Lebensqualität auf Arbeitswegen : So viel Zeit geht mir im Berliner Alltag verloren

Mehr als zwei Stunden verbringt unser Leser täglich in Verkehrsmitteln. In einem Gastbeitrag zeigt er seinen Alltag - und wie er ihn sich eigentlich vorstellt.

Oliver Jakubith
Unser Leser fragte sich, wie viel Zeit er täglich im Berliner Verkehr verschwendet.
Unser Leser fragte sich, wie viel Zeit er täglich im Berliner Verkehr verschwendet.Foto: Getty Images/iStockphoto

Geht es Ihnen auch so? Am Abend fallen Sie einigermaßen erschöpft aufs Sofa und fragen sich, wo diese ganze Zeit hin verschwindet. Arbeiten, Schlafen, Sport, Einkaufen, Freunde, Familie und was noch so alles sein muss. Dazu kommt aber auch ein nicht unerheblicher Anteil an „Verkehrszeit“, also die Zeit, die wir damit zubringen, uns von A nach B zu bewegen. Das ist ziemlich schlechte Zeit. Wenn man sich nicht mit dem Auto, sondern mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bewegt, kann man sie wenigstens zum Grübeln oder Dösen benutzen, oder eine Zeitung bzw. ein Buch lesen, oder wie alle in sein Smartphone glotzen. Aber eigentlich kann ich mir sehr viel schönere Dinge vorstellen, mit denen ich diese Zeit füllen könnte.

Ich habe mich deshalb auch gefragt, wie viel Lebenszeit ich in Verkehrszeit investiere und mir so verloren geht. Dafür habe ich meinen normalen Arbeitstag in Berlin etwas genauer unter die Lupe genommen.

Die Realität:

7:00 Uhr: Aufstehen, der Wecker klingelt. Bis ich mit meiner Tochter (5) das Haus verlasse, vergeht noch eine Stunde.

8:00 Uhr: Ab jetzt läuft die Zeit. Wir starten in den Verkehr. Vor dem Haus der allmorgendliche Stau derer, die ihr Auto auf der Jagd nach einer Abkürzung - weg vom großen Stau auf der Hauptstraße - durch den Wohnkiez - wieder zurück auf die Hauptstraße lenken wollen.

Wir schlängeln uns durch die wartenden Autos zur S-Bahn. Der Weg nimmt ca. 15 Minuten in Anspruch, weil wir bis zum Ostkreuz (Ringbahn) laufen. In nur 10 Minuten wären wir auch schneller an einer anderen S-Bahnstation gewesen, aber mit Warte- und Umsteigezeiten rechnet sich das nicht, haben wir festgestellt. Allerdings führt uns unser Weg durch eine viel befahrenen Unterführung und an der besagten Hauptstraße entlang. Es ist verdammt laut. Wenn meine Tochter etwas sagt, verstehe ich sie meist nicht. Wir brüllen also den ganzen Weg bis zum Ostkreuz, um die permanent an uns vorbeirauschenden PKWs und LKWs zu übertönen. Dazu stinkt es nach Abgasen.

Als das Ostkreuz noch ein Rostkreuz war
Damals, vor dem großen Umbau, wirkte das Ostkreuz nachts fast wie ein vergessener Ort. Zugewuchert, rostig, improvisiert. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie uns Ihre Aufnahmen vom alten Ostkreuz an leserbilder@tagesspiegel.de.Weitere Bilder anzeigen
1 von 74Foto: Henning Onken
29.01.2021 17:30Damals, vor dem großen Umbau, wirkte das Ostkreuz nachts fast wie ein vergessener Ort. Zugewuchert, rostig, improvisiert. Liebe...

Wenn wir im letzten Jahr nicht mit dem Zug zum Ostkreuz so oft im baubedingten Wartestau gestanden hätten, würden wir vielleicht wieder zur nächstgelegenen S-Bahnstation gehen und die durch den Umfahrungsstau zeitweilig irritierte Ruhe im Kiez genießen. Allerdings machten uns auch die nicht selten auftretenden Verspätungen, Zugausfälle, Notarzteinsätze oder Weichenstörungen arg zu schaffen. Wenn der Lautsprecher auf dem Bahnhof knackt, tönt es aus meiner Tochter „Wir bitten um Verzeihung!“. Herrje, die Standardfloskel der Bahn muss sich in ihr kleines Gehirn bereits eingebrannt haben.

Keine Kitaplätze in der Nähe

8:15 Uhr: Wir erreichen das Ostkreuz und wollen mit der Ringbahn zum Bundesplatz fahren. Warum zum 13 km entfernten Bundesplatz? Nun, als wir seit Mitte 2015 einen Kitaplatz in unserem Wohnbereich für Mitte 2016 suchten, gab es keinen. KEINEN.Obwohl es schon einige Kitas in der Gegend gibt, aber eben noch mehr Kinder. Hat keiner mit gerechnet. Wir hatten aber Glück und haben uns für den kleinen Umweg vom Ostkreuz über den Bundesplatz entschieden, weil dort wenigstens auch die Kinder unserer Freunde sind und die Umfahrung in Form einer Banane weniger Zeit kostet, als eine näher gelegene Kita im Bezirk in verkehrter Richtung anzureisen.

8:45 Uhr: Wir steigen am Bundesplatz aus und laufen in nur 5 Minuten zur Kita. Verkehrszeit seit dem Start bis hierhin 50 Minuten.

9:00 Uhr: Ich verlasse die Kita, stecke mir Musik ins Ohr und begebe mich zur U-Bahn. Dann fahre ich zum Zoo, das sind nur noch fünf Stationen. Ab Zoo laufe ich den Rest, auf einen Bus zu warten, macht bei knapp 10 Minuten Laufzeit nur begrenzt Sinn, zumal die Bushaltestelle nicht gerade vor dem Büro platziert wurde.

9:25 Uhr: Ich erreiche meinen Arbeitsplatz nach einer bereinigten Verkehrszeit von 1 Stunde und 15 Minuten. Nicht schlecht, denke ich und freue mich auch darüber, dass Berliner Verkehrsbetriebe und Bahn heute keine außerplanmäßigen Späße vorbereitet haben. Besonders lustige Highlights in 2018 waren der Bahnstreik aber auch die vielen kleinen Zugausfälle - ach, was haben wir gelacht. Die Erfahrung zeigt zudem: Man darf den Tag nicht vor dem Abend loben.

So beginnt der morgendliche Weg zur Arbeit für unseren Lesern.
So beginnt der morgendliche Weg zur Arbeit für unseren Lesern.Foto: privat

Übrigens ist der Weg mit dem Auto nicht schneller zu schaffen. Ich habe es probiert, wenn es gut läuft – und das ist auf der Stadtautobahn auch nicht die Regel – bin ich 5 Minuten früher im Büro.

Abends begebe ich mich auf den Heimweg - ohne den Umweg über den Bundesplatz. Dafür brauche ich „nur“ 50 Minuten für alle Fuß- und Fahrwege. Insgesamt sind es also mindestens 2 Stunden und 5 Minuten tägliche Verkehrszeit, wenn nichts dazwischen kommt – und in Berlin kommt wie gesagt oft etwas dazwischen - in einer Arbeitswoche also rund 10 ½ Stunden und in einem Jahr gut 400 Stunden… WHAT? Das ist eine ganze Menge Zeit dafür, dass ich mich eigentlich nur in der Innenstadt bewege, merke ich und frage mich gleichzeitig, wie ich das optimieren könnte.

Ich stelle mir meinen idealen Arbeitsweg eher so vor:

Die Fiktion:

8:00 Uhr: Wir verlassen das Haus und starten wieder in den Verkehr. Das heißt, wir gehen drei Häuser weiter zur Kita, es gibt ja genügend in Berlin. Das sind drei Minuten Verkehrszeit, weil meine Tochter heute bummelt.

8:15 Uhr: Vor der Kita ist die Haltestelle für den Zubringerbus zur Bahn, der alle paar Minuten kommt. Der Bus saust einigermaßen geräuschlos – klar, Elektroantrieb – in wenigen Minuten zum Ostkreuz. Keine Staus, kein Gestank, kein Lärm auf den Straßen, alle fahren mit den Öffentlichen. Und weil Berlin viel Geld in die Flotten investiert hat und es ausreichend viele Fahrzeuge gibt, stehe ich auch nicht mehr wie in eine Sardinendose gequetscht. Es ist insbesondere zu Stoßzeiten voll, aber erträglich. Das scheint auch auf die Laune der Leute abzufärben. Der Fahrer grüßt freundlich zurück, Jugendliche stehen für Alte auf, alle sind höflich… Watt, die Berlina? Ditt gloob ick nich!... Nun ja, jedenfalls sind sie für ihre Verhältnisse gut gelaunt.

8:20 Uhr: Ostkreuz. Von jeweils zwei Gleisen pro Fahrtrichtung fahren die Züge im Minutentakt. Ein weiteres Gleis ist für Schnellzüge vorgesehen. Diese Züge halten nur alle zwei bis drei Stationen. Einen davon nehme ich.

8:40 Uhr: Ich komme am Zoo an und nehme wieder einen Zubringerbus bis zum Büro, das ich kurze Zeit später entspannt erreiche.

8:50 Uhr: WOW! Knapp 40 Minuten Verkehrszeit (rund 35 Minuten schneller).

Arbeiten von Zuhause

Abends brauche ich 35 Minuten für den Rückweg (und spare weitere 15 Minuten). Ich bin also täglich ca. 1 Stunde und 15 Minuten unterwegs und das relativ konstant auf Grund ausreichender Reserven an Fahrzeugen und alternativer Fahrwege bei den öffentlichen Verkehrsbetrieben.

Aber ich fahre gar nicht jeden Tag ins Büro. Ich arbeite viel von zu Hause aus. Es ist wichtig, die Kollegen auch persönlich zu treffen und Dinge zu besprechen, aber es reichen in meinem Fall drei von fünf Arbeitstagen. Berlin fördert das Homeoffice, in dem es besonders für die Infrastruktur (schnelles Internet) sorgt und Arbeitsmittel (meinen super bequemen Chefsessel) steuerlich begünstigt. Jeder Arbeitnehmer, der nicht ins Büro fährt, entlastet zudem das öffentliche Verkehrsnetz und ich spare noch mehr Zeit, die ich natürlich total sinnvoll ausfülle.

Frühling in Berlin
Auch am Sonntag lagen die Temperaturen bei knapp 30 Grad - erfrischen kann man sich im Wasser, wie dieses Kind, das im Märchenbrunnen im Friedrichshain badet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 56Foto: dpa
29.04.2012 20:39Auch am Sonntag lagen die Temperaturen bei knapp 30 Grad - erfrischen kann man sich im Wasser, wie dieses Kind, das im...

In meiner Fiktion hat Berlin irgendwann mal verstanden, dass der individuelle Personenverkehr mit all seinen hässlichen Gesichtern eine Belastung für alle bedeutet. Keiner wollte mehr, dass massenweise parkende Autos unseren Lebensraum verstellen. Der Lärm wurde zunehmend unerträglich. Pausenlos Abgase einzuatmen hat einfach keine Glücksgefühle mehr erzeugt. Und dann die Verkehrstoten.

Jetzt kann sich niemand mehr vorstellen, die Bäume und Beete vor der Haustür einem einzigen Parkplatz zu opfern. Gut, vielleicht noch für die kleine Carsharing-Flotte, die wir alle hin und wieder nutzen, vor allem um Dinge zu transportieren. Obwohl es auch hierfür inzwischen gut funktionierende Alternativen gibt.

Wo ist die Logik?

Wir haben uns zur Geburt unserer Tochter dazu entschieden, ein Auto zu kaufen. Es ist eine genügsame, gebrauchte Familienkutsche geworden, natürlich ein Kombi. Damals war der Wagen schnell bis unter das Dach vollgestopft mit Kinderwagen, Kindersitz, Spielzeug, Windelpaketen und allem was man so braucht für ein Wochenende bei den Verwandten in Hamburg und Rostock. Wir waren froh, das nicht alles mit der Bahn transportieren zu müssen, obwohl es bestimmt Mittel und Wege gegeben hätte. Andere schaffen es ja auch.

Die Gepäckflut ist weniger geworden, außer zu Weihnachten. Nach wie vor zweifele ich aber am Sinn eines eigenen Fahrzeugs, vor allem in der Innenstadt. Die Kiste steht die ganze Woche rum um verstellt ca. zehn Quadratmeter öffentlichen Straßenraums. Es stehen viele dauerparkende Familienkutschen bei uns rum. Und natürlich die Autos derer, die damit jeden Tag zur Arbeit fahren. Ich stelle mir die Straße oft ohne die vielen bunten Blechhaufen vor. Kinder spielen dort, Menschen treffen sich, Blumen, Sträucher, Bäume hier und dort. Und diese Ruhe… herrlich! Ich frage mich, ob irgendjemand auf die Idee kommen würde, das wieder gegen Parkplätze eintauschen zu wollen, und halte es für absurd. Aber so ist es. Anstatt eines behaglichen Wohnumfelds entscheiden wir uns für den Individualverkehr und seine unschönen Auswüchse. Oder haben wir da keine Wahl? Ist der Zustand denn so unveränderlich? Ich will das nicht glauben.

Öffis statt Autos

Über 3.000 Verkehrstote pro Jahr in Deutschland, Feinstaubbelastungen in den Städten, Lärm, Kohlendioxid in der Atmosphäre, Staus, 1,2 Mio. PKW mit einer Stellfläche von ca. 12 Mio. Quadratmetern allein in Berlin. Wie viele Fußballfelder sind das wieder? Ui, 1.680 sagt das Internet. Wer will das denn bitteschön noch? Sind die Alternativen denn noch schrecklicher?

Mein Verkehrsärger
Feyza Sahin, 19. Ich finde, dass in Berlin generell alles relativ gut geregelt ist. Über die Baustellen muss man manchmal hinwegsehen, schließlich soll ja am Ende was Gutes dabei rauskommen. Aber auf der A 100 an der Autobahnausfahrt Alboinstraße kommt es häufig zu Unfällen. Dies liegt daran, dass sich die Linksabbieger dort von beiden Seiten jeweils falsch einordnen. Das liegt an den fehlenden Verkehrsstreifen auf dem Asphalt. Die Abbiegerspuren sollten daher entsprechend kenntlich gemacht werden, damit man zukünftig mehr Unfälle verhindern kann. (aufgezeichnet von Yunus Güllü) Was ist Ihr Verkehrsärger? Schicken Sie eine E-Mail an berlin@tagesspiegel.de!Weitere Bilder anzeigen
1 von 49Foto: privat
30.08.2017 07:52Feyza Sahin, 19. Ich finde, dass in Berlin generell alles relativ gut geregelt ist. Über die Baustellen muss man manchmal...

Kennen Sie die Standardausreden gegen öffentliche Verkehrsmittel? Einige davon benutzen wir sicherlich alle mal, wenn wir die Wahl haben:

„In der Bahn stinkt’s und es ist immer voll.“

„Ich bin Automobilist, schon immer gewesen.“

„Das dauert mir zu lange.“

„Da kriegt man Krankheiten.“

„Ist mir nachts zu gefährlich.“

„Ich bin Klaustrophobiker.“

Auch gegen die Vorurteile kann man etwas unternehmen

Bei letzterem Krankheitsbild würde ich nicht ins Auto einsteigen und lieber zum Fahrrad raten. Und die anderen? Da kann man etwas gegen unternehmen, auch gegen Vorurteile. Einigen möchte ich raten, probiert es doch mal aus. Es ist gar nicht so schlimm. Anderen wird wahrscheinlich irgendwann gar nichts anderes mehr übrig bleiben, wenn der Verkehrsinfarkt auf der Straße droht. Aber generell müssen die Städte, muss Berlin seine Hausaufgaben machen und eine Infrastruktur erschaffen, die attraktiver ist: schneller, sicherer, bequemer und dabei noch günstig. Vielleicht sogar mit dem kostenlosten öffentlichen Nahverkehr.

Wer bezahlt das alles? Wir. Wir haben nämlich auch eine ganze Menge davon, wie ich finde. Und wer macht das? Die. Die da oben. Die Politiker. Eigentlich. Aber die machen das nur, wenn wir es ihnen auch deutlich sagen, dass wir das wollen. Die glauben das nämlich nicht, wenn wir so phlegmatisch und zögerlich sind. Weil wir uns schon so sehr an die Dinge gewöhnt haben, wie sie sind. Weil wir den Stadtumbau fürchten oder noch daran glauben der einzige sein zu können, der auf freien Straßen zur Arbeit fährt. Die Zeiten sind vorbei. Es wird Zeit umzudenken und umzulenken. Jetzt!

Der Autor ist Tagesspiegel-Leser.

Zwölf Newsletter, zwölf Bezirke: Unsere Leute-Newsletter aus allen Berliner Bezirken können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de

Hinweis: Wir haben eine missglückte Formulierung zur Zahl der Verkehrstoten nachträglich aus dem Text gestrichen.

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!