Kreidezähne : Das rätselhafte Bröckeln

Karies bei Kindern ist heute kein so großes Problem mehr wie in den 70er Jahren. Dafür gibt es eine neue Herausforderung: Die Schmelzbildungsstörung MIH, auch Kreidezähne genannt. Bis zu 20 Prozent aller Kinder leiden darunter. Ärzte sind ratlos.

Claudia Füßler
Zahnärzte, die vor fünf Jahren ihren Abschluss gemacht haben, haben noch nie von der MIH gehört.
Zahnärzte, die vor fünf Jahren ihren Abschluss gemacht haben, haben noch nie von der MIH gehört.Foto: seventyfour - stock.adobe.com

Heulende Kinder, denen Abend für Abend mit sanfter Gewalt die Zahnbürste durch die zusammengepressten Lippen geschoben wird. Heulende Kinder, die brüllend um wenigstens noch einen einzigen klitzekleinen Schokokeks betteln. Eltern sind bereit, all das und noch mehr zu ertragen und den Kindern die Süßigkeit zu verweigern – im Dienste eines gesunden Gebisses. Seit Jahrzehnten werden vor den Badezimmerspiegeln der Republik Horrorgeschichten von den fiesen Freunden Karius und Baktus erzählt, die nachts begeistert Löcher in ungeputzte, von Süßkram verklebte Kinderzähne fressen. Mit Erfolg: Dank der elterlichen Akribie bei der Mundhygiene ihres Nachwuchses sind die Zähne der Deutschen deutlich weniger kariogen. Die Deutsche Mundgesundheitsstudie V, mit der das Institut der Deutschen Zahnärzte im Auftrag der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) regelmäßig die deutschen Gebisse untersucht, kann Erfreuliches vermelden: Acht von zehn 12-jährigen Kindern sind heute kariesfrei, das sind 80 Prozent. Die Zahl der kariesfreien Gebisse hat sich seit 1997 verdoppelt. Und bei den 35- bis 44-Jährigen hat sich die Zahl der Zähne mit Karieserfahrung seit 1997 um 30 Prozent reduziert.

Doch Zeit, sich auf diesem Erfolg auszuruhen, bleibt nicht. Vergangene Woche schlug die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Alarm. Ein neuer Feind macht sich breit in den Kindermündern: Backenzähne brechen fleckig und bröckelig durch den Kiefer, mitunter brauchen Grundschüler bereits Stahlkronen. Die Zahnmediziner sprechen von einer „neuen Volkskrankheit“, die gerade dabei sei, der Karies den Rang abzulaufen. Bei der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (kurz MIH) sind die ersten bleibenden Backenzähne nicht richtig mineralisiert worden. Der Zahnschmelz ist oft brüchig oder fehlt ganz. Und das in einem ansonsten völlig gesunden Gebiss. Beschrieben worden ist die MIH erstmals 1987, gut 15 Jahre später waren etwa 5 Prozent der Kinder betroffen. Aktuellen Studien zufolge leiden inzwischen 10 bis 20 Prozent der Kinder in Deutschland unter MIH, bei den 12-Jährigen zählte die Mundgesundheitsstudie diese Strukturanomalie sogar bei knapp 30 Prozent. Die Zahlen schwanken stark, da die Studien von der Methode her sehr heterogen angelegt sind. Hinzukommt: Ein ungeübtes Auge kann Karies mit MIH verwechseln – und umgekehrt.

Rau und porös, stellenweise zerklüftet

Unabhängig von den Zahlen zeigt die zahnärztliche Praxis: „Das Problem wird immer größer.“ Norbert Krämer, der zu diesem Schluss kommt, ist der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnmedizin. Er hat in den vergangenen Jahren immer öfter Kindern auf seinem Behandlungsstuhl marode Backenzähne gezogen oder versucht zu retten, was zu retten ist. Die Bilder, die er zeigt, sehen aus, als hätten Kariesbakterien sich jahrelang an einem Zahn austoben können, ohne dass ihnen Einhalt geboten worden sei: rau und porös, stellenweise zerklüftet. Auf anderen Fotos haben die Molaren gelb-braune Flecken, sehen ansonsten aber intakt und vor allem glatt aus.

Das sind die Glücklichen. Die, bei denen die MIH nur wenig ausgeprägt ist. „Wir unterscheiden in drei Schweregrade, eine milde, eine mittlere und eine schwere MIH“, sagt Krämer. „Die ersten beiden Formen haben keine Beschwerden, bei denen ist das Problem vor allem ästhetischer Natur.“ Und das meist auch nur dann, wenn zusätzlich zu den Backenzähnen die Frontzähne betroffen sind. Die schwere Ausprägung der MIH bringt allerdings gleich einen ganzen Schwung an Schwierigkeiten mit sich. Nicht nur, dass die Zähne bröseln und stellenweise abbrechen. Die zerklüftete Oberfläche lässt sich nicht richtig putzen, sodass oft eine Karies auf die bestehenden MIH-Läsionen aufsattelt. Umso mehr, als die von MIH betroffenen Zähne häufig kälte-, luft- und berührungsempfindlich sind, sodass die Kinder ihnen mit der Zahnbürste fernbleiben. „Wenn da der Zahnarzt die MIH als Karies fehldeutet und dann mit dem Luftstrahl durch den Mund pustet, gehen die Kinder an die Decke“, sagt Norbert Krämer.

Weil diejenigen, die vor fünf oder zehn Jahren ihren Abschluss in Zahnmedizin gemacht haben, in ihrem Studium nie etwas von der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation gehört haben, fehlt es auch heute noch in vielen Zahnarztpraxen an Wissen über diese Strukturstörung. „Das ändert sich allerdings gerade sehr, das Bewusstsein für MIH wächst und wir machen sehr viele Weiterbildungen zum Thema“, sagt Krämer. Ein wichtiger Punkt, denn die MIH-Flecken ähneln nicht nur kariösen Stellen. Vor allem bei betroffenen Schneidezähnen sei eine Differentialdiagnose wichtig, sagt Priska Fischer vom Universitätsklinikum Freiburg. „Hier müssen die Eltern genau befragt werden. Hatte ein Milchzahn vorne mal ein Trauma, ist gestoßen oder abgebrochen worden, dann kann er den bleibenden Zahn, der noch im Kiefer steckt, verletzen.“ Die so entstehenden Schäden können optisch genau so aussehen wie die Flecken, die MIH verursacht.

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