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Die U2 könnte von Prenzlauer Berg aus künftig bis nach Niederschönhausen fahren, fordern die Grünen Pankow.

© imago/Jürgen Ritter

Pankower Kreisverband legt Verkehrskonzept vor: Grüne fordern Verlängerung der U2 und starken Tram- und Taktausbau

Pankow wächst massiv. Um den Bezirk und das Umland besser anzubinden, haben die Bezirksgrünen ein Verkehrskonzept entwickelt, samt neuer U-Bahnstrecken.

Geht es um den Bau neuer U-Bahnstrecken, drücken die Berliner Grünen oft eher auf die Bremse. Die Grünen in Pankow schlagen nun einen anderen Weg ein: Sie plädieren für die Verlängerung von U-Bahnlinien im Bezirk. Zugleich soll das Tram-, S-Bahn- und Busnetz wachsen und durch dichtere Takte verbessert werden. Das geht aus einem neuen Verkehrskonzept der Pankower Grünen hervor, das am Dienstag vorgestellt wurde.

Bislang gibt es die detaillierten Pläne nur für den Bezirk Pankow. Doch das Konzept könnte „eine Blaupause für die ganze Stadt werden“, sagte die Spitzenkandidatin der Grünen, Bettina Jarasch, dem Tagesspiegel. Solche Vorschläge brauche es nun auch aus anderen Bezirken. In Bezug auf eine mögliche U-Bahnverlängerung äußerte sich Jarasch aber zurückhaltender. „Was die einzelnen, angesprochen Linienerweiterungen angeht, gilt wie für alle in Rede stehenden Vorhaben, dass die verkehrlichen Vorteile, die Klimabilanz und die Kosten noch geprüft werden müssen“, sagte Jarasch.

Die Pankower Grünen weichen nun von der bisherigen Tonlage der Landespartei ab. „Pankow ist der Bezirk, der am stärksten wächst“, sagte Stefan Gelbhaar, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag und Direktkandidat in Pankow. „Wenn wir neue Quartiere errichten, müssen wir klären, wie die Menschen, die dort wohnen, mobil sein können.“ Unter anderem fordern die Grünen dazu die U-Bahnlinie U2 zu verlängern.

Vom bisherigen Endpunkt am S- und U-Bahnhof Pankow soll die Strecke nach ihren Plänen künftig unterirdisch bis nach Niederschönhausen zum Pastor-Niemöller-Platz führen. Dort sieht das Konzept die Schaffung eines Hubs für den öffentlichen Nahverkehr vor, mit zahlreichen Bus-Anschlüssen in Niederschönhausen zur besseren Anbindung des Pankower Nordens.

„Wir müssen das Pankower Zentrum von Durchgangsverkehr entlasten“, sagte Cordelia Koch, grüne Kandidatin für das Amt der Bezirksbürgermeisterin in Pankow. Weil man für zusätzliche Kapazitäten auf der Schiene keine neue Tramverbindung durch den Schloss- oder Bürgerpark führen wolle, sei der Plan mit der U-Bahn aufgekommen. „Ich bin weiterhin zurückhaltend, was U-Bahnen betrifft“, sagte Gelbhaar. Doch um ein wachsendes Niederschönhausen anzubinden, sei es die realistischste Option.

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Zudem solle auf der bestehenden Strecke ein weiterer U-Bahn-Halt eingerichtet werden. An der Kreuzung Schönhauser Allee, Ecke Bornholmer Straße sehen die Pläne einen neuen Hochbahnhof Wisbyer Straße vor. „Der ist vergleichsweise einfach zu bauen“, sagte Torben Greve, Geschäftsführer des Mobility Institute Berlin und Mitglied der Grünen Pankow, der das Konzept miterstellt hat.

Zugleich fordern die Grünen eine bessere Anbindung des Bezirks an den West der Stadt. Unter anderem über einen „Lückenschluss“ in die City West. Dazu solle eine Schienenverbindung vom S- und U-Bahnhof Pankow über den S-Bahnhof Wollankstraße zum bisherigen Ende der U-Bahnlinie U9 an der Osloer Straße entstehen. Dazu könnte die U9 verlängert werden. Dies hätte "eine wichtige Netzverknüpfungs-Funktion", heißt es im Konzept. Ob die U-Bahn oder der Neubau einer Tramlinie die bessere Lösung sei, müsse eine „gleichberechtigte Prüfung“ ergeben. Nach Vorrang des Tramausbaus, wie ihn manch andere Grüne propagieren, klingt das nicht.

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Doch auch das Tramnetz soll nach dem Vorschlag der Pankower Grünen gezielt erweitert werden. Schon der aktuelle Nahverkehrsplan sieht dazu mehrere neue Strecken vor. So soll die Linie M2 durch das neue Stadtquartier „Blankenburger Süden“ bis zum S-Bahnhof Blankenburg verlängert werden. Auch die Verlängerung der Straßenbahnlinien 12 und 27 vom bisherigen Endpunkt Pasedagplatz im Stadtteil Weißensee zum S-Bahnhof Pankow hat der Senat bereits beschlossen.

Die Grünen wollen über diese Pläne allerdings noch deutlich hinausgehen. Mit vier weiteren Streckenabschnitten soll der Nahverkehr im Bezirk gestärkt werden. „Wir wollen mit kleinen Streckenstücken große Verbesserungen bringen“, sagte Greve. Dazu zählt die Schaffung einer Ost-West-Straßenbahn-Verbindung im Pankower Norden bis zum S-Bahnhof Wittenau. Dafür könne auf die geplante Nordtangente für den Kfz-Verkehr verzichtet werden, finden die Grünen.

Karower Kreuz und der S-Bahnhof Buch sollen Doppelknoten werden

Auch im S- und Regionalbahnverkehr streben die Grünen in Pankow Verbesserungen an. So sollen das Karower Kreuz und der S-Bahnhof Buch zu einem regionalen ÖPNV-Doppelknoten ausgebaut werden. In Buch wäre demnach ein weiterer Halt der Regionalbahnverbindungen zwischen dem Hauptbahnhof und Bernau vorgesehen. 

Am Karower Kreuz sollten die Züge auf der Strecke Ostkreuz – Oranienburg zusätzlich halten. Zur besseren Anbindung sehen die Pläne dort drei neue Expressbuslinien ins Umland vor. Damit verbunden ist zudem die geplanten S-Bahn-Tangente entlang der Strecke des Berliner Außenrings. Vorgesehen ist dafür eine Verlängerung der S-Bahn über den Bahnhof Wartenberg hinaus zum Karower Kreuz, sodass die S75 über diese Strecke bis nach Buch führen könnte. 

Eine neue Linie S15 würde vom Hauptbahnhof, Gesundbrunnen und Pankow kommend über Karow Richtung Wartenberg und Biesdorf fahren. Einen Kreuzungsbahnhof für die S- oder Regionalbahn am Karower Kreuz sieht das Konzept hingegen nicht vor.

Zum Regionalbahnhof ausgebaut werden solle zudem der S-Bahnhof Pankow. So könnten Pendler schneller in die Stadt kommen. Gleiches soll eine Verlängerung der im Wiederaufbau befindlichen Heidekrautbahn bezwecken, die dem Konzept zufolge bis zum Hauptbahnhof führen könnte und so zusätzliche Umstiege für Pendler vermeiden könnte.

Takt bei S- und Regionalbahn soll verbessert werden

Die massiven Ausbauvorhaben bei der Schieneninfrastruktur sollen durch Verbesserungen beim Takt ergänzt werden, fordern die Grünen. Sie verlangen, dass die Bahnen im Regionalverkehr alle 20 Minuten verkehren, auf der Achse nach Bernau sogar in einer dichten Zehn-Minuten-Folge kommen. Die S-Bahn solle auf allen Berliner Strecken im Fünf-Minuten-Takt verkehren, in Brandenburg solle alle zehn Minuten eine S-Bahn kommen. 

All diese Infrastrukturmaßnahmen bräuchten eine Menge Zeit. Für die U2-Verlängerung kalkulieren Gelbhaar und Greve wahlweise mit 2035 bis 2040. Die Grünen sehen die meisten der Pläne daher eher als Langfristkonzept. Bereits für die kommende Legislaturperiode bis 2026 fordern sie hingegen zusätzliche Buslinien innerhalb Pankows und zu den Nachbarbezirken. Dadurch sollen mehr Ziele ohne Umwege und Umsteigen erreicht werden. Wo das nicht möglich ist, sollten zusätzliche Rufbus-Shuttles zum ÖPNV-Tarif das Angebot aufwerten.

Nachtbusse sollen entlang von S-Bahnlinien fahren

Neben dem Nachtverkehr mit Bussen entlang der U-Bahnlinien solle auch für die S-Bahnachsen ein Nachtbusverkehr geschaffen werden, fordert der Kreisverband. Für die Stadtbahn sowie die Ringbahn müsse auch über einen durchgängigen 24-Stunden-Betrieb an allen Wochentagen nachgedacht werden, heißt es in dem Konzept. Zudem sollten weitere Verbindungen im Tram- und Busnetz zu Metrolinien aufgewertet werden.

„Mit unserem ÖPNV-Konzept für Pankow wollen wir vor allem eins erreichen: dass die Leute ihr Auto freiwillig stehen lassen, weil Bus und Bahn einfach so viel besser sind. Und das nicht nur auf dem Weg zur Schule und zur Arbeit in der Stadtmitte, sondern für alle Wege, auch in die benachbarten Kieze oder auf dem Weg zum Badesee“, sagte Greve.

Das gesamte Verkehrskonzept mit interaktiven Karten finden Sie hier.

Günstig wird all das nicht. Für die Forderungen würden erhebliche Mittel für den Netzausbau und den Betrieb nötig. "Wenn wir die Qualität des Inenrings an den Stadtrand schieben wollen, kostet das massig Geld", macht sich Gelbhaar keine Illusionen. All das könne Berlin nicht alleine finanzieren. Er sieht an daher den Bund in der Pflicht, wenn auch der Verkehrssektor in ganz Deutschland seinen Beitrag zum Klimaschutz beitragen muss und sich die Zahl der Fahrgäste im Nahverkehr verdoppeln solle. „Auf Bundesebene fordern wir beispielsweise die Erhöhung der GVFG-Mittel um eine Milliarde Euro“, sagte er.

Zugleich könnte es einen separaten Topf bei den Regionalisierungsmittel nur für den Betrieb des Nahverkehrs geben. Das Geld dafür sei da, sagt Gelbhaar: "Wir brauchen dafür keinen einzigen Cent mehr. Das lässt sich alles aus dem aktuellen Verkehrshaushalt finanzieren, wenn man Mittel für den Straßenbau umwidmet", erklärt er. Dessen Etat sei in der aktuellen Legislatur "exorbitant" gewachsen auf zuletzt mehr als zehn Milliarden Euro im Jahr.

Trotz all der Zukunftspläne gibt sich Jens Wieseke, Sprecher des Berliner Fahrgastverbands Igeb skeptisch. "Es ist eine Wundertüte. Ich kann mir das alles vorstellen, aber die Grünen haben in der jetzigen Legislatur nicht viel geliefert. Den richtigen Glauben habe ich daher nicht daran." Der Fokus sollte derzeit daher auf Maßnahmen liegen, die den Nahverkehr schnell verbesserten, sprich: mehr und bessere Busverbindungen. "Da muss jetzt erstmal alle Kraft rein", sagte Wieseke.

Auffällig ist in der Tat die Diskrepanz zwischen den hochtrabenden Plänen der Grünen und der Berliner Realität. Immerhin sitzt mit Regine Günther seit knapp fünf Jahren eine Grüne als Verkehrssenatorin im Senat. Berlin habe "einen Rückstau was Investitionen in den ÖPNV angeht", gestand Gelbhaar. Teils weil die vorangegangenen Koalitionen Projekte nicht rechtzeitig vorangetrieben hätten. Und dennoch sei auch mit dem neuen Konzept der Ruf in Richtung Verkehrsverwaltung, "dass dort eine Schippe draufgesetzt werden muss".

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