltet hat (0800 8665544).

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Gleichzeitig arbeiten wir an vielen anderen Herausforderungen. Neben dem Erhalt von Arbeitsplätzen und der Sicherung des Mittelstands ist auch der Schutz der Zivilgesellschaft wichtig. Und dazu gehört auch, dass wir die vielen sozialen Einrichtungen mit all ihren Beschäftigten - häufig kleine und große gemeinnützige Unternehmen - nicht alleine lassen, wenn sie jetzt wegen Absagen von Veranstaltungen und schon eingegangenen Verpflichtungen unter finanziellen Druck geraten. Gerade jetzt brauchen wir eine wache und starke Zivilgesellschaft. Sie ist das Betriebssystem unserer Demokratie.

Die Pandemie verändert unsere Stadt. Wir lernen, worauf es wirklich ankommt. Dass wir aufeinander aufpassen, in der Familie und in der Nachbarschaft. Dass wir aufhören, Grenzen zu ziehen und Mauern zu bauen. Das Coronavirus kennt keine Grenzen. Es zeigt uns allen, wie sehr es auf grenzüberschreitende Solidarität ankommt. Und wir sehen: Erfolgreiches Krisenmanagement der Behörden ist unabdingbar, aber wir sehen auch, wie sehr es auf wache und aktive Bürger, auf ein erfolgreiches Miteinander von Politik und Zivilgesellschaft ankommt. Engagement ist systemrelevant!

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