Lehrermangel in Berlin : SPD-Fraktion fordert Quereinsteiger-Quote an Berlins Schulen

Brennpunktschulen trifft der Lehrermangel immer härter, zeigt eine neue Auswertung für alle Bezirke. Der Anteil der gelernten Pädagogen schrumpft rasant.

Ein Quereinsteiger-Lehrer beim Bio-Unterricht
Ein Quereinsteiger-Lehrer beim Bio-UnterrichtFoto: Thilo Rückeis

Der Lehrermangel trifft Berlins Schulen unterschiedlich stark: Die Ballung der Quereinsteiger in den sozialen Brennpunkten hat sich in diesem Schuljahr massiv gesteigert. Dies belegt eine aktuelle Senatsantwort auf eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck, die dem Tagesspiegel vorliegt. Demnach hat sich die Zahl der allgemeinbildenden Schulen, an denen über 20 Prozent Quereinsteiger unterrichten, innerhalb eines Jahres auf 27 Schulen mehr als vervierfacht. Der Spitzenwert liegt sogar bei über einem Viertel und betrifft Kollegien in Mitte, Lichtenberg, Neukölln und Spandau. Über zehn Prozent Quereinsteiger gab es im Vorjahr an knapp 100 Schulen, heute sind es rund 170.

Noch gravierender zeigt sich die Schlechterstellung der Problemschulen, wenn man neben den regulären Quereinsteigern auch noch jene Neulinge berücksichtigt, denen neben dem Referendariat auch ein geeignetes Studienfach fehlt. Von diesen „Lovls“ (Lehrer ohne volle Lehrbefähigung) wurden im Sommer über 900 eingestellt, und auch sie wurden vor allem den Schulen zugeteilt, die nicht attraktiv genug sind, um „richtige“ Lehrer anzulocken. So kommt es, dass einige Schulen insgesamt sogar über 30 Prozent Quer/Seiteneinsteiger haben.

Trauriger Spitzenwert in Lichtenberg

Den höchsten Wert von 44 Prozent findet man in Lichtenberg an der „32. Grundschule“. Es folgen die Carl-Kraemer-Grundschule in Mitte (36 Prozent), die Sekundarschule am Staakener Kleeblatt in Spandau (33 Prozent) und die Hermann-Gmeiner-Grundschule in Lichtenberg (30 Prozent).

Langenbrinck hatte - nach anfänglichen Widerständen der Bildungsverwaltung - zum zweiten Mal die schulscharfen Angaben über die Verteilung der Quereinsteiger bekommen. So kann man sehen, dass sich die Lage der meisten Schulen gegenüber dem Vorjahr verschlechtert hat, auch wenn es das Ziel der Koalition war, die Ballung der Quereinsteiger abzumildern. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Zahl der zu verteilenden Quereinsteiger nochmals gestiegen ist, sodass sie sich inzwischen auf knapp 1850 summieren. Hinzu kommen die genannten 900 Lovls sowie 120 Masterstudenten, die beim Programm „Unterrichten statt Kellnern“ mitmachen.

Im Schuljahr 2018/19 reichten erstmals nicht einmal die Quereinsteiger, um die freien Stellen zu besetzen.
Im Schuljahr 2018/19 reichten erstmals nicht einmal die Quereinsteiger, um die freien Stellen zu besetzen.Grafik: Tagesspiegel/Böttcher

„Die SPD-Fraktion fordert seit langem, dass die Verteilung der Quereinsteigenden in der Stadt viel stärker gesteuert wird“, sagte die bildungspolitische SPD-Sprecherin Maja Lasic dem Tagesspiegel am Wochenende. Dies sei seit diesem Schuljahr auch „stärker als bisher“ passiert, die Zahlen zeigten aber, „dass es nicht reicht“.

Die Grundschulen sind besonders betroffen

Besonders betroffen vom Quereinstieg sind die Grundschulen, weil Berlin jahrelang kaum Grundschullehrer ausgebildet hat. Von den genannten 1850 aktuellen Quereinsteigern arbeiten 60 Prozent an Grundschulen, 22 Prozent an Sekundarschulen und nur wenige an Gymnasien, Berufs- und Sonderschulen. An beliebten und gut geführten Brennpunktschulen wie der Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli gibt es allerdings fast keine Quereinsteiger, was belegt, dass es nicht allein der „Brennpunkt“ ist, der gelernte Junglehrer abschreckt, sondern oftmals eine Kombination aus mehreren negativen Faktoren.

Um die Verteilung in der Stadt zu verbessern, fordert die SPD „feste Ausbildungsquoten für Quereinsteigende für alle Berliner Schulen“: Nur wenn sich alle Schulen an der Ausbildung der Quereinsteigenden beteiligten, würden auch die vollausgebildeten Lehrkräfte gleichmäßiger auf unsere Schulen verteilt“, sagte Lasic.

--- Die Tabellen mit den Quereinsteigerquoten aller Berliner Schulen, die der SPD-Abgeordnete Joschka Langenbrinck erfragt hat, finden sie für das aktuelle Schuljahr HIER und für das Vorjahr HIER. Die in der aktuellen Anfrage nicht genannten Schulen haben keine Quereinsteiger.

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