Lehrermangel in Berlin : Erweiterter Crashkurs für Quereinsteiger

"Fettnäpfchenradar" und mehr: Jetzt werden hunderte Neu-Lehrer auf ihren Einsatz in den Schulen vorbereitet. Weitere Hilfe kommt von Pensionären.

Nicolás Urióstegui ist bereits Quereinsteiger-Lehrer für Biologie.
Nicolás Urióstegui ist bereits Quereinsteiger-Lehrer für Biologie.Foto: Thilo Rückeis

Es ist Montagmorgen um kurz nach acht, und während sich die Berliner Schüler und die meisten Lehrer noch im Ferienmodus befinden, hat für die neuen Quereinsteiger der Ernst des Schullebens spätestens jetzt begonnen. In den überhitzten Seminarräumen eines Hochhauses in Mitte sitzen Hunderte von ihnen, blättern in einem dicken Ordner und hören ihrer Dozentin zu, die erläutert, was in den nächsten sieben Tagen auf sie zukommt: Sie werden Vorträge und Seminare zu Grundlagen der Pädagogik und Didaktik besuchen, zur Unterrichtsgestaltung, Leistungsbewertung und dem Umgang mit Störungen, zu Schulrecht und zur Struktur der Schullandschaft. Eine Checkliste für den ersten Schultag steht auf dem Programm, ebenso ein „Fettnäpfchenradar“, damit sie nicht gleich in unangenehme Situationen kommen.

"Ich freue mich darauf, dazuzulernen“

Die meisten Quereinsteiger, die da sitzen und sich Notizen machen, sind Ende zwanzig bis Anfang vierzig. Eine von ihnen ist Natalie Osowski, 34, aus Prenzlauer Berg. Sie hat Kunst und Design studiert und wird in einer Sekundarschule in Hohenschönhausen unterrichten. Ein Fach muss sie noch nachstudieren. „Ich bin neugierig und freue mich darauf, dazuzulernen“, sagt sie. Bange sei ihr nicht, da sie schon ein halbes Jahr lang als Vertretungslehrerin an einer Neuköllner Schule gearbeitet hat und sich vorstellen kann, was auf sie zukommt.

Es sind etliche, die schon Erfahrungen als Vertretungs- oder Willkommenslehrer gesammelt haben. Für viele andere wird es allerdings am 20. August das erste Mal sein, dass sie alleine vor einer Klasse stehen. Damit sie nicht gänzlich unvorbereitet in den Schulen ankommen, hat die Bildungsverwaltung die Begleitung des Quereinstiegs reformiert. Das 22-stündige Kompaktseminar, an dem nun rund 400 Quereinsteiger teilnehmen, ist ein Baustein davon.

Pensionäre als Paten

Ein weiterer Baustein ist die Begleitung der Quereinsteiger in den ersten acht Wochen durch Paten. Das übernehmen pensionierte Lehrer – 380 von ihnen wurden für diese Aufgabe gewonnen - sowie noch aktiv im Schuldienst arbeitende Kollegen. Die Paten besuchen die Quereinsteiger ein bis zwei Mal pro Woche, beobachten den Unterricht und beraten die Neu-Lehrer. Außerdem werden die Grundlagenkurse fortgesetzt: Zwölf weitere Doppelstunden müssen die Quereinsteiger absolvieren. Wer das nicht während der Schulzeit schafft, kann die Herbstferien nutzen. Und auch für Quereinsteiger, die ein Fach nachstudieren müssen, hat die Bildungsverwaltung ein Programm erarbeitet.

"Bildet Berlin" warnte früh vor Überforderung

Schon seit 2014 setzt Berlin stark auf Quereinsteiger: Es ist also bereits seit vier Jahren so, dass der Lehrermangel nicht mehr anderweitig zu bewältigen ist. Damals warnten die Lehrerinitiative „Bildet Berlin“ und der damalige SPD-Abgeordnete Lars Oberg vor der enormen Belastung für die Betroffenen, zumal der zunächst angebotene „Crashkurs“ für die Einarbeitung nur 30 Stunden umfasste. Seither stieg die Zahl der Quereinsteiger von Jahr zu Jahr, bis Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) im Juni erstmals verkündete, dass nicht einmal die zum Vorstellungsgespräch eingeladenen 800 Bewerber für den Quereinstieg reichen würden, um alle Lücken zu stopfen. Sie deutete auch an, dass noch rund 500 Lehrer fehlen könnten.

Die Lehrerlücke wird kleiner - irgendwie

Diese Zahl kann aber vermutlich nach unten korrigiert werden: Mehr als 100 Pensionäre wollen stundenweise weiterarbeiten, durch einen zusätzlichen Einstellungstermin wurden weitere Referendare gewonnen, und zudem wurde eine unbekannte Zahl von Lehramtsstudenten mit dem Programm „Unterrichten statt Kellnern“ dafür geworben, bis zu eine halbe Stelle zu übernehmen. Wie viele Lehrerstellen durch weitere Notmaßnahmen wie freiwillige Mehrarbeit besetzt werden konnten, ist noch unbekannt.

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