Gentrifizierung in Berlin : Betreiber und Senat kämpfen um Kreuzberger "Privatclub"

Doppelte Miete, Streit mit neuen Nachbarn. Der Besitzer des Privatclubs sieht sich einem mächtigen Akteur gegenüber: dem Start-up-Investor und Vermieter Marc Samwer.

Anna Pia Möller
Club-Betreiber Jackschenties (v.l.), die Berliner Popbeauftragte Lucker und Leichsenring (Clubcommission) vor dem Privatclub.
Club-Betreiber Jackschenties (v.l.), die Berliner Popbeauftragte Lucker und Leichsenring (Clubcommission) vor dem Privatclub.Foto: Anna Pia Möller

Aus den Worten spricht Wut: „Diese Leute kommen in die Stadt, ohne nach links oder nach rechts zu gucken und verdrängen Orte wie diesen“, sagt Katja Lucker, Popbeauftragte des Landes Berlin und Chefin des Musicboards. Sie spricht von Investoren der Start-up-Szene, die jüngst in verschiedenen Fällen Club-Betreiber aus ihren Räumlichkeiten verdrängten.

Der aktuelle Fall um den Privatclub an der Skalitzer Straße 85-86 in Kreuzberg erregt vor allem durch die prominenten Akteure Aufmerksamkeit: Die drei Samwer-Brüder, Gründer von zahlreichen Start-ups wie Zalando, dem Kochboxen-Anbieter Hello Fresh und dem Online-Möbelhändler Westwing.

Im Mai 2016 hat eine Verwaltungs-GmbH, dessen Geschäftsführer der älteste Bruder, Marc Samwer, ist, die ehemalige Paketstation an der Skalitzer Straße gekauft. Seitdem kommt Norbert Jackschenties, der dort seit fünf Jahren den Privatclub betreibt, nicht mehr zur Ruhe.

„Sie fordern die doppelte Miete und eine Begrenzung der Konzerte auf zwei Tage pro Woche“, fasst er zusammen. Dem könne er nicht nachkommen. Höhere Mieten bedeuteten höhere Preise. „Dann kommt keiner mehr.“ Alle Forderungen seien rechtlich völlig haltlos, sagt Jackschenties. „Es lastet dennoch ein unglaublicher Druck auf mir.“ Der Mietvertrag laufe in viereinhalb Jahren aus – erst danach sei die Zukunft ungewiss.

Kampf an zwei Fronten

Der Club-Betreiber kämpft sogar an zwei Fronten: Gegen die Vermieter und gegen die anderen Mieter des Hauses. Unter dem ehemaligen Besitzer, einem Investor aus Italien, sei die obere Etage ungenutzt gewesen. Samwer hätte diese nun ausbauen lassen und an Start-ups vermietet. Bei der Vermietung hätte Samwer die Lärmbelastung, die durch den Clubbetrieb entstünde, gegenüber den neuen Mietern beschönigt. Diese würden sich nun beschweren.

Mit einer schriftlichen Stellungnahme über eine PR-Agentur meldete sich am Montag auch Marc Samwer zu Wort. Demnach bestehen über Vertragsinhalte Uneinigkeiten zwischen Investor und Club-Betreiber: Laut Jackschenties sei bereits mit dem Ex-Eigentümer eine Betriebsbeschreibung vereinbart worden, die Konzerte am Wochenende immer, unter der Woche temporär und während der Wintermonate häufiger gestattet.

Soundchecks seien ab 17 Uhr und Konzerte ab 21 Uhr erlaubt. Bei all diesen Punkten handele es sich jedoch um Richtungswerte. Der neue Vermieter teilt mit, die bestehende Vereinbarung umfasse feste Tage und Zeiten für den Clubbetrieb, an die sich Jackschenties nicht halte.

Höhere Miete: ja. Aber nicht das Doppelte.

Bereits bei der letzten Vertragsverlängerung mit dem Voreigentümer sei der Mieter darauf hingewiesen worden, dass eine Mietpreiserhöhung anstehen könnte. Jackschenties sagt, er sei bereit, eine höhere Miete zu zahlen, aber nicht das Doppelte. Derzeit betrage die Kaltmiete pro Quadratmeter 11 Euro. Samwer fordere 23 Euro. Jackschenties bietet 15 Euro.

„Der Vermieter weiß, dass ich das finanziell nicht stemmen kann. Der will mich loswerden.“ Ein Hausverwalter hätte ihm gegenüber bereits erwähnt, der Club sei dem Eigentümer ein „Dorn im Auge“.

Wir müssen einen Dialog anstoßen, der bislang nicht stattgefunden hat“, sagt Lutz Leichsenring von der Clubcommission Berlin. Die Musikszene in Berlin dürfe sich nicht von den Start-ups verdrängen lassen. Durch den Senat würden sie in dieser Hinsicht viel Unterstützung erfahren.

In der letzten Woche haben Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) einen Brief an Samwer verfasst. „Wir hoffen, dass unsere Bemühungen fruchten. Wenn das nicht der Fall ist, müssen wir in die nächste Eskalationsstufe eintreten und eine Änderung der rechtlichen Rahmenbedingungen anstoßen.“

Viele Kreuzberger fürchten, es würden gezielt Start-ups in ihren Kiezen angesiedelt. Neben dem Erwerb der Paketstation durch Samwer sorgt auch der Google-Campus, der gerade im Umspannwerk Kreuzberg entsteht, für Unmut unter Anwohnern.

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