zum Hauptinhalt
Restaurantlärmurheber. Nichts gegen Sir Paul - aber wenn beim Essen unentwegt "Obladi Oblada" ertönt, wird es manch einem zu viel.
© dpa

Musik in Restaurants: Ich will in Ruhe essen!

Wer in Berliner Restaurants nach einem langen Tag zu sich kommen möchte, hat es schwer: Überall plärrt es aus den Boxen – immer lauter, immer rücksichtsloser, immer fordernder. Schluss damit! Der Musik, den Speisen und der Zivilisation zuliebe.

Endlich. Platz nehmen an einem gedeckten Tisch. Zurücklehnen, in der Speisekarte blättern, erster Schluck Wein nach einem langen Arbeitstag. Feierabend in der Kneipe, im Restaurant. Durchatmen, langsam ein leises Gespräch beginnen. Die laute Welt draußen lassen. Und schon beginnt es zu plärren.

Speedy Gonzalez, schreit es von den Wänden. Der Kellner bringt die Vorspeise. Ach, wie so trügerisch, kracht es ins Carpaccio. Hey, Jude, blökt es wenig später aus dem Lautsprecher zum Wiener Schnitzel. Non, je ne regrette rien, zum Kartoffelsalat. Längst ist das Tischgespräch verstummt, ausgelöscht, niedergeschrien. Nur nicht aus Liebe weinen, wimmert es über den Tisch zum Dessert. Herr Ober, bitte zahlen. Sofort. Azzurro, weht es zur Ausgangstür hinterher.

Vielleicht täusche ich mich, aber ich glaube, es hat in Berlin zugenommen. Wo auch immer ich mich in letzter Zeit niederzulassen versuche, schon brüllt es mich an, obladi oblada. Hintergrundmusik, dummes Wort, Hintergrund, der sich besessen und scheinheilig in den Vordergrund drängt: Ich will doch nur spielen, über sieben Brücken musst du gehn, ist doch nur eine Nebensache, Klangteppich aus Samt und Seide, das schöne Ornament des festlichen Abends, libiamo, libiamo, lockert doch die Stimmung, Moskau, Moskau!, lässt die Seele baumeln, all’alba vincerò, dulijöh.

Nein, ich will nicht, dass meine Seele baumelt, um Gotteswillen. Ich möchte, dass sie einmal am Tag Ruhe gibt, ein artiges Zwei-Stunden-Schläfchen hält, auf dass Lärm und Lasten von mir abfallen, für ein kleines Weilchen nur, für ein paar lautlose Augenblicke. Und dass es dafür schalldichte Räume gäbe, rare Bezirke der Stille, in denen mich nichts und niemand überfällt.

Wer hat den Gastwirten nur eingeredet, dass ihre Gäste ständig auf Radau aus sind, auf akustische Emissionen? Auf Getöse, Beschallung, Berieselung. Woher kommt das nur? Und wofür ist es gut? Glauben die Wirte, der besungene Gast esse und trinke tatsächlich mehr, so wie die im Stall beschallte Kuh angeblich mehr Milch gibt?

Natürlich ist das kompletter Unfug. Wahrscheinlich hat die Musikepidemie in Kneipen, Restaurants und Cafés ganz andere Gründe. Vielleicht die folgenden.

Der Horror silentii und ein fundamentales Missverständnis

Erstens: Es handelt sich dabei um einen Horror silentii, um die panische Angst vor der Stille also. Dem Gast, gewohnt ans tägliche Lärmen, meint der Wirt, könne er es nicht zumuten, in ein Loch der Ruhe zu stürzen. Also geht er dagegen an, lässt es krachen, fährt die Regler hoch, haut einem musikalische Endlosschleifen in und um die Ohren. Und überbringt die unfrohe Botschaft: Stille ist nicht auszuhalten, ist unerträglich, womöglich sogar gefährlich: Man könnte zu sich kommen!

Zweitens und wichtiger: Der Beschallungsmanie liegt ein fundamentales Missverständnis über das Wesen der Musik zugrunde. Es lautet: Musik diene der Entspannung und Ablenkung, sei ein Mittel, Heiterkeit und Gemütlichkeit zu erzeugen. Was für eine ahnungslose Attacke auf die Musik. Was für eine Geringschätzung. Wenig nämlich fordert den Menschen in Wirklichkeit mehr als Musik. Seine Konzentration. Sein Hinhören. Seine Hingabe. Seine Lust. Sein Versenken. Seine Fröhlichkeit. Seine Aufmerksamkeit. Und all das hat seinen eigenen Ort – aber eben nicht den Platz zwischen Côte de Boeuf und Côte d’Or. Weil Musik nicht Beschallung ist, sondern Schall aus eigenem Ernst.

Und weil das, was Kellnerinnen und Kellner an die Tische bringen, eben auch seine eigene Würde besitzt, die Würde des Geschmacks und des Geruchs, die Würde der gastronomischen Anstrengung, die das Nebengeräusch entwertet und erniedrigt.

Darum bitte ich inständig und ohnmächtig: All ihr Dudelsäcke, ihr Restaurantbesitzer, Kneipen- und Gastwirte, Betreiber von Speisesälen und Speiselokalen und Cafés in Berlin, in Deutschland und überall auf der Welt, drückt auf den Knopf, auf dem die freundliche Aufforderung steht: Power off. Es danken meine Ohren. Es dankt die Musik. Es dankt die Zivilisation. Obladiblada!

Zur Startseite