Kiezspaziergang mit Malakoff Kowalski : Auf dem Friedhof fällt ihm Musik ein

Malakoff Kowalski ist Musiker, Künstler, Bohemien, Weltbürger im eigentlichen Sinn. Ein Spaziergang durch Kreuzberg.

Inspiriert. Der Spaziergang mit dem deutsch-amerikanisch-persischen Musiker und Komponisten Malakoff Kowalski führt durch seinen Kiez in Kreuzberg und den Friedhof Dreifaltigkeit II an der Bergmannstraße. Der 40-Jährige mag Friedhöfe.
Inspiriert. Der Spaziergang mit dem deutsch-amerikanisch-persischen Musiker und Komponisten Malakoff Kowalski führt durch seinen...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„Ich gehe nie in Cafés. Dazu kommt: Ich trinke gar keinen Kaffee!“, begrüßt Malakoff Kowalski liebenswürdig. Aber man brauchte einen Treffpunkt, um zusammen durch den Kiez zu flanieren. Kowalski, mit schwarzer Prinz-Heinrich-Mütze, drapiertem Seidenhalstuch und langem Mantel wie einem Gemälde des ausgehenden 19. Jahrhunderts entsprungen, hockt auf einem Hocker in der Ecke einer kleinen Koffeintanke am Marheinekeplatz und schaut auf englisch parlierendes Jungvolk mit „fresh brewed cups“.

Der Musiker und Komponist lässt sich auf einen Espresso ein. Nach einem Schlenker über den Wochenendflohmarkt („den habe ich noch nie erlebt, obwohl ich seit 2007 hier wohne. Ich schlafe samstags bis 17 Uhr, wenn ich kann“), beginnt der Spaziergang. Es geht Richtung Friedhof an der Bergmannstraße. Friedhöfe mag er: „Dort fällt einem Musik ein.“ Kowalski ist Künstler, Bohemien, Weltbürger im eigentlichen Sinn. Er wurde 1979 als Aram Pirmoradi in Boston geboren und zog mit seinen Eltern noch im gleichen Jahr nach Hamburg.

Musiker trotz Notenlegasthenie

Deutsch, Englisch und Persisch spricht er fließend, er singt, spielt mehrere Instrumente, davon am besten Klavier. Allerdings nicht ganz so wie seine Mutter es sich erhofft hatte, eine professionelle Konzertpianistin, die ihn unterrichtete: „Ich war ein fürchterlicher Schüler, ich habe nicht gern geübt und sie hat mich nicht gezwungen.

Ich bin Notenlegastheniker.“ Es läuft dennoch hervorragend für den Mann, seit Jahren schon macht er die Musik, die ihm gerade gefällt – vor einer Weile war das krautrockähnlicher, beherzt – garagiger Beat. „Andere Leute“ von 2009 wurde von Deichkind geremixt, das dazu entstandene Video vom Regisseur Klaus Lemke aus altem Material geschnitten, seit damals hat er zu fünf Filmen des stolzen Filmbranchen-Outsiders Lemke Musik gemacht.

Momentan sitzt Kowalski mit Leander Haussmann für dessen neuen Film im Studio: „Haussmann ist laut und impulsiv, was ich mag“, sagt Kowalski. Er selbst ist eher gelassen, spricht und promeniert bedächtig auf dem Friedhof an der Bergmannstraße, den er zwischenzeitlich fast ganz durchquert hat.

Ein musikalisches Zwiegespräch

Das Gespräch dreht sich selbstverständlich um Musik, um die verschiedenen Formen, um sein am 28. Februar erscheinendes Album „Onomatopoetika“, eine reine Instrumental-Klavierplatte, die an einen zurückgenommenen Erik Satie erinnert. „Ich habe versucht“, sagt Kowalski, während er den Friedhof am südlichsten Ausgang, fast am Südstern, verlässt, „außersprachliche Ereignisse phonetisch einzufangen – und da beginnt es, Musik zu werden.“ Die zehn Stücke auf der Platte wirken gleichzeitig reduziert und voll, sie haben etwas Fragendes, Zweifelndes, gleichen einem musikalischen Zwiegespräch.

Er nickt: „Musik empfinde ich als etwas, was einer Unterhaltung nahekommen sollte, mit mir selbst, mit dem Publikum, vor allem mit den Komponisten und Musikern, die mich umgeben. Das hat viel von Konversation.“ Dass er nicht zwischen Sprache, Schrift und Musik unterscheide, überlegt er dann, wichtig sei die Empathie. Man schlendert die Lilienthalstraße hinauf, vorbei an der St. Johannes-Basilika, dem Luftschiffer-Denkmal, betritt den nächsten Friedhof, den sogenannten „Standortfriedhof“, eine Ruhestätte für Opfer des Zweiten Weltkriegs, die einst für Wehrmachtssoldaten errichtet wurde.

Musik sei Kommunikation

In einer Krypta, geschützt von einem Zaun, steht inzwischen die Skulptur „Sorgende Frau“ des ehemaligen Vizepräsidenten der Akademie der Künste der DDR, Fritz Cremer. Kowalski schaut durch die Gitterstäbe. Ein paar Meter entfernt steht ein Baum-Umarmer. Die Unterhaltung wendet sich dem zu, was Musik alles kann. Kowalski erzählt von Christoph Eschenbach, der Dirigent des Konzerthausorchesters Berlin ist. Eschenbach habe nach traumatischen Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg nicht mehr gesprochen, seine Stimme erst durch Musik wiederentdeckt. Musik sei Kommunikation, sagt Kowalski.

Sie könne heilen und müsse immer zugänglich sein. Zurück am Südstern, vor einer Weinhandlung, redet Kowalski von den Klavieren, die er über die Stadt verteilt hat: Eines steht zu Hause, ein weiteres gemeinsam mit einem Flügel im Studio am Rosenthaler Platz, eines in Dahlem bei Freunden, ein Flügel im Tiergarten, in „einer Art Sommerresidenz“. Wenn man daran interessiert ist, Musik zu schreiben, sagt er, „muss man natürlich jederzeit in der Lage sein zuzuschnappen, wenn sich etwas regt“.

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In die Weinhandlung geht er nur aus Neugier mit, denn er trinkt gerade nicht. „Ich gehe Wochen vor Konzerten in Klausur, eigentlich in Isolationshaft“, sagt Kowalski, „wenn ich Konzerte spiele, bin ich ein absoluter Soziopath.“ Er will sich den Laden merken, für später, wenn es wieder losgeht mit dem Exzess – der muss nämlich auch sein, zu anderen Zeiten. Dann werden Nächte durchgetrunken und der Rausch gefeiert. Kowalski: „Ich beobachte an mir, dass ich Dinge unternehme, um mich in Zustände zu versetzen, dazu zählt der Exzess genau wie das Asketische.

„Ich hasse alles Elektronische“

Das sind Werkzeuge, um sich selbst zu manipulieren oder auszutricksen.“ Der Weg zurück führt über die Gneisenaustraße Richtung Mehringdamm. Kowalski ist wieder bei etwas angelangt, das er nicht mag: „Ich bitte dich, mich wörtlich zu zitieren“, sagt er. „Ich hasse alles Elektronische! Leute haben Angst vor dem Wort Hass, aber ich hasse alles Elektronische in der sogenannten klassischen und der Jazzmusik.“ Ist das Konservativismus, Trotz oder Provokation? Wahrscheinlich alles drei. Bei seinen Konzerten versuche er Bedingungen „wie 1880“ herzustellen.

„Ich spiele nur in bestuhlten Sälen, wo die Türen sich schließen und niemand mehr reingelassen wird, nachdem das Konzert angefangen hat. Ich will keinen Applaus zwischen den Stücken, ich habe keine Videoshows, ich habe keine Lichtinstallationen.“ Am Ende darf man aber klatschen. Wenn auch aus rein kommunikativen Gründen.

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