„Erzähl mal weiter“ : Die Checkpoint-Fortsetzungsgeschichte mit Annett Gröschner

Woche für Woche starten Berliner AutorInnen im Checkpoint eine Erzählung. Wie es weiter geht, entscheiden die LeserInnen. Lesen Sie jetzt die ganze Geschichte.

Die Berliner Schriftstellerin Annett Gröschner.
Die Berliner Schriftstellerin Annett Gröschner.Foto: Susanne Schleyer

„Erzähl mal weiter“ – gemeinsam mit Berliner AutorInnen und Ihnen wollen wir während der Sommerferien Fortsetzungsgeschichten verfassen. Den Auftakt dieser Woche machte Annett Gröschner. Heute folgt Teil 5. 

Destination

Intro (Annett Gröschner): Eine gefühlt halbe Ewigkeit steht der TXL-Bus schon an der Ampel Saatwinkler Damm. Corinna hält das Warten nicht mehr aus, steht auf und tritt an die Tür. Das Flugzeug aus Beirut ist laut App seit einer halben Stunde gelandet, gerade verschwindet der letzte Streifen Tageslicht am westlichen Himmel. Hätte sie wegen des vergessenen Handys nicht nochmal umkehren müssen, wäre sie längst da. Das Display zeigt 1 Prozent Akkuladung und keine Nachricht von ihren Töchtern. Würden sie sie mit der Maske überhaupt erkennen? Seit dem 13. März waren sie verwaschene Bilder bei Zoom, die öfter einfroren. Samirah, die kleine, sah immer aus wie verweint. Corinna hat die Stimme ihrer Mutter im Ohr. Wenn du damals den Stefan aus Karolinenhof behalten hättest, wäre das alles nicht passiert. Als der Bus endlich vor Terminal 1 hält, stürmt sie hinaus und auf den Eingang zu. Die Drehtür rührt sich nicht. Sie rennt zum anderen Eingang. Erst jetzt bemerkt sie, dass kein Licht in der Halle brennt. Sie rüttelt trotzdem an allen Türen. „Verdammt, was ist hier los?“...

Teil II (Jan-Gunnar Franke): Sie rüttelt trotzdem an allen Türen. „Verdammt, was ist hier los?“... „Hallo! Hör‘n se ma uff. Is zu, wissen se das nich?“ Sie lässt von der Drehtür ab, ihre Fingerknöchel sind vom Rütteln ganz weiß. Der hagere Mann mit der Schiebermütze muss sich irren oder scherzen – und überhaupt: was soll ein Sachse hier zu schaffen haben? Ungläubig schaut sie sich um. Jetzt sieht sie die Gruppen kauernder Gestalten, vernimmt Wimmern und leises Klirren: einige FDP-Mitglieder in gelben und Taxifahrer in beigen T-Shirts, alle mit Trauerbinden am Arm. „Tegel ist zu – was nu?“ fragt ein Plakat, das ein Poet über die Busfahrplantafel geklebt hat. Wie konnte sie das verpasst haben? In ihrer App stand doch eindeutig … sie wühlt in ihrer Tasche, Panik steigt aus dem Bauchraum Richtung Herzen. Da! „BER“ sagt die App. Es ist Montag, 6. Juli 2020; der BER ist eröffnet und TXL geschlossen. Sie muss sich setzen, und rennt doch los...

Nicht viel los: Nach Schönefeld im Bus.
Nicht viel los: Nach Schönefeld im Bus.Foto: Jan Huebner/Imago

Teil III (Manfred Füger): ...während sie fieberhaft nachdenkt, was nun zu tun ist. „Bin ich denn die einzige, die von der Schließung nichts mitbekommen hat?“, geht es ihr durch den Kopf. „Und wie komme ich jetzt zum BER?“ Sie stürzt zurück zum Bus, mit dem sie hergekommen ist. Der Fahrer kaut seelenruhig auf seiner Wurststulle herum und bedeutet ihr, draußen zu warten, bis seine Pause vorbei ist. Sie hämmert verzweifelt gegen die Tür, bis der Mann ein Einsehen hat. „Ick hab’ mir och schon jewundert, dass außer Sie keener im Bus war“, antwortet er auf ihre atemlose Frage. „Aber wejen Corona fliegt ja och kaum noch eener. Na, komm’Se, wir schaukeln denn mal nach Schönefeld...“ Erleichtert und dankbar steigt sie in den Bus, der sofort losfährt. Und mit entschlossener Miene braust der Fahrer sogar bei Rot über die nächste Ampel...

Teil IV (Gerda Klehr): ...Sie lässt sich auf einen Sitz in einer Vierer-Bucht fallen und reißt endlich die Schutzmaske herunter. Wen soll sie hier schon anstecken? Erst jetzt spürt sie ihre Anspannung und eine beängstigende Verwirrtheit. Der Bus schaukelt weiter durch die beginnende Nacht. Nach einem letzten Blick auf ihr erloschenes Handy schließt sie ein wenig die Augen und wiederholt ganz leise, mantramäßig „Wird schon werden...“ In diesem Zustand überkommt sie ein sonderbares Gefühl der Vertautheit, fast der Geborgenheit. Skeptisch öffnet sie wieder die Augen und bemerkt, dass der Busfahrer sie im Rückspiegel eindringlich beobachtet. Gleich würde er rufen: „Mädel, Maske uff!“ Aber nichts dergleichen, stattdessen: „Na Kleene, hast et ooch nich leicht, wa?“ Erst jetzt schaut sie ihn genauer an. Moment mal: Das ist doch Stefan!...

Teil V (Annett Gröschner) ... Bei näherem Hinsehen ist es nicht Stefan, aber Corinna überkommt ein ungutes Gefühl. Es passiert ihr häufig, dass sie eine Person, die sie schon lange aus den Augen verloren hat, im Stadtbild zu erkennen meint, meist irrtümlich. Oft läuft ihr dieser Mensch dann aber ein paar Tage später wirklich über den Weg. Sie sieht vor ihrem inneren Auge Stefan im Flieger rein zufällig neben ihren Töchtern sitzen. Samirah, die völlig unbegabt im Misstrauischsein ist, hat ihm gerade ihre Familiengeschichte auseinanderklamüstert, mit dem Höhepunkt des Fluges zum Geburtstag der Großmutter väterlicherseits nach Beirut, ohne die Schule zu informieren, „typisch unsere Mutter“, dann der plötzliche Lockdown als Höhepunkt der Erzählung, bis Stefan beim Weiterplaudern irgendwann auf Karolinenhof kommt und Lina, ihre große Schwester, reingrätscht und sagt: „Unsere Mutter hatte mal einen Freund da. Der hieß Stefan, kennen Sie den?“

Sicher hat er sich nach der Landung ihrer Kinder angenommen und ist, weil sie mal wieder versagt, das war ja schon vor zwanzig Jahren nicht anders, auf dem Weg zu ihrer Mutter nach Köpenick, die Nummer kennt der Pedant sicher noch auswendig. Erst hört Corinna die Meldung im Radio vorne beim Busfahrer nur mit halbem Ohr, beim Wort BER wird sie hellhörig: „… kam es am ersten Tag des regulären Betriebs zu einem umfassenden Computerausfall, der bis zum späten Abend nicht behoben werden konnte. Am Abend erwartete Flugzeuge wurden auf den Leipziger Flughafen umgeleitet.“ Corinna atmet auf. „Kann ich mal Ihr Handy benutzen?“

So, das war das Ende von „Destination“, der Fortsetzungsgeschichte von Annett Gröschner und Checkpoint-LeserInnen. Zum Weiterschmökern: Annett Gröschners neuer Essayband „Berliner Bürger*stuben. Palimpseste und Geschichten“ ist vor kurzem in der Edition Nautilus erschienen.

Kommende Woche geht es im Checkpoint mit der nächsten Geschichte weiter – dann mit Paul Bokowski. Hier für den Newsletter anmelden: checkpoint.tagesspiegel.de.

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