• Inklusionspreis 2019: Der Gewinner in der Kategorie "Großunternehmen": Für jeden gibt es einen Weg

Inklusionspreis 2019: Der Gewinner in der Kategorie "Großunternehmen" : Für jeden gibt es einen Weg

Bei Vivantes sind 1400 Menschen mit Schwerbehinderung beschäftigt. Auch die Patienten profitieren vom barrierefreien Umfeld. Jetzt wurde das Unternehmen mit dem Berliner Inklusionspreis ausgezeichnet.

Andreas Monning
Foto: Vivantes/Monique Wüstenhagen
Richtungsweisend. Alle Vivantes-Kliniken, hier ein Blick auf das Gelände in Neukölln, sind barrierefrei gestaltet.

Daulat Taleb ist von Geburt an unheilbar erkrankt. Ihre Muskulatur baut sich ab, die Erkrankung gilt als unheilbar. Trotz zunehmender Einschränkungen ermöglicht Vivantes ihr die Arbeit als Ärztin, am Klinikum Neukölln kann sie ihre fünfjährige Facharztweiterbildung zur Radiologin machen. Damit sie den Arbeitsalltag bewältigt, bekommt Daulat Taleb Unterstützung. „Zum Beispiel die Möglichkeit, einen Elektrorollstuhl zu nutzen, mit dem ich mich zwischen den verschiedenen Einsatzorten bewegen kann“, erklärt die 29-Jährige, die durch die Erkrankung gehbehindert ist. Ihr Arbeitgeber würde sie nicht nur mit Hilfsmitteln unterstützen, sondern auch organisatorisch - unter anderem mit einem Schwerbehindertenparkplatz, der groß genug ist, damit sie sich samt Rollstuhl aus ihrem behindertengerecht umgebauten Kleinbus heben lassen kann. „Da sich das Klinikum Neukölln im Baubetrieb befindet und zum Teil selbst Chefärzte ohne Parkplatz auskommen müssen, war der nicht leicht zu bekommen“, sagt die Ärztin.

"Wir leben Inklusion"

„Wir leben Inklusion“, bringt es die Personalchefin Corinna Jendges auf den Punkt. Alle Vivantes-Kliniken seien auf vielfältige Weise barrierefrei gestaltet, beispielsweise mit selbst öffnenden Türen, großzügigen Aufzügen und Rampen. „Davon profitieren nicht nur schwerbehinderte Menschen, sondern auch alle anderen Mitarbeiter, Patienten und Besucher“. Und auch jenseits des Themas Behinderung stehe Vivantes für Inklusion und Vielfalt: Unabhängig von Geschlecht, Alter, Nationalität, Religion oder sexueller Identität solle den Beschäftigten ein möglichst wertschätzendes und diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld geboten werden.

Als besondere Verpflichtung sehe es Vivantes aber, so Jendges, schwerbehinderten Menschen gute Chancen im Arbeits- und Berufsleben zu bieten und sie in Ausbildung und Beschäftigung zu fördern. Sie kennt zahlreiche Beispiele gelungener Inklusion. Etwa das des jungen Krankenpflegers, der kurz nach erfolgreich abgeschlossener Ausbildung und Übernahme in unbefristete Anstellung einen schweren Motorradunfall hatte: Eine Lähmung von den Schultergelenken abwärts beendete seine Karriere als Krankenpfleger. „Das Team der Schwerbehindertenvertretung hat ihm geholfen, von der Rentenversicherung eine Umschulung zum Kaufmann im Gesundheitswesen zu bekommen“, führt Christa Zwilling aus. Zwilling gehört zum fünfköpfigen Team der Schwerbehindertenvertretung von Vivantes, das automatisch hinzugezogen wird, wenn in einer Bewerbung der Hinweis auf eine Schwerbehinderung auftaucht. Sie hat dem verunglückten Krankenpfleger auch das nötige Praktikum in der Rettungsstelle des Klinikums Neukölln organisiert. „Und nach erfolgreichem Abschluss eine Halbtags-Beschäftigung im Medizincontroling“, ergänzt sie. In Zusammenarbeit mit dem Betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) habe man außerdem für einen, seinen Bedürfnissen entsprechend ausgestatteten Arbeitsplatz gesorgt und ihm einen behindertengerechten Parkplatz organisiert. Mittlerweile gehe es dem jungen Mann wieder so gut, dass er eine Aufstockung seiner halben Stelle beantragt habe.

Schreibtische sind flexibel, Arbeitszeitmodelle auch

Dass der ehemalige Krankenpfleger und Daulat Taleb ihren Parkplatz bekommen haben, dafür hat Christa Zwilling gesorgt. „Wir tun alles, damit Mitarbeiter trotz Einschränkungen arbeitsfähig bleiben“, sagt die engagierte Mitarbeiterin. Und das gelte bei Vivantes nicht nur für Beschäftigte mit Schwerbehinderung. Wer beispielsweise im Büro arbeite und Schwierigkeiten mit dem Rücken habe, könne zusätzlich zu seinem ergonomischen Bürostuhl einen höhenverstellbaren Schreibtisch bekommen. Möglich sind außerdem flexible Arbeitszeitmodelle. „Wenn eine Kollegin morgens ihre Übungen machen muss, um mit Rheuma oder Artrose überhaupt in die Gänge zu kommen, dann vereinbaren wir einen späteren Frühdienst“, erklärt Zwilling. Für Diabetiker würden zusätzliche Pausen organisiert, sogenannte Bananenpausen. Grundsätzlich können bei Vivantes alle Mitarbeiter Hilfsmittel bestellen, die auf die persönliche Arbeitssituation abgestimmt sind - elektronisch und ohne übermäßigen bürokratischen Aufwand. Ergonomische Tastaturen oder PC-Mäuse etwa für Arbeitsplätze am Computer, Fußstützen, Hebeeinrichtungen und Rollbretter im OP-Bereich.

Christa Zwilling bei der Verleihung des Inklusionspreises.
Christa Zwilling bei der Verleihung des Inklusionspreises.Foto: Sandra Ritschel

Mit neun Krankenhäusern, 17 Pflegeheimen, zwei Seniorenwohnhäusern und zahlreichen weiteren Einrichtungen und Tochtergesellschaften, zu denen auch medizinische Versorgungszentren (MVZ) und ein Hospiz gehören, ist Vivantes der größte kommunale Krankenhauskonzern in Deutschland. Von den knapp 16 500 Mitarbeitern haben rund 1400 einen Schwerbehindertenstatus. „Die Belegschaft wird älter“, sagt Christa Zwilling. Außerdem hinterlasse die zum Teil schwere körperliche Arbeit - etwa in der Pflege - bei manchen Mitarbeitern Spuren.

Damit es möglichst gar nicht erst zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen kommt, wird bei Vivantes verstärkt auf Prävention gesetzt: Als Teil eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) sorgt beispielsweise eine Betriebssport-Gemeinschaft dafür, Mitarbeitern kostenlos oder zu günstigen Konditionen Gesundheitskurse anzubieten. Workshops für Rückenschonendes Heben oder gesunde Ernährung werden durch Bewegungs- und Entspannungsangebote wie Yoga, Qigong oder Tai Chi ergänzt. Aktuell prüft Vivantes, ob die bereits 2003 getroffene Integrationsvereinbarung in eine Inklusionsvereinbarung überführt werden kann. „Damit sollen Mitarbeiter mit Personalverantwortung noch stärker für die Belange der schwerbehinderten Kollegen sensibilisiert werden“, erläutert Corinna Jendges.

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