Ernst Bittcher (Geb. 1928) : Mit dem Kopf durch die Wand

Damals, am 30. April 1945, war er vor Ort gewesen, ein Jugendlicher mit Karabiner in der Hand. Ob er zu diesem Zeitpunkt noch an Hitler glaubte?

Grabstein auf dem Melaten-Friedhof in Köln.
Grabstein auf dem Melaten-Friedhof in Köln.Foto: imago/Future Image

„Lass es gut sein“, haben ihm seine Freunde gesagt. „Du musst dich doch darauf nicht so versteifen“, rieten sie ihm. „Am Ende ist es auch nicht so wichtig“, versuchten sie ihn zu bändigen. Doch Ernst Bittcher war sie wichtig: die Geschichte über den letzten Kampf um den Berliner Reichstag. Denn es war auch seine Geschichte. Schließlich war er vor Ort gewesen damals, ein Jugendlicher von 16 Jahren, mit einem Karabiner in der Hand, mit einem Stahlhelm auf dem Kopf, darunter die breite Stirn, der feste Blick, das markante Kinn.

Da konnte Ernst pedantisch, ja geradezu dickköpfig werden. Diese Geschichte sollte doch korrekt wiedergegeben werden. Bitteschön. Dankeschön. Er schrieb an Zeitungen, an Museen, an Historiker, an Archive, trat als Zeitzeuge vor Schulklassen am Reichstag auf. Er ließ einfach nicht locker. Mit dem Kopf durch die Wand, denn so, wie er es erlebt hatte, so musste es gewesen sein.

30. April 1945, Berlin war eingenommen, die Berliner hängten weiße Laken aus den Fenstern. Es war vorbei. Fast. Nur im Regierungsviertel rund um den Reichstag hielten sich die letzten deutschen Truppen. Unter ihnen Ernst, ein Hitlerjunge, das letzte Aufgebot. Ob er zu diesem Zeitpunkt noch an Hitler glaubte?

Den großangelegten Sturm hat es nie gegeben

Später wird er sagen, dass er sich missbraucht gefühlt hat. Als Schüler ideologisiert, zum Flakhelfer ausgebildet und dann in den Krieg geschickt. Sein Vater, ein Bankdirektor und bei der SS, der glaubte an Hitler bis zuletzt. Zuhause gebärdete dieser Vater sich als Tyrann. Strammstehen, gehorchen, alles musste gerade sein, sonst gab es Prügel, regelrechte Exzesse. Nachts, wenn Ernst mal aufs Klo musste, wartete er das Rattern der S-Bahn ab, damit sein Vater ihn bloß nicht hörte, wenn er über den Gang schlich. Ernsts älterer Bruder floh nach Südafrika, so weit weg wie möglich.

Der 16-Jährige rannte also zwischen Reichstag und Innenministerium hin und her, suchte Deckung und betete darum, nicht von russischen Scharfschützen erwischt zu werden. Sein Auftrag: Butterbrote von einem Ort zum anderen zu tragen. Plötzlich tauchte ein russischer Panzer auf. Plötzlich schoss eine Panzerfaust, der Panzer ging in Flammen auf, heraus kroch ein russischer Soldat. Ernst hob seinen Karabiner und feuerte. Das erste und das einzige Mal. Vom großangelegten Sturm aber, von dem die Geschichtsbücher berichten, bei dem tausende Soldaten zu Tode kamen, hat Ernst an diesem Tag nichts gesehen. Er ist sich sicher: Den hat es nie gegeben.

Gefangenschaft. Entlassung. Abitur nachgeholt. Was sollte er nun mit seinem Leben anfangen? Zahlen hasste er, dafür hatte sein Vater gesorgt. Er konnte mit seinen Händen arbeiten, musikalisch war er auch. Wie es der Zufall arrangierte, traf er in einer Kirche auf einen Orgelbauer. Ernst schaute ihm zu, fragte ihn aus und war beeindruckt von den mächtigen Tönen der großen Pfeifen. Dieser Mann, Karl Schuke hieß er, lud Ernst in seine Werkstatt nach Potsdam ein. Er solle sich alles einmal anschauen, die Schnitzereien, die Materialien, die technischen Zeichnungen, vielleicht gefalle ihm ja, was er da sieht.

Er widmete sein Leben der Orgel

So wurde Ernst Orgelbauer. Seine Stärke waren die Entwürfe, das Planen, mit abertausenden von feinen Strichen zeichnete er die Instrumente aufs Papier. So entwarf er die Orgel in der Philharmonie, oder er restaurierte die im Schloss Charlottenburg. Für die Orgel in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Breitscheidplatz war er verantwortlich, er baute in Seoul, in Tokio und in Bilbao, aber auch in kleinen Kirchen auf dem Land. Ernst wurde zu einer Institution, und das war ihm auch bewusst. Da konnte es schon einmal passieren, dass er nachts in eine Kirche eindrang, um im Alleingang die Zwischendecke einzureißen, damit der Klang der Orgel besser wurde. Lieber machen und nicht fragen, bevor jemand protestieren konnte. Ernst, der Dickschädel.

Später, als er schon in Rente war, reiste er von Dorfkirche zu Dorfkirche, von Archiv zu Archiv, auf der Jagd nach den Orgeln von Carl Buchholz, einem Orgelbauer aus dem 19. Jahrhundert. Dem Instrument mit den vielen Pfeifen widmete Ernst sein Leben – dabei hat er Cello gelernt, und in Orgelkonzerte ging er nie. Das interessierte ihn dann nicht mehr.

Sie sah ihn und verliebte sich sofort

Zwei Ehen, einige Dramen und drei Kinder – ein Kinderfreund war er nicht. Streng war er zu ihnen, nicht so wie sein Vater, aber streng. Und ständig war er am Bauen. Für die Familie, wie er sagte. Doch mit ihm in Kontakt zu kommen, sich einmal wirklich zu unterhalten, das war kaum möglich.

Da kam er eines Abends mit Freunden in eine Kneipe in Lichterfelde. Sie sah ihn und verliebte sich sofort. Diese Stimme, dieser sanfte Tenor. Sie pirschte sich an ihn ran. Sie unterhielten sich über Faust, über Mahler. Frauen kamen mit ihm ins Gespräch; die Frauen verehrte er. Am nächsten Tag hatte sie eine Mahler-CD im Briefkasten. Dann besuchte er sie zum Essen und ließ 50 D-Mark da für die Aufwendungen. Das gefiel ihr. 1998 war das.

Sie zogen zueinander, liebten, stritten. Er musste sich auch mal kritisieren lassen und nicht alles sofort persönlich nehmen. Am Ende der Tage versöhnten sie sich immer.

Bis zuletzt blieb er beschäftigt mit Orgel-Entwürfen, mit dem Orgelverein, mit der Orgelzeitschrift, als Zeitzeuge im Reichstag und mit seiner Freundin. Bis 2017. Dann hatte sein Körper genug. Dann wurde Ernst krank. Dann starb er.

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