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Ernährungsstrategie liegt vor : So will der Senat erreichen, dass Berliner gesünder essen

Regional, fair, bio: Verbraucherschutzsenator Dirk Behrendt will die Ernährung verändern. Die Kantinen sollen Vorreiter sein. Kritiker fordern klarere Vorgaben.

Gemüse aus Brandenburg: Berliner sollen mehr regionale Biokost essen.
Gemüse aus Brandenburg: Berliner sollen mehr regionale Biokost essen.Foto: dpa

Berliner und Berlinerinnen sollen sich gesünder ernähren. Das will zumindest der Senat erreichen. Drei Jahre lang hat Berlins Verbraucherschutzsenator Dirk Behrendt (Bündnis 90/Die Grünen) an einer Berliner Ernährungsstrategie gearbeitet, jetzt ist sie fertig. Am Dienstag hat der Senat die Strategie auf den Weg gebracht, am Mittwoch soll sie offiziell vorgestellt werden.

Auf 16 Seiten beschreibt die rot-rot-grüne Regierung, wie sie sich eine "zukunftsfähige, nachhaltige und regional gedachte Ernährungsstrategie für die Stadt" vorstellt. Die Grundzüge der Strategie, die dem Tagesspiegel vorliegt, lauten: mehr saisonale Biolebensmittel aus Brandenburg, Hilfen für innovative Berliner Food-Start-ups, die Stärkung von Gemeinschaftsgärten und Kiezinitiativen rund um das Thema Ernährung.

Zudem soll die Ernährungsbildung in Schulen und Kitas ausgebaut werden, Berlin will die Verschwendung von Lebensmitteln reduzieren, Verbraucher sollen künftig beim Kauf von Lebensmitteln oder beim Essen in Restaurants besser erfahren, wie es um die Qualität der Lebensmittel steht. Außerdem soll die Vorbildfunktion der öffentlichen Verwaltung gestärkt werden.

Acht Handlungsfelder hat der Senat ausgemacht, konkrete Vorgaben gibt es allerdings kaum. An der Strategie hat der Ernährungsrat Berlin mitgearbeitet, ein Gremium, in dem sich Erzeuger, Verarbeiter, Restaurantbetreiber und Privatleute, die sich für Essensthemen interessieren, zusammengeschlossen haben. Zufrieden sind dessen Vertreter aber nicht. Christine Pohl vom Ernährungsrat vermisst "den Mut zu einer ambitionierten und konkreten Roadmap mit klarer ernährungspolitischer Zielstellung". Sowohl definierte Meilensteine als auch die nötigen Ressourcen würden fehlen. Die gegenwärtigen Pläne würden zwar substanzielle Mittel für die Einrichtung der als zentral angesehenen „Kantine Zukunft Berlin“ vorsehen, für weitere Maßnahmen in anderen Handlungsfeldern seien jedoch gerade einmal 200.000 Euro des bisher bekannten Gesamtbudgets von 1,4 Millionen Euro eingeplant, kritisierte Pohl am Dienstag.

Was Kantinen künftig auftischen sollen

Im Kern der Strategie steht die Gemeinschaftsverpflegung, also Schulmensen, Kitas, Kantinen oder das Essen in Pflegeheimen. Hier will der Senat den Anteil von ökologischen, regionalen, saisonalen, gesunden und fair gehandelten Lebensmitteln ständig erhöhen.

Verbindliche Vorgaben gibt es aber nur für das Schulessen in Grundschulen, das seit diesem Schuljahr kostenlos angeboten wird. Ab August 2021 soll die Hälfte der Lebensmittel, die Caterer den Grundschülern servieren, bio sein.

Für die weiterführenden Schulen will die Senatsverwaltung für Bildung bis Anfang 2021 ein Konzept für die Subventionierung von Schulessen vorlegen, in den Kitas sollen Ein- oder Umbau von Küchen im Rahmen der bestehenden Förderprogramme unterstützt werden. Bei der Ausschreibung für öffentliche Kantinen sollen künftig faire und ökologische Kriterien verankert werden, Regionalität als Kriterium kollidiert dagegen mit europarechtlichen Vorgaben.

Grundschüler essen kostenlos, künftig soll der Bioanteil bei 50 Prozent liegen.
Grundschüler essen kostenlos, künftig soll der Bioanteil bei 50 Prozent liegen.Foto: picture alliance / Ralf Hirschbe

Große Hoffnung setzt der Senat in die "Kantine Zukunft Berlin", Pate stand das Kopenhagener "House of Food". Experten sollen Großküchen und Caterer schulen, wie sie den Anteil von frischen Bioprodukten aus der Region erhöhen können, ohne dass die Kosten steigen. Der Stadt Kopenhagen gelang es, den Bioanteil in fast allen öffentlichen Küchen auf 90 Prozent zu erhöhen. Der Senat sähe solche Quoten wohl auch für die Hauptstadt gern, ist Berlin doch seit diesem Jahr offiziell "Bio-Stadt".

Um Essensgästen zu zeigen, wie viel bio in einem Restaurant oder einer Kantine verarbeitet wird, wünscht sich der Senat zudem ein Label, das Dänemark erfunden hat. Das "Bio Cuisine Logo" gibt es dort in Gold, Silber und Bronze. Gold bekommen Restaurants oder Kantinen, die mindestens zu 90 Prozent bio sind, Bronze setzt einen Bioanteil von mindestens 30 Prozent voraus. Das Problem: Für eine solche Lösung braucht es den Bund.

Wo soll das Essen herkommen?

Doch das ist nicht die einzige Schwierigkeit. Die größere Herausforderung liegt darin, dass Brandenburg derzeit nicht genug saisonale Bio-Ware liefert, um Berlin satt zu machen.

Bei Backwaren würde das noch funktionieren, auch bei Milch- und Milchprodukten sieht es mit der regionalen Bioversorgung gut aus. Weiße Flecken gibt es dagegen bei Obst und Gemüse. Äpfel, Birnen oder Zwetschgen in Bioqualität liefert meist das Alte Land bei Hamburg nach Berlin. Auch Kartoffeln, einst vom Alten Fritz nach Brandenburg gebracht, sind in der Region heute Mangelware.

Nach drei Jahren fertig: Berlins Verbraucherschutzsenator Dirk Behrendt (Bündnis 90/Die Grünen) hat die Ernährungsstrategie ausarbeiten lassen.
Nach drei Jahren fertig: Berlins Verbraucherschutzsenator Dirk Behrendt (Bündnis 90/Die Grünen) hat die Ernährungsstrategie...Foto: picture alliance/dpa

"Die Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln in der Hauptstadtregion übersteigt seit Jahren das Angebot", räumt der Senat denn auch in seinem Strategiepapier ein. Um das zu ändern, will Berlin die Wertschöpfung in der Region und den Aufbau von regionalen Wertschöpfungspartnerschaften fördern.

Aber auch Berliner Unternehmen will man unterstützen. Gründer- und Kompetenzzentren sollen die Infrastruktur für Küchen, Labore und Manufakturen liefern, Gründer sollen Beratungsangebote bekommen, auf der Grünen Woche sollen in der Berlin-Halle noch mehr innovative Start-ups vertreten sein, und der Berliner Großmarkt soll verstärkt Brandenburger Bio-Produzenten einbeziehen.

In den Kiezen will Rot-Rot-Grün den Austausch in der Nachbarschaft fördern. Sogenannte "LebensMittelPunkte" sollen Raum für Lagerung und Weiterverarbeitung von Lebensmitteln bieten. Auch Gemeinschaftsgärten will der Senat unterstützen.

Innovative Food-Start-Ups wie der Berliner Kräuterproduzent Infarm sollen unterstützt werden.
Innovative Food-Start-Ups wie der Berliner Kräuterproduzent Infarm sollen unterstützt werden.Foto: picture alliance / dpa

Lebensmittelverschwendung bekämpfen

Um die Lebensmittelverschwendung einzudämmen, sollen Kiezküchen und RESTaurants, die überschüssige Lebensmittel verwerten, sammeln oder abgeben, Zuwendungen erhalten. Berlin will Modellstadt für eine "Zero Waste"-Abfallpolitik werden, das soll auch für den Lebensmittelbereich gelten.

Berlin will ein System prüfen, wie man Informationen zur Weitergabe von Lebensmitteln bündeln kann, das nicht nur für die Tafeln gelten soll. Allerdings hat Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) kürzlich eine ähnliche Initiative angekündigt, die sich allerdings nur auf die Tafeln bezieht. Anders als Klöckner will Behrendt zudem durchsetzen, dass Lebensmittelhändler, die Essen wegwerfen, Geldstrafen zahlen müssen.

Gesünder essen

In Dänemark sind Lebensmittelbetriebe seit 17 Jahren verpflichtet, die Ergebnisse der Lebensmittelkontrollen durch Smileys an der Eingangstür auszuhängen, alle Kontrollberichte sind im Internet einsehbar. In Deutschland ist das nicht so. Berlin will das ändern, notfalls im Alleingang. Behrendt arbeitet an einer Hygiene-Ampel oder einem Hygiene-Barometer. Auf Bundesebene will sich der Grünen-Politiker zudem für verbindliche Reduzierungsvorgaben für Zucker, Fett und Salz einsetzen.

Studierende können in den Unimensen schon jetzt sehen, wie gesund (oder ungesund) ihr Mensaessen ist. Das Studierendenwerk kennzeichnet das mit einer "Gastronomischen Ampel", bei der die Speisen mit den Ampelfarben gekennzeichnet werden. Behrendt wünscht sich das auch für andere Kantinen.

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