Gleichberechtigung bei Verhütung : Warum es keine "Pille für den Mann" gibt

Von wegen geteilte Verantwortung: Verhütung gilt seit Jahrzehnten kategorisch als Frauensache. Ansätze zur Entwicklung einer „Pille für den Mann“ gab es immer wieder. Bisher sind alle gescheitert.

Felix Rupprecht
Keine Wahl. Männern, die verhüten wollen, bleibt bisher nur das Kondom.
Keine Wahl. Männern, die verhüten wollen, bleibt bisher nur das Kondom.Foto: Fotolia

Es gibt in Deutschland Frauen-Quoten, ein Entgelttransparenzgesetz, das gleichberechtigte Bezahlung garantieren soll, Gleichstellungsbeauftragte und andere Instrumente, die mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern herstellen sollen. Gleichberechtigung in der partnerschaftlichen Beziehung scheint aber noch nicht der Alltag zu sein, vor allem bei der hormonellen Verhütung. Seit die Antibabypille in den 1960er-Jahren auf den Markt kam, ist diese Aufgabe so kategorisch Frauensache, wie es einst Haushalt und Kinder waren. Woran liegt das?

Auch Wissenschaftler sind sich uneinig. Scheiterte die vielgepriesene „Pille für den Mann“, an der jahrzehntelang geforscht wurde, an den Nebenwirkungen der erforschten Medikamente oder sind die Gründe komplexer? Irena Goranova, Oberärztin am Institut für Urologie der Charité, kennt den Stand der Forschung. Sie sagt, dass an ihrem Institut nicht an Präparaten zur männlichen Verhütung geforscht wurde. Denn um eine aufwendige Forschung zu rechtfertigen, hätten die Ansätze der vergangenen Jahre zu wenig Erfolg versprochen. „Zu unsicher war es, ob die Wirkung wieder umkehrbar sein würde – Dauerschäden für die Fruchtbarkeit bei den Patienten waren möglich.“

Bei Männern ist die Sache ungleich komplizierter

Die Akte der abgebrochenen Humanversuche ist umfangreich. 2007 gaben die Pharmakonzerne Organon und Bayer die Einstellung ihrer Forschungen an der „Pille für den Mann“ bekannt. Während Frauen tatsächlich zur Tablette greifen können, ist die Sache bei Männern ungleich komplizierter. Denn die „Pille“ ist eigentlich eine „Antibabyspritze“, ein Kombinationspräparat aus dem männlichen Sexualhormon Testosteron, das alle drei Monate injiziert werden muss, und einem Implantat, das kontinuierlich ein weibliches Hormon, ein Gestagen, abgibt. Das Ziel dieser Kombination ist, die Spermienproduktion in den Hoden zu unterbinden. Per Pille kann Testosteron nicht verabreicht werden, denn das Hormon würde in der Leber sofort abgebaut.

Eine vielversprechende Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit 320 Probanden in acht Ländern, darunter auch in Deutschland, wurde 2011 abgebrochen. „Die Zusammensetzung der Medikamente in der Spritze hat nicht für alle Männer gut funktioniert“, sagt Michael Zitzmann, Androloge und Endokrinologe am Centrum für Reproduktionsmedizin der Universität Münster, der die deutsche Studie damals geleitet hatte. Bei rund zehn Prozent der Probanden, insbesondere bei älteren Familienvätern, traten unangenehme Folgen auf, darunter Stimmungsschwankungen, Depressionen, Libidoverlust, Akne, Gewichtszunahme sowie Muskel- und Kopfschmerzen. Die Forschung an der „Pille für den Mann“ wurde nach diesen ernüchternden Ergebnissen weltweit erheblich reduziert.

Und schließlich zweifelten Vertreter der Pharmabranche, ob ein Präparat zur hormonellen Verhütung beim Mann überhaupt Chancen auf Akzeptanz hat. Manche Wissenschaftler wie Michael Zitzmann vermuten noch weitere Gründe hinter der Entscheidung: „Die Industrie hat sich aus meiner Sicht auch deshalb aus der Forschung zurückgezogen, weil jeder Erfolg gleichzeitig die Marktanteile der Antibabypille eindämmen würde.“

Private Stiftungen treiben die Forschung voran

Hormonbasierte Verhütungsmittel sind also für den Mann derzeit kein Thema. Doch immerhin gebe es in den USA eine Reihe von Ansätzen ohne Hormonpräparate, sagt Zitzmann. Die privat finanzierte Parsemus Foundation, eine medizinische Forschungsstiftung im kalifornischen Berkeley, entwickelt eine hormonfreie Variante der männlichen Verhütung weiter, die in Indien erfunden wurde. Dabei wird ein Gel in den Samenleiter injiziert, das zwar die Samenflüssigkeit passieren lässt, die Spermien aber zurückhält. Das sogenannte „Vasalgel“ hat damit vorübergehend eine ähnliche Wirkung wie die Vasektomie, bei der ein Stück des Samenleiters abgetrennt wird. Versuche mit Affen bewiesen bereits die empfängnisverhütende Wirkung, auch die Fruchtbarkeit kehrt nach Absetzen der Methode sehr gut zurück. Jedoch: Das Produkt ist noch nicht wirklich marktreif.

Eine Firma aus Oregon hat ein Präparat entwickelt, das den Spermienfluss hemmt. Das Oralkontrazeptivum EP055 zerstört ein bestimmtes Protein, das das Spermium braucht, um sich bewegen zu können. Eine Befruchtung der Eizelle wird so unmöglich. Auch diese Art der Hemmung des Spermienflusses ist umkehrbar. Doch auch hier ist der Zeitpunkt der Marktreife völlig unklar. Aber zumindest können Männer und Frauen weiterhin hoffen, dass eines Tages auch für Männer eine andere Verhütungsmethode zur Verfügung steht als das Kondom.

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