Erste Einblicke in das Futurium, Teil 4 : Morgen soll es glänzen

Die Wissenschaft bringt ständig Neues hervor. Laien kommen kaum noch mit. Die Kunst hilft und weist spannend-schöne Wege zum Begreifen.

Was wispert denn hier? Die funkelnde "Noosphäre" des kanadischen Architekten Philip Beesley interagiert mit den Besuchern.
Was wispert denn hier? Die funkelnde "Noosphäre" des kanadischen Architekten Philip Beesley interagiert mit den Besuchern.Foto: Sang Lee

Am 5. September wurde das „Haus der Zukünfte“ in Berlin eröffnet. Wir stellen die „Denkräume“ des Futuriums vor und blicken auf Zukunftsthemen, die in den interaktiven Ausstellungen des Hauses erlebbar sind. Im letzten Teil unserer Serie geht es um Kunst & Wissenschaft.

Tief unten im „Futurium“ funkelt und strahlt ein wundersames Gebilde. Alle möglichen Formen aus Acryl, Stahl oder Kunstharz sind miteinander verschmolzen, ineinander verhakt oder gedreht. Rund 250 000 Einzelteile wurden verbaut. Mit 4,50 Meter im Durchmesser nimmt sich dieses Kunstwerk einen gehörigen Raum im Lab, der innovativen, interdisziplinären Ebene im Futurium. Doch die bizarre Kugel ist viel mehr als eine komplexe Skulptur, die man bestaunen kann. Die „Noosphäre“, geschaffen von dem kanadischen Architekten Philip Beesley, wirkt lebendig, sobald man ihr näher kommt. Dann hört man sie wispern, knistern, zirpen, zischeln ... Hat sie etwa Angst?

Wieso die „Noosphäre“ scheinbar Gefühle zeigen kann, erklärt David Weigend, Zukunftsforscher und Kurator im Lab, unter anderem mit dem Begriff „protocells“. In wissenschaftlichen Laboren wird über die Primärzellen geforscht und damit experimentiert, doch was versteht der Laie schon davon? Im Fall der „Noosphäre“ wird das Kunstwerk zum Vermittler. Es weckt die Neugier und ermutigt, unbekannte Phänome zu hinterfragen, um sie – vielleicht – begreifen zu können.

An anderer Stelle stehen Glasbehälter mit Pflanzen. In einem Blumenladen könnten sie nicht punkten, zu mickrig kommt manch ein Blatt daher. Um Schönheit geht es hier nicht, sondern um Experimente. Gezeigt wird, welche Pflanzen auf extrem salzigen oder mit Schwermetallen durchsetzten Böden gedeihen können, erklärt Weigend. Es gäbe sogar Pflanzen, die Giftstoffe aus der Erde ziehen könnten. Ein Funken Hoffnung glimmt.

Kunst kommt als Transportmittel daher

Imposant kommen Baumpilze daher, die im Lab – als Kunstwerk in Szene gesetzt – sogar mal vergoldete Ränder aufweisen. Doch hinter „Mind the fungi“, einem Gemeinschaftsprojekt des Instituts für Biotechnologie der TU Berlin und dem Art Laboratory Berlin, verbirgt sich viel mehr. Das Publikum erfährt, wozu Pilze zu gebrauchen sind. In Zukunft könnten sie zum Beispiel Styroporverpackungen ersetzen, als Dämmstoffe in der Industrie herhalten, sogar Häuser könnte man aus Pilzen bauen. Die Finger streichen über ausgelegtes handschuhweiches Leder. Dieses stammt nicht vom Tier, es wurde aus einem Baumpilz hergestellt.

Dass die Bedeutung der Pilze so gut „rüberkommt“, liegt am Art Laboratory Berlin. Leiterin und Kunsthistorikerin Regine Rapp sagt: „Die Aufgabe des Art Laboratory Berlin ist es hier, die Forschungsergebnisse unserer Kollegen der Öffentlichkeit zu vermitteln.“ Nach anfänglichem Zögern sei sie mittlerweile froh, nicht alles gleich zu verstehen, was die Wissenschaftler ausgetüftelt haben. Bei Insiderformulierungen hakt sie nach. „Ich kann jene Fragen stellen, die Laien haben“, sagt Rapp. Kunst kommt als Transportmittel daher, um sich mit (unbekannten) Dingen zu beschäftigen.

Bejubelt werden die Errungenschaften der „schönen neuen Welt“ nicht immer. „Wir zeigen eine kritische Ausstellung“, betont Museumsleiter Stefan Brandt und fährt fort: „Wir wollen die Menschen nicht missionieren, sondern zeigen, was möglich ist.“ Wie aber geht man um mit all den Instrumenten, die das Leben zu erleichtern scheinen? Brandt wünscht sich, dass die Besucher sich diesbezüglich „eine Haltung zulegen“. Wie das gemeint sein kann, erfährt man in einer Wahlkabine, aufgestellt im Lab. Allerdings liegen weder Stimmzettel noch ein Stift zum Ankreuzen der favorisierten Partei darin. Überflüssig. Dieser „Wahlomat“ weiß auch so, wem der Mensch seine Stimme geben möchte. Drinnen lächelt man nach der Aufforderung „Smile to vote“ in eine Kamera, und einen Moment später werden die Prozente für acht Parteien abgebildet. Der schwarze Balken wächst. Habe ich also der CDU/CSU meine Stimme gegeben? Das kann nicht sein!

Die Zukunft muss nicht düster sein

Mit diesem Wahl-Experiment setzt der Künstler Alexander Peterhaensel eine Kaskade von Gedanken in Gang. Er treibt IT-gestützte Gesichtserkennungen, die zunehmend Verwendung finden, auf die Spitze. Immer mehr wird dem Menschen abgenommen. Das ist bequem, aber was folgt daraus? Wollen wir das? Und: Wie können wir diese Entwicklung verhindern? Der „Smile-to-vote-Wahlomat“ wirkt verstörend. Mit solchen Experimenten könne man die Menschen „wachrütteln“, wünscht sich David Weigend.

Am Ende des Rundgangs schluckt man sogar den sperrigen Untertitel des Futuriums, „Haus der Zukünfte“. Das Wort Zukunft hat keine Mehrzahl. „Aber“, gibt Stefan Brandt zu bedenken, „wir wissen nicht, welche unterschiedlichen Zukünfte Teil der Zukunft werden.“ Das Museum vermittelt eine Ahnung davon, was auf uns zukommen könnte. Besucher müssen deshalb nicht verzweifeln, sondern dürfen Hoffnung schöpfen. Die Zukunft muss nicht düster sein.

Einmal ins Futurium gehen und dann nie wieder wäre übrigens schade. Die Dauerausstellung werde sich permanent ändern, verspricht Stefan Brandt. Das muss sie auch, um Schritt zu halten mit den Neuerungen in der Welt. Um sie zu verstehen, dürfen Besucher im Lab selbst Hand anlegen. Her mit dem 3-D-Drucker, dem Laser-Cutter, den rechnergestützten Fräsen! So hilft man der Zukunft auf die Sprünge.

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