Kriminalität in Brandenburg : Mehr rassistische Angriffe auf Minderjährige

Laut der Statistik der „Opferperspektive“ gab es 2019 insgesamt weniger rassistische Angriffe. Gegenüber Minderjährigen gab es jedoch mehr Vorfälle.

Betroffen von den rechtsextremen Angriffen waren Sinti und Roma, aber auch Fridays-for-future-Demonstranten.
Betroffen von den rechtsextremen Angriffen waren Sinti und Roma, aber auch Fridays-for-future-Demonstranten.Foto: imago images / Christian Ditsch

Im Land Brandenburg hat es 2019 deutlich weniger rechte und rassistische Angriffe gegeben, erstmals nach einem stetigen Anstieg in den Vorjahren. Nach der aktuellen Erhebung des Potsdamer Beratungsvereins „Opferperspektive“, die am Donnerstag vorgestellt wurde, hat es im Vorjahr 142 rassistisch und rechtsextremistisch motivierte Gewaltattacken gegeben, 32 weniger als 2018.

Insgesamt waren 242 Menschen (2018: 261) betroffen. Die Zahlen seien „erfreulich rückläufig“, sagte Vereinsgeschäftsführerin Judith Porath. Trotzdem sei die Bedrohungslage größer geworden, bei Betroffenen Verunsicherung „in Angst umgeschlagen“ – seit dem Mord an Walter Lübcke, Hanau und Halle, aber auch wegen Feindeslisten rechtsextremer Netzwerke wie „Nordkreuz“, auf denen sich auch 160 Brandenburger Namen fanden.

Diese Angst führe auch dazu, dass weniger Angriffe zur Anzeige gebracht werden, sagte Porath.

Der Verein dokumentiert seit 2001 rassistische und rechtsextremistisch motivierte Angriffe in Brandenburg. Die Statistik unterscheidet sich bisweilen von der Polizeistatistik, da auch glaubhaft geschilderte, aber nicht angezeigte Fälle eingehen. Auch nach den Details sieht die „Opferperspektive“ keinen Grund zur Entwarnung.

So hat es 2019 deutlich mehr rechte Gewaltattacken gegen Kinder und Jugendliche gegeben, mit 110 Opfern (Vorjahr: 63), darunter Sinti und Roma, tschetschenische Kinder oder auch junge Leute, die bei Fridays for future demonstrierten. „Es sind meistens Erwachsene, die Kinder und Jugendliche angreifen“, sagte Joschka Fröscher vom Verein.

Weniger Angriffe in der Neonazi-Hochburg

Der landesweite Rückgang geht vor allem darauf zurück, dass es im Süden um Cottbus – Hochburgen der organisierten Neonazi–Szene – deutlich weniger Angriffe gab. Gründe seien möglicherweise staatliche Repression gegen die einschlägige „Kampfgemeinschaft Cottbus“, größere Polizeipräsenz in Cottbus, aber auch eine taktische Zurückhaltung der Szene, seitdem „Zukunft Heimat“ mit dem Wechsel ihres Chefs Christoph Berndt in den Landtag quasi in der AfD aufging, hieß es.

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Als dramatisch bezeichnete es Fröscher, dass im Cottbusser Gerichtsbezirk für rechte Gewalttäter „letztlich Straffreiheit existiert“, weil dort wegen überlanger Verfahrenszeiten Prozesse erst vier, fünf oder gar sieben Jahre nach der Tat stattfänden. Die Opfer, die man dort berate, so Fröscher, „bereuen ausnahmslos, Anzeige gestellt zu haben“.

Im Norden Brandenburgs arbeitet die Justiz schneller. Die meisten Angriffe gab es dort in Oberhavel (18) mit Schwerpunkten Oranienburg und Hennigsdorf und der Uckermark (18), gefolgt von Potsdam mit 17 rechtsgerichteten und rassistischen Attacken, sechs mehr als 2018 und mehr als in Cottbus (14), Brandenburg an der Havel (4) oder Frankfurt/Oder (3).

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