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Umzug nach Schönefeld: In 80 Tagen geht es vom neuen Flughafen aus in die Welt

Am 3. Juni wird der neue Flughafen eröffnet. Die Bäume sind gepflanzt, die Mieter ziehen ein, sogar die Kisten sind schon gepackt. Die finale Umzugsphase hat begonnen.

Jules Verne hat den englischen Gentleman Phileas Fogg in 80 Tagen um die Welt reisen lassen. Für die Flughafengesellschaft heißt es heute: in 80 Tagen in die Welt. Am 3. Juni starten in Schönefeld die ersten Maschinen auf dem Flughafen Berlin Brandenburg Willy Brandt.

NOCH EINE VERZÖGERUNG? NIEMALS!

Im Sommer 2010 hatte die Flughafengesellschaft einen Tagesspiegel-Bericht, wonach der damals vorgesehene Eröffnungstermin 30. Oktober 2011 nicht mehr zu halten sei, wochenlang dementiert und dann doch den 3. Juni 2012 als neuen Termin genannt. Dieses Mal ist nicht damit zu rechnen, dass es erneut eine Verzögerung gibt. Sollte auf den letzten Metern noch etwas schiefgehen, sind alle Beteiligten entschlossen, alle Möglichkeiten zu nutzen, um wie vorgesehen starten zu können – koste es, was es wolle.

JETZT ZIEHEN DIE MIETER EIN

Die Arbeiten an den Gebäuden sind abgeschlossen; derzeit erfolgt der Innenausbau des Terminals, zu dem auch die Flächen für Läden und Gastronomie gehören. 150 Einheiten soll es geben. Die Gepäckanlage ist seit einem Jahr fertig und ausgiebig getestet worden. Auch für andere Abläufe gibt es seit Ende des vergangenen Jahres Probebetriebstage – jeweils dienstags und donnerstags. Große Pannen sind bisher ausgeblieben. Jetzt muss vor allem noch die Steuerungstechnik vernetzt werden. Weiter gebaut wird an den sogenannten Pavillons auf beiden Seiten der Haupthalle, die nachträglich geplant worden sind, um die neuen Sicherheitsvorschriften bei der Kontrolle der Passagiere erfüllen zu können.

DIE BETTEN BLEIBEN ERST MAL LEER

„Zum 3. Juni werden auch die Hangars für die Fluggesellschaften in Betrieb genommen werden können“, sagt Flughafensprecher Ralf Kunkel. Die Anlage für Air Berlin ist fast fertig, im Lufthansa-Hangar werden jetzt die Wände eingezogen. Die Rollwege für die Flugzeuge sind betoniert. Auch im Bürogebäude vor dem Terminal läuft der Innenausbau. Das benachbarte Steigenberger-Hotel wird dagegen voraussichtlich erst im August eröffnet.

Der Notfall wird geprobt - im Großen wie im Kleinen.

DIE KIEFERN SIND GEPFLANZT  

Auf dem Willy-Brandt-Platz vor dem Terminal laufen die Arbeiten seit Ende 2011; die Parkplätze für Mitarbeiter und Passagiere sind fertig. Im Parkhaus finden derzeit „Heißrauchgasversuche“ statt, bei denen man testet, wie der Rauch bei einem Feuer abziehen würde. Die Tests sind so realistisch, dass manche Beobachter vermutet haben, es brenne tatsächlich. Und die bereits im Herbst gepflanzten Kiefern, die sich durch den zum Teil heftigen Wind Richtung Osten gebeugt haben, werden auch noch gerade gebogen.

ALLES REIN IN DIE KARTONS 

Der Umzug hat schon begonnen. Die Feuerwehr sitzt bereits in ihren neuen Wachen, die Bundespolizei im neuen Sicherheitstrakt. Auch die zentralen Leitstellen sind schon besetzt. Und die Notfalleinsatzzentrale bestand ihre Feuertaufe bei der großen Katastrophenübung Anfang März. Vorzeitig werden auch die Fluglotsen umziehen. Sie übernehmen in der Nacht zum 25. März den Betrieb im neuen Tower und regeln von dort aus zunächst weiter den Betrieb des bisherigen Flughafens. Auch die Einrichtungen von Büros werden größtenteils bereits vor dem Eröffnungstermin zum neuen Arbeitsplatz gebracht. In der Nacht zum 3. Juni sind dann die Großgeräte und Fahrzeuge an der Reihe. 600 Fahrten sind von Tegel über die dann für fünf Stunden gesperrte Autobahn nach Schönefeld vorgesehen. Gleichzeitig müssen die Geräte vom alten Standort in Schönefeld zum neuen gebracht werden.

EINCHECKEN UND SHOPPEN 

Bevor die Passagiere ihr Flugzeug sehen, passieren sie eine Einkaufs- und Gastronomiewelt. Gleich hinter dem Kontrollbereich in der Haupthalle liegt der Marktplatz, der zum Einkaufen und Schlemmen lockt. Die Planer sind überzeugt, dass Passagiere, die das Einchecken und die Kontrolle hinter sich gebracht haben, leichter zum Geldausgeben verlockt werden können als diejenigen, die den kleinen Stress noch vor sich haben. Außerhalb des Sicherheitsbereichs gibt es deshalb nur wenige allgemein zugängliche Läden. 1500 Mitarbeiter sollen in den Verkaufseinrichtungen beschäftigt sein. Insgesamt könnte es durch den Flughafen bis zu 40 000 Arbeitsplätze geben.

DER UNTERSCHIED ZU TEGEL

Der junge Architekt Meinhard von Gerkan und sein Team hatten den 1974 eröffneten Flughafen als eine Anlage der kurzen Wege geplant. Es gab damals nur den Flugverkehr der alliierten Gesellschaften in West-Berlin. An einen Umsteigeverkehr war nicht zu denken. Nach der Wende war es für Air Berlin schwer, unter diesen Umständen auch nur ein kleines Drehkreuz aufzubauen. Betrieblich hat die Dezentralisierung bei der Abfertigung in Tegel den Nachteil, dass für jedes Gate Kontrollstellen erforderlich sind, was die Kosten in die Höhe treibt. In Schönefeld sind die Kontrollanlagen in der Haupthalle und später in den angrenzenden Pavillons konzentriert. Auch die beiden Seitenpiers – im Norden für die Billigfluglinien, im Süden vorwiegend für Air Berlin – sind nur über die Haupthalle zu erreichen. Anders als in Tegel konnte das gmp-Büro von Meinhard von Gerkan in Schönefeld von Anfang an den Umsteigeverkehr und die gestiegenen Sicherheitsanforderungen berücksichtigen.

Guten Flug - und wohin?

GUTEN FLUG – UND WOHIN?

Nach derzeitigem Stand werden 75 Fluggesellschaften vom neuen Flughafen aus zu 172 Zielen in 50 Ländern fliegen. Dadurch kommen 16 neue Ziele hinzu – unter anderem Los Angeles, Windhoek, Marseille, Bologna, Danzig oder Valencia, wobei die Flüge nach Los Angeles und Windhoek bereits im Mai aufgenommen werden – dann noch in Tegel. Air Berlin setzt auf einen zunehmenden Umsteigeverkehr. In Stoßzeiten sollen bis zu 27 Flugzeuge fast unmittelbar hintereinander landen und wieder starten. Hinzukommen Anschlüsse weltweit zu Flügen der Partnerfluggesellschaften, die sich in der Oneworld-Allianz zusammengeschlossen haben. Die Lufthansa, die sich bei ihrem Berlin-Engagement lange zurückgehalten hat, nimmt den Konkurrenten sehr ernst und kontert mit einer in ihrer Geschichte bisher einmaligen Ausweitung ihres Angebots. 32 neue Ziele wird sie ansteuern und ihre Berlin-Flotte von 9 auf 15 Flugzeuge vergrößern, die nicht älter als zwei Jahre sein sollen. Einen Teil der Flüge übernimmt sie von ihrer Billigflugtochter Germanwings. Tickets sind ab 49 Euro zu haben. Zunächst setzt die Lufthansa auf den Europaverkehr. Wenn der Markt das Angebot annimmt, könnten aber auch bald Langstrecken folgen, die Air Berlin bereits heute anbietet. Da auch die Lufthansa Flüge mit Partnern der Star Alliance anbieten kann, erwartet Flughafenchef Rainer Schwarz einen harten Wettbewerb, von dem Fluggäste profitieren könnten.

MIT S-BAHN IN DEN AIRPORTKELLER

Theoretisch ist der neue Flughafen perfekt mit Berlin und dem Umland verbunden. Eine direkte Autobahnausfahrt führt auf kurzem Weg zum Terminal. Allerdings ist die A 113 am Teltowkanal entlang stark staugefährdet, der Britzer Tunnel bei Stau oft geschlossen. Und die Bundesstraße B 96 durch Lichtenrade wird zur Flughafeneröffnung auch noch nicht vierspurig ausgebaut sein; die Arbeiten laufen noch.

Ideal ist die Lage des Flughafen-Bahnhofs direkt unter dem Terminal mit fast so kurzen Wegen wie in Tegel vom Auto zum Schalter. Vier Gleise gibt es für den Fern- und Regionalverkehr; zwei weitere für die S-Bahn. Regionalbahnen sollen alle 15 Minuten eintreffen und abfahren. Weil sie aber zum Teil auch auf eingleisigen Strecken unterwegs sein müssen, besteht hier erhebliche Verspätungsgefahr. Und die vorgesehenen neuen Züge werden wohl auch nicht alle einsetzbar sein, weil der Hersteller Bombardier Probleme mit der Zulassung hatte. Die Auslieferung soll erst im Dezember abgeschlossen sein. Deshalb müssen vorübergehend bis zu 40 Jahre alte Wagen, die nochmals eine aufwendige Wartung durchlaufen haben, eingesetzt werden. Im Fernverkehr gibt es nur einzelne Fahrten – unter anderem von und nach Hamburg, Hannover, Köln, Münster, Amsterdam und Krakau. Die S-Bahn soll mit den Linien S 45 ab Südkreuz und S 9 ab Pankow jeweils alle zehn Minuten zum Flughafen fahren. Derzeit schränkt die S-Bahn aber häufig den Verkehr auf der S 45 ein, weil ihr Fahrer fehlen.

POLITIKER IM ALTEN TERMINAL

In Tegel wird mit dem Umzug der Flughafengesellschaft auch der Regierungsflughafen aufgegeben. In Schönefeld werden die Staatsgäste zunächst im alten Terminal A begrüßt und verabschiedet, das dafür für rund 3,6 Millionen Euro umgebaut wird. Auch Mietzahlungen wird der Bund dann leisten müssen. Ein neuer Regierungsterminal ist zwar geplant, die Arbeiten haben aber noch nicht begonnen. Ob der bisher geplante Eröffnungstermin Ende 2014 gehalten werden kann, ist offen. Der Bau des Regierungsbereichs auf dem neuen Flughafen ist mit Kosten in Höhe von 310 Millionen Euro veranschlagt. Der Flughafen Berlin Brandenburg Willy Brandt soll etwa 2,5 Milliarden Euro kosten.

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