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Entwurf für Berlin. Der damalige Tagesspiegel-Feuilleton-Chef Heinz Ohff entschied 1976 über die Gestaltung der Wand mit.
© Britta Pedersen/dpa

Kunst am Bau in Berlin: Lange verdecktes Wandbild ist wieder sichtbar

Durch den Abriss der alten Grundkreditbank an der Kurfürstenstraße ist ein riesiges Wandgemälde des Künstlers Eduardo Paolozzi wieder aufgetaucht.

Es gehört zu den Sternstunden jedes Kunstjüngers, er sei Historiker oder einfach Enthusiast, wenn ein lange verschollen geglaubtes Werk eines berühmten Malers urplötzlich wieder auftaucht. So war bei der Restaurierung der Liebermann-Villa am Wannsee an der Wand der Loggia unter Putz ein Wandgemälde von des Meisters Hand wiederentdeckt und freigelegt worden – eine idyllische Landschaftsszenerie, derer Liebermann selbst aber irgendwann überdrüssig geworden sein muss: In den zwanziger Jahren ließ er es übermalen.

Eine in der Vorgeschichte ganz andere, gleichwohl ähnliche Wiederentdeckung können Kunstfreunde jetzt in der West-Berliner City feiern, ist doch an der Kurfürstenstraße, Ecke Budapester Straße, schräg gegenüber vom Elefantentor des Zoos, ein Wandgemälde des britischen Pop-Art-Künstlers Eduardo Paolozzi zumindest teilweise wieder aufgetaucht.

Dort befand sich für über drei Jahrzehnte ein seinerzeit hochgelobtes, für die Hauptverwaltung der einstigen Grundkreditbank errichtetes, dann von der Berliner Volksbank genutztes Gebäude, das nun Neubauplänen weichen musste. Soeben räumen Bagger die letzten Reste des einst mit rotbraunen Sandstein prunkenden Bankengebäudes weg. Entstehen soll dort ein – anders als der halbrunde Vorgänger – kantiges Büro- und Geschäftsgebäude, ein gläsern anmutender Turm mit dem etwas imposanten Namen „The Westlight Berlin“.

Einweihung mit Korn und Erbsensuppe

Aber bevor der steht, ist der Blick auf Eduardo Paolozzis Wandgemälde freigegeben: ein Werk von ursprünglich 990 Quadratmetern Fläche, an irgendetwas Technisches, eine Bau- oder Konstruktionszeichnung vielleicht, erinnernd. Im Januar 1977 wurde es der Öffentlichkeit übergeben, Künstler wie Edward Kienholz und sogar Christo seien zu der Feier gekommen, bei der man Korn und Erbsensuppe gereicht habe – so erinnerte sich jetzt die Nachrichtenagentur dpa.

Der Tagesspiegel war an der Entstehung des Werkes direkt beteiligt. Zu der Giebelbemalung in der Kurfürstenstraße 87 hatte es einen öffentlichen Wettbewerb gegeben, und in die Jury war auch der damalige Leiter des Tagesspiegel-Feuilletons, Heinz Ohff, berufen worden. Der unterstützte das Projekt bedingungslos, konnte dieser zentrale Ort in der West-Berliner Innenstadt doch nur gewinnen: „Etwas Langweiligeres und Seelenloseres als diese Aneinanderreihung belangloser Fassaden und trist-grauer Fensterwände dürfte es so leicht nicht wieder geben.“

Allerdings hielt Ohff Paolozzis Entwurf nur für den zweitbesten, favorisierte den des Berliner Malers Fritz Köthe, der „einen riesigen grünen Apfel, ein großes Reklameauge und ein Stück der Berlin-Typographie – links oben in der Ecke die Buchstaben ,Be‘ – zu einer jener gemalten Collagen“ kombinierte, für die er bekannt war.

Es wurde aber dennoch Paolozzi vor den anderen vier beteiligten Künstlern der Vorzug gegeben. Er hatte ebenfalls eine Art Collage vorgeschlagen: „Maschinenteile, wie er sie gern zu Ornamenten zusammenfügt, erscheinen schwarzweiß in wohlgeordneter Rhythmik: sie nehmen das – fatale – Spiel der Hintergrundfassaden auf, führen es in künstlerische Bewegtheit über – und lassen es dadurch, wie jedenfalls zu hoffen steht, weit weniger frappant in Erscheinung treten.“

Aktuell präsentiert die Berlinische Galerie den Künstler

Dass der britische Pop-Art-Künstler – 1924 als Sohn italienischer Immigranten in Edinburgh geboren, 2005 in London gestorben – eine Berliner Giebelwand gestaltete, war kein Zufall: Er war 1975 als DAAD-Gast in Berlin und lobte diese Zeit als „das fruchtbarste Jahr meines Lebens“. Damals wandte er sich gerade von der Bilderwelt der Pop-Art ab und abstrakten Motiven zu, wie man auch an der von ihm gestalteten Giebelwand sieht.

Paolozzi blieb der Stadt auch danach verbunden – und sie ihm: Erst vor wenigen Wochen wurde in der Berlinischen Galerie eine ihm gewidmete, bis Ende Mai dauernde Ausstellung eröffnet, übernommen von der Whitechapel Gallery in London, wo man dem Begründer der britischen Pop-Art im Vorjahr eine große Retrospektive gewidmet hatte.

Freie Sicht - bis der nächste Neubau steht

Doch so sehr Paolozzis Beitrag zur Stadtbild-Verschönerung in den siebziger Jahren auch gefeiert worden war: In den Achtzigern musste das gewaltige Werk wieder verschwinden. Ende April 1983, vor fast genau 35 Jahren, war Grundsteinlegung für das Gebäudeensemble, mit dem Verwaltungsbau der Grundkreditbank als Mittelstück. An die vorhandenen, von Heinz Ohff so geschmähten Gebäude an der Kurfürsten- und der Budapester Straße schlossen sich zwei neue Gebäuderiegel mit Wohnungen an. Durch den an der Kurfürstenstraße verschwand der rechte Teil des Wandbildes, und da man diese beiden Riegel jetzt nicht abreißt, wird sich daran auch nichts ändern.

Der übrige, größere Teil des Bildes blieb damals unverdeckt, wenn man von drei dicken vertikalen Abluftrohren einmal absieht. Allerdings war dieser Rest seit der Fertigstellung des Bankgebäudes Ende 1985 für Jahrzehnte in dessen Hinterhof verborgen und der Öffentlichkeit damit entzogen. Nur die Mieter und die Banker behielten freie Sicht auf Paolozzi, was zumindest nun korrigiert ist – bis der Neubau steht.

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