Initiative der Stadtmission : Wie Wohnungslose Hilfe bei Job-Bewerbungen bekommen

In einem bundesweit einzigartigen Projekt werden Obdachlose bei der Arbeitssuche unterstützt - Haareschneiden und Foto inklusive.

Obdachlose werden fit gemacht für eine Bewerbung.
Obdachlose werden fit gemacht für eine Bewerbung.Foto: Sven Darmer/DAVIDS

Viorel Gheorgiu* hat mal mit Metall gearbeitet, in Rumänien, seiner Heimat, 18 Jahre ist das her. Irgendetwas mit Metall, genauer kann er es nicht sagen, das lässt sein gebrochenes Deutsch nicht zu. Die vagen Angaben helfen Miriam Hartig allerdings nicht groß weiter. Aber dann erzählt Gheorgiu auch noch, dass er drei Jahre am Steuer eines Gabelstaplers gesessen hat, von 2006 bis 2009, in irgendeinem Unternehmen in Deutschland. Das hört sich schon besser an. „Wunderbar“, sagt die Sozialarbeiterin Hartig, „dann haben Sie ja einen Gabelstapler-Führerschein. Damit können wir Sie doch schon mal auf einen Job bewerben.“

Sie tippt auf die Tasten ihres Computers, Keksschachteln und eine Kaffeetasse stehen auf dem Tisch. Erstmal die persönlichen Daten von Gheorgiu aufnehmen, Lebenslauf, berufliche Stationen. Also: Bauhelfer, Job als Gabelstaplerfahrer, derzeit arbeitslos. Fünf Meter von Miriam Hartig entfernt schneidet eine Frau  vor einem runden Spiegel Männern und Frauen die Haare. Direkt neben dem Frisörsuhl liegt der Eingang zu einem Fotostudio.

An einem Kleiderständer hängen dort Männerhemden und Krawatten in allen Farben, auf dem Boden liegt ein Wäschekorb mit Blusen. Hier entstehen Bewerbungsfotos, jeder kleidet sich so, wie er sich am Schönsten findet. Und direkt hinter Miriam Hartig steht ein großer Aufsteller des Job-Point Neukölln, einer Arbeitsplatzvermittlung. Eine Mitarbeiterin des Job-Points sitzt an einem Schreibtisch. Eine ziemlich ungewöhnliche Kulisse in einer Notunterkunft für Obdachlose.

Die Bewerbungshilfe für Obdachlose ist ein bundesweit einmaliges Projekt

Aber in der Traglufthalle an der Frankfurter Allee, betrieben von der Stadtmission, findet am späten Mittwochabend ja auch ein bundesweit einmaliges Projekt statt. Obdachlose erhalten komplette, professionell ausgefüllte Bewerbungsunterlagen oder, noch besser, die Adressen von Unternehmen, die für die Bewerber angemessene Jobs anbieten. Die Unterlagen können die Obdachlosen behalten. Sie erhalten die Dokumente auf ihre Mailadressen und zugleich ausgedruckt. Wenn gewünscht, werden die Bewerbungen auch auf die Homepage der Stadtmission hochgeladen. Zudem lernen die Wohnungslosen, wie man sich professionell bewirbt. Zehn Ehrenamtler helfen bei diesem Projekt, Menschen wie Miriam Hartig.

Für die Bewerbungsfotos ist auch eine Frisörin vor Ort.
Für die Bewerbungsfotos ist auch eine Frisörin vor Ort.Foto: Sven Darmer/DAVIDS

Eine Sozialarbeiterin der Stadtmission hatte die Idee zu diesem Projekt, vor einiger Zeit schon, aber im Alltagsstress blieb das Ganze erstmal nur ein Gedanke. Nun setzt die Stadtmission  diese Idee auch in die Realität um. Um 20 Uhr öffnet die Notunterkunft mit ihren 120 Plätzen, die Wohnungslosen haben gegessen, jetzt kommen einige von ihnen zu den Tischen, an denen die Bewerbungen formuliert werden.

Viorel Gheorgiu ist 38, hat pechschwarze Haare, ein freundliches Gesicht und lacht viel. Eigentlich will er als Job ja vor allem Haare schneiden. „Meine Leidenschaft“, sagt er. Er hat keine Ausbildung zum Frisör, aber so etwas kann man ja lernen. „Ich möchte gerne in der Bahnhofsmission den Leuten Haare schneiden“, sagt er Miriam Hartig. Die Bahnhofsmission wird auch von der Stadtmission betrieben. „Ja, aber dort können sie nur ehrenamtlich, als eine Art Praktikant arbeiten“, antwortet die Sozialarbeiterin. Egal, also tippt sie  auch noch einen Brief an den Leiter der Bahnhofsmission mit Gheorgius Wünschen. „Die Mitarbeiter in der Bahnhofsmission dort kennen Frisöre, vielleicht bietet von denen jemand einen Ausbildungsplatz an“, sagt sie.


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Die Wohnungslosen, die sich hier melden, wollen arbeiten. Sie wollen eine Struktur in ihrem Alltag, sie wollen  Geld verdienen, sie träumen von einer eigenen Wohnung. „Sobald sie sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, haben sie Anspruch auf Sozialleistungen“, sagt Miriam Hartig. „Das ist schon mal ein Anfang.“ So lange sie ohne ersten Wohnsitz sind, geben Obdachlose Tagesstätten für Wohnungslose als Postadresse an. Eine postalische Anschrift brauchen sie, sonst klappt es mit der Bewerbung nicht.

Bauhelfer, Kellner, Reinigungskraft - es geht um einfache Jobs

Es geht um einfache Jobs, viele wollen Bauhelfer, Kellner, Sozialbetreuer oder Reinigungskraft werden. Und einige sind in diesen Jobs, theoretisch, massiv überqualifiziert. In der Traglufthalle gibt es Informatiker, Architekten, Kulturwissenschaftler, sogar einen Modedesigner. Sie allen landeten aus verschiedenen Gründen im sozialen Abseits.

Am Schreibtisch des Job-Points Neukölln, einer Arbeitsvermittlung, sitzt Denise Wegner. Sie hat an ihrem Computer den Überblick über niederschwellige Jobangebote. Die Unternehmen, die beim Job-Point Stellen anbieten, wissen ganz genau, dass auch Wohnungslose ihre Bewerbung einreichen. Das erleichtert die Arbeit ungemein. „Wir haben ein breites Spektrum an Berufsangeboten“, sagt Denise Wegner. „Küchenhelfer, Gabelstapler-Fahrer, Mitarbeit im Callcenter, viel im Dienstleistungsbereich.“ Es gibt Firmen, die suchen spezielle Reinigungskräfte, die kein Deutsch sprechen. 

Unternehmen, die am Job-Point Neukölln Stellen anbieten, wissen, dass diese auch Obdachlose erreichen.
Unternehmen, die am Job-Point Neukölln Stellen anbieten, wissen, dass diese auch Obdachlose erreichen.Foto: Sven Darmer/DAVIDS

Ideal also für Magdalena Littowski, die Denise Wagner erwartungsvoll anblickt. Die 42-Jährige aus Lettland sucht einen Job als Reinigungskraft, spricht kein Deutsch und schildert ihre Wünsche einem Dolmetscher, der neben ihr sitzt. Denise Wegner studiert die Angebote in ihrem Computer. Dann blickt sie bedauernd auf. „Im Moment ist leider kein Angebot da für Reinigungskräfte, die kein Deutsch sprechen.“ Der Dolmetscher übersetzt.

Die Kommunikation ist nicht immer einfach

Nicht immer läuft die Kommunikation so einfach. Am Tisch von Miriam Hartig hat auch eine andere ehrenamtliche Helferin ihren Computer aufgeklappt. Ein junge Polin beobachtet ihre Bewegungen und redet auf sie ein. Auf Polnisch, sie kann kein Deutsch. Die Helferin kann allerdings kein Polnisch, ein passender Dolmetscher ist auch nicht in der Halle, also greift die Ehrenamtlerin zu ihrem Handy und arbeitet mit dem Google-Übersetzungsprogramm. Etwas mühsam, aber am Ende ist alles klar. Die junge Polin will als Reinigungskraft arbeiten, das hatte sie früher schon gemacht. Es entsteht am Computer die passende Bewerbung.

Die Stadtmission wird jetzt den Verlauf des Abends auswerten. Davon hängt ab, ob es erneut einen solchen Termin geben wird. Aber die Resonanz am Mittwochabend ist bemerkenswert gut.

Viorel Gheorgiu ist jetzt fertig, er hat ziemlich lange bei Miriam Hartig gesessen, aber dafür besitzt er nun drei professionelle Bewerbungsschreiben, als Frisör, als Gabelstapler-Fahrer und als Bauhelfer. Und die passenden Fotos hat er auch. Er hat sich vor den Aufnahmen die Haare schneiden lassen.

 

*Name geändert

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