Initiative in Berlin : Eltern werben für Schöneberger Grundschule

Der Neumark-Grundschule in Berlin-Schöneberg eilte ein schlechter Ruf voraus - keiner will seine Kinder dort hinschicken. Das wollen Eltern nun ändern.

Längst nicht alle Berliner Kinder gehen da zur Schule, wo sie wohnen.
Längst nicht alle Berliner Kinder gehen da zur Schule, wo sie wohnen.Foto: picture alliance / Thomas Warnac

„Da kann man seine Kinder auf keinen Fall hinschicken“ – diesen Satz, bezogen auf die Neumark-Grundschule in Schöneberg, hat Teresa Faraj oft gehört, wenn sie sich mit Eltern auf dem Spielplatz oder in der Kita unterhielt. Ein schlechter Ruf eilte der Schule in der Steinmetzstraße voraus. Viele Eltern versuchten, so erzählt es Teresa Faraj, ihre Kinder an anderen Schulen anzumelden. Den Daten aus dem Schulporträt und dem Schulinspektionsbericht kann man entnehmen, dass rund 97 Prozent der Kinder an der Neumark-Schule eine andere Muttersprache als Deutsch haben, rund 88 Prozent der Eltern sind von der Zuzahlung zu Lernmitteln befreit.

Auch für Teresa Faraj und ihre Familie rückt die Einschulungsfrage näher – sie hat drei Kinder, ihre älteste Tochter ist viereinhalb, im Herbst kommenden Jahres muss sie sie an einer Grundschule anmelden. Weil Faraj sich nicht mit Gerüchten zufriedengeben wollte und es schön fände, wenn ihre Kinder einfach auf die Schule in der Nachbarschaft gehen könnten, schaute sie sich die Neumark-Schule mal genauer an. „Und da habe ich eine tolle Schule entdeckt. Sie hat ein eigenes Orchester, es wird getöpfert, auf dem Schulhof gegärtnert. Ich habe viele engagierte Lehrkräfte und Erzieher kennengelernt.“ Auch die Ausstattung der Schule mit Smartboards und das Förderkonzept für leistungsstarke und leistungsschwache Schüler gefiel ihr gut.

Eine WhatsApp-Gruppe zum Kennenlernen

Je mehr sie erfuhr, desto besser konnte sie sich vorstellen, dass diese Schule die richtige für ihre Kinder sein könnte. Und warum nicht auch für andere Familien? Sie nahm Kontakt mit der Schulleitung auf, hospitierte im Unterricht, lernte Mütter kennen, deren Kinder bereits auf der Neumark-Schule sind. Der gute Eindruck verstärkte sich. Also verfasste Faraj ein Schreiben, das sie im Februar in den umliegenden Kitas aushängte. „Ich frage mich, warum wir nicht alle gemeinsam unsere Kinder in diese Schule geben und – auch mit Elternengagement – eine der tollsten Grundschulen Schönebergs daraus machen“, schrieb sie.

Sie schlug vor, WhatsApp-Gruppen zu gründen, in denen sich interessierte Eltern kennenlernen und austauschen können. Mit Erfolg. Mit rund 30 Eltern steht sie mittlerweile in Kontakt, für die nächste Anmelderunde im Herbst gibt es elf Interessierte, für das Jahr darauf sind es noch mehr. Der Plan ist, dass die Kinder gruppenweise gemeinsam in eine Klasse kommen sollen. Die meisten Eltern, die sich gemeldet haben, hätten selbst einen Migrationshintergrund – türkische Eltern seien dabei, erzählt Faraj, kroatische und brasilianische, um nur ein paar Beispiele zu nennen, ihr Mann selbst komme aus Kenia.

„Wir sind über die Initiative sehr erfreut“, sagt Schulleiter Hans-Peter Föll. Eltern könnten jederzeit im Unterricht hospitieren, bietet er an. „Wir wünschen uns, dass unsere Schule ein Abbild des Kiezes ist, dass also die Kinder, die hier wohnen, auch zu uns kommen.“

Ähnliche Initiativen gibt es auch in anderen Bezirken

Auch im Schulinspektionsbericht ist die positive Entwicklung der Neumark-Schule vermerkt. Der Unterricht sei „von einer vertrauensvollen und den Kindern zugewandten Atmosphäre geprägt“. Hervorgehoben werden unter anderem das Soziale Lernen und die Bläserklasse. Dem Bericht zufolge hat Schulleiter Föll, der seit Anfang 2017 im Amt ist und die Schule seit 2015 kommissarisch geleitet hat, großen Anteil an der Verbesserung des Schulklimas: „Bei seinem Amtsantritt fand der Schulleiter einen Ort vor, an dem das Kollegium auch durch das Leitungshandeln der ehemaligen Schulleiterin gespalten und emotional belastet war. Mit viel Empathie hat er es geschafft, das gestörte Vertrauensverhältnis in großen Teilen wiederherzustellen.“

Initiativen wie die von Teresa Faraj gibt es auch an anderen Schulen in sozialen Brennpunkten. In Kreuzberg haben vor einigen Jahren Eltern ihre Kinder gruppenweise an der Lenau-Schule angemeldet, in Neukölln engagiert sich die Elterninitiative „Kiezschule für alle“ für die Karlsgarten- und die Karl-Weise-Schule, in Gesundbrunnen hat es die Gustav-Falke-Schule mit Modellklassen für Kinder mit guten Deutschkenntnissen geschafft, auch bildungsbürgerliche Eltern anzusprechen.

Am 1. Juni lädt die Neumark-Schule zum Tag der offenen Tür. Kontakt zu Teresa Faraj über die Schulhomepage: www.neumark-grundschule.cidsnet.de

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