• Interview mit Berlinale Gesicht Stefanie Giesinger : „Öffentlichkeit und Likes machen süchtig“

Interview mit Berlinale Gesicht Stefanie Giesinger : „Öffentlichkeit und Likes machen süchtig“

Model Stefanie Giesinger ist überall in der Stadt plakatiert. Im Interview spricht sie darüber, warum sie Fotos ihrer Narbe auf Instagram stellt.

Kamerafertig. Mit 17 gewann sie den Titel „Germany’s Next Topmodel“, nun wirbt die 23-Jährige für „L’Oréal“ – auch auf der Berlinale.
Kamerafertig. Mit 17 gewann sie den Titel „Germany’s Next Topmodel“, nun wirbt die 23-Jährige für „L’Oréal“ – auch auf der...Foto: dpa/Jens Kalaene

Stefanie Giesinger ist auf der Berlinale überall zu sehen. Das Model wirkt auf den Plakaten rund um den Potsdamer Platz genauso präsent wie in den sozialen Netzwerken, wo sie mit Fotos von sich selbst fast vier Millionen Follower erreicht. Als Abiturientin zu „Germany's Next Topmodel“ gekürt, wirbt die 23-Jährige aus Kaiserslautern, die inzwischen in London wohnt, für „L’Oréal“, einen der Hauptsponsoren der Berlinale. Für ein Interview im exklusiven Hotel de Rome am Bebelplatz hat sie nur zwölf Minuten Zeit, umschwirrt von einem halben Dutzend junger Assistentinnen.

Frau Giesinger, was ist Schönheit?
Schönheit ist für mich, was man ausstrahlt. Natürlich kann man das unterstreichen mit Make-up. Aber man muss anfangen mit der Frage: Wie sieht’s in mir selbst aus? Wie strahle ich meine Persönlichkeit aus?

Wie denn?
Das macht man, indem man weiß wer man ist und sich selbst schön findet. Dann finden auch andere einen schön.

Nun klappt das ja nicht immer.
Bei mir auch nicht.

Was machen Sie dann?
Tja, was mache ich dann? Tatsächlich habe ich angefangen zu meditieren, mache Yoga. Und ich mag es, mir morgens Zeit zu nehmen, mich 30 Minuten vor den Spiegel zu setzen. Dazu lasse ich Musik laufen, singe mit. Eine kreative Auszeit, die ich mir gönne.

Sie haben öffentlich gepostet, dass es Ihnen eine Weile nicht gut ging. Warum?
Von Außen sieht’s immer aus, als wäre man in der geilsten Welt ever – ist ja auch so. Aber jeder Job hat Schattenseiten. Meine Schattenseite war, dass ich mit 17 in die Öffentlichkeit gekommen bin. Jetzt bin ich 23. Wenn man vor den Kameras erwachsen wird, hat man keine Zeit sich selbst kennenzulernen. Ich habe vergangenes Jahr gemerkt, dass ich mit mir nichts mehr anfangen konnte. Ich war nur noch die arbeitende Steffi, die immer funktionieren musste. So ging es nicht weiter. Deshalb habe ich mir 2020 vorgenommen, mehr auf mich selbst zu achten.

Und klappt das?
Das weiß ich nicht genau, in den letzten zwei Monaten ist nicht so viel passiert. Ich versuche, weniger zu arbeiten und mich umzuschauen: Was gefällt mir eigentlich? Was sind meine Ziele? Wieso habe ich diese Stimme, die so viele Menschen hören, warum habe ich so viele Follower? Was ist meine Message? Es wird sicher ein bisschen dauern, bis ich das rausbekommen habe. Aber erst einmal das Leben zu genießen ohne nur vor der Kamera zu stehen, das möchte ich.

Was könnte überhaupt Ihre Message sein?
Ich habe so einige Messages, aber es ist nicht so leicht. Man muss sich das so vorstellen: Social Media ist ein ziemlich oberflächliches Tool – sobald man etwas postet, gibt es gleich eine Konversation: Oh Gott, wieso hat sie das jetzt gemacht? Ich hab vor zwei Jahren meine Narbe gepostet, weil ich eine Operation hatte. Es gibt stets Leute, die das unterstützen und toll finden. Aber es gibt auch Menschen, die sagen: Wie kann sie bloß? Das ist ja eklig! Will sie jetzt Aufmerksamkeit? Man bekommt immer einen Backlash, egal was man macht. Meine Message ist deshalb: Steh zu Dir selbst, genieß das Leben in vollen Zügen. Aber wie ich diese Message verkörpern kann, weiß ich noch nicht. Ich mach mir immer so’n Stress und immer so’n Druck – aber wenn ich mich erinnere, dass ich erst 23 bin, merke ich: Ich hab Zeit.

Wie kommt man auf die Idee, eine Narbe an seinem Bauch öffentlich zu posten?
Ich habe das getan, weil ich ein Model bin. Und weil man bei Models normalerweise keine Narben sieht. Ganz viele Menschen finden sich plötzlich unschön, wenn sie einen Makel haben. Damals, als ich mit zwölf, 13 Jahren operiert wurde, war es für mich das Allerschlimmste, so zum Schwimmunterricht zu gehen. Alle haben es gesehen und mich ausgelacht. Ich wollte mit dem Bild Mut machen und zeigen: Ja, ich verdiene Geld mit meinem Aussehen und habe trotzdem eine große Narbe. Wenn ich mich also wohlfühle in meinem Körper – wieso dann nicht Du?

Was macht die Öffentlichkeit mit einem?
Vieles. Sie macht einen so’n bisschen… ach, weiß nicht. Alle schauen Dich an, bewerten Dich 24 Stunden lang. Du bekommst immer sofort Kommentare zu Deinen Bildern. Natürlich sollte man sich davon distanzieren und wissen, dass im Internet was Anonymes passiert. Aber ich bin ein Mensch, das verletzt auch mich. Natürlich versuche ich, immer das Richtige zu machen, Vorbild zu sein, weil ich ja offenbar ein Vorbild für viele bin. Man weiß auch, dass sofort alles im Netz landet, wenn man einmal was falsch macht. Von 17 bis 23 macht man meistens Unsinn, so lernt man sich selbst kennen. Das habe ich nicht gemacht. Und noch was: Öffentlichkeit macht süchtig. Likes machen süchtig, Instagram macht süchtig, erfolgreich sein macht süchtig. Da muss man auf sich aufpassen. Das ist wie eine Droge.

Welchen Unsinn wollen Sie machen?
(lacht) Das weiß ich nicht. Mir kommt da gar nichts in den Kopf.

Würden Sie sich gerne mal verstecken?
Ab und zu ja. An Tagen, an denen ich frei habe und mit meinem Freund ins Restaurant gehen möchte und ich wieder nach einem Selfie gefragt werde, während ich mir die Gabel in den Mund stecke – dann denke ich mir schon: Es wäre schöner, wenn mich keiner kennen würde. Manchmal fühlt man sich nicht besonders gut, man geht raus. Aber dort wirst Du die ganze Zeit angestarrt oder es werden heimlich Fotos von Dir gemacht. Das ist schon unangenehm.

[In unseren Leute-Newslettern berichten wir wöchentlich aus den zwölf Berliner Bezirken. Die Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen:leute.tagesspiegel.de]

Welche Verstecke gibt es für Sie?
London zum Beispiel. Ich verbringe heute viel mehr Zeit in England, da kennen mich nicht so viele. Natürlich bin ich dankbar, dass mich viele Menschen toll finden. Aber manchmal ist es zu viel.

Ihre letzten fünf Jahre sind offenbar in der Arbeit für die Öffentlichkeit untergegangen. Was sollte Ihnen in den nächsten fünf Jahren unbedingt passieren?
Was nicht mit der Arbeit zu tun hat? (Sie atmet durch, schweigt kurz). Ich weiß es nicht. Das ist eigentlich das Traurige: dass ich privat keine Ziele habe. Außer mal eine Freundschaft aufzubauen. Einen Freundeskreis zu haben, fällt mir unheimlich schwer. Oder Zeit mit mir selbst zu verbringen. Ganz allein in den Urlaub zu fahren – dazu hatte ich nie Zeit, das habe ich mich noch nie getraut. Aber ich glaube, es würde mir guttun.

Warum fällt es Ihnen schwer, Freunde zu finden?
Viele Menschen nutzen gerne aus, dass ich in der Öffentlichkeit stehe. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man nicht allen gleich vertrauen sollte. Darum vertraue ich Menschen nicht sofort. Aber es ist auch zeitlich schwer. Wenn ich jetzt sage: Toll, Du bist jetzt meine Freundin! Ich bin in drei Monaten wieder zurück, see you then! Was würden Sie sagen?

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!