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Interimsdirektorin des Abraham-Geiger-Kollegs ist die frühere Berliner Finanzstaatssekretärin Gabriele Thöne.
© Ottmar Winter/PNN

Machtkampf am Potsdamer Rabbiner-Kolleg: Interimsdirektorin Gabriele Thöne will Missbrauchsvorwürfe aufarbeiten

Das Abraham-Geiger-Kolleg soll neu strukturiert werden. Im Hintergrund tobt ein Machtkampf um die Ausbildungsstätte und die Deutungshoheit über die Vorgänge.

Nach den Vorwürfen gegen den Gründer und Rektor des Potsdamer Abraham-Geiger-Kollegs, Rabbiner Walter Homolka, hat die Interimsleitung der Ausbildungsstätte eine konsequente Aufarbeitung der Vorwürfe angekündigt. Zudem soll die einzige Ausbildungsstätte für liberale Rabbiner in Deutschland neu strukturiert werden.

Die Interimsdirektorin des Abraham-Geiger-Kollegs, die frühere Berliner Finanzstaatssekretärin Gabriele Thöne, berichtete am Mittwoch in einer Pressekonferenz von bislang zwei bekannten Vorwürfen zu sexuellen Übergriffen gegen Homolka und dessen Gatten. Zudem seien ihr vier Vorgänge von möglichem Machtmissbrauch aufgefallen, denen sie nachgehen wolle. „Ich habe die volle Handlungsvollmacht“, sagte Thöne. „Ich werde und muss mit allen sprechen.“

Doch auch die bisherige Kanzlerin des Kollegs, Margarete Brenker, ist weiter im Amt: Sie sei mit „der administrativen Organisation der Gegenwart“ beschäftigt.

Der derzeitige Leiter der Rabbinerausbildung, Rabbiner Edward van Voolen, zeigte sich über die Vorwürfe gegen Homolka und dessen Lebenspartner entsetzt. „Das entspricht in keiner Weise den ethischen Grundlagen, die für eine jüdische Ausbildungsstätte und die Ausbildung von Rabbinern und Kantoren unabdingbar sind.“ Derzeit würden am Abraham-Geiger-Kolleg 16 angehende Rabbiner und sieben angehende Kantoren ausgebildet. „Die erfolgreiche Arbeit fortzusetzen ist im Interesse aller Studierenden und des liberalen Judentums weltweit“, sagte van Voolen.

Offene Briefe von Studierenden und Absolventen

Im Hintergrund tobt indes weiter ein Machtkampf um das Kolleg und die Deutungshoheit der Vorgänge. Nachdem am Wochenende der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, massive Kritik daran übte, dass Homolka seine Ämter lediglich ruhen ließe und die handelnden Personen dieselben wie zuvor seien, meldeten sich am Mittwoch diverse mit dem Kolleg befasste Gruppen mit offenen Briefen und Presseerklärungen zu Wort.

So forderten Studierende in einem offenen Brief den Austausch der „kompletten Führungsriege des Instituts“. Allerdings ist unklar, wer den Brief tatsächlich unterschrieben hat: So meldeten sich beim Geiger-Kolleg einige Unterzeichner des Briefs, die angeblich nichts davon wussten, dass ihr Name unter dem Schreiben stand.

Einen offenen Brief veröffentlichten auch 23 der bislang 41 Absolventen des Geiger-Kollegs. Sie brachten darin ihre Unterstützung zum Ausdruck. „Das Abraham Geiger Kolleg hat sich bewusst der historischen Verantwortung gestellt, dem Erbe des Liberalen Judentums in Deutschland einen Platz in der Gegenwart und Zukunft der jüdischen Gemeinden in Europa zu sichern“, heißt es darin.

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Die „Union Progressiver Juden“ (UPJ), deren Vorsitzender Homolka war, wies in einer Presseerklärung die „Vorverurteilungen und bizarren Anwürfe“ gegen Homolka zurück. Dem Welt-Journalisten Alan Posener, dessen Berichterstattung die Debatte um Homolka im Mai ins Rollen gebracht hatte, warf die UPJ die Nutzung antisemitischer Klischees vor.

Auch Homolka selbst meldete sich erstmals seit langem wieder zu Wort: Gegenüber der Wochenzeitung „Die Zeit“ erklärte er, wer Verantwortung ausübe und Macht gebrauche, missbrauche sie nicht auch schon. Am Kolleg habe es keinen einsamen Entscheider gegeben. Beweise für den Vorwurf der Schikane und der Einschüchterung stünden aus seiner Sicht weiter aus.

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