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Young girl is lying in a hospital bed
© Getty Images/Sebastian Rose

„Manchmal müssen Kinder in der Notaufnahme übernachten“: Gesundheitsminister Lauterbach besucht Berliner Kinderklinik und verspricht finanzielle Hilfe

Nicht nur in Berlin arbeiten Kinderkliniken hart an der Belastungsgrenze. Bei einem Besuch im St. Joseph Krankenhaus versprach Gesundheitsminister Lauterbach Unterstützung.

Er möchte mehr für die Kinder tun und ihnen etwas zurückgeben. Das sagt Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) gleich zu Beginn seines Besuchs im St. Joseph Krankenhaus in Tempelhof-Schöneberg am Dienstagnachmittag. „Denn die haben während der Pandemie besonders gelitten.“

Wenn Lauterbach damit schon die Geburt miteinbeziehe, dann sei er mit diesem Vorhaben mehr als zufrieden, entgegnet ihm der Chefarzt und Leiter der Geburtsmedizin, Michael Abou-Dakn, bevor er dem Minister den Kreissaal präsentiert. Danach geht es mit dem Oberarzt für Kinder- und Jugendmedizin Heiko Brandes in den pädiatrischen Klinikteil.

Beide Krankenhausbereiche sind mehr als ausgelastet – weil Hebammen- und Pflegekräfte fehlen und weil das Fallpauschalen-System, nach dem Krankenhäuser ihre Kosten abrechnen, die patientenintensive Betreuung von Kindern und Gebärenden benachteiligt. In die Schlagzeilen geriet das Krankenhaus wie andere Berliner Kinderkliniken, weil vergangenen Winter vielfach Kinder wegen Bettenmangels nach Brandenburg verlegt werden mussten, was mit ein Grund für den Besuch Lauterbachs sein dürfte.

Mit einem eilig aufgesetzten Gesetzgebungsverfahren plant der SPD-Gesundheitsminister, dass ab 1. Januar 2023 die Krankenhäuser mit pädiatrischen Stationen besser vergütet werden. Versprochen hat er 600 Millionen Euro, die innerhalb der nächsten zwei Jahre auf die rund 1900 Kinderkliniken in Deutschland aufgeteilt werden sollen.

Allein neun gibt es in Berlin. Damit solle zunächst das Fallpauschalen-System abgemildert werden, bevor Lauterbach es mit einem größeren Gesetzesvorhaben ganz abschaffen möchte. Konkrete Vorschläge sollen in den nächsten Wochen vorgelegt werden. Auch Geburtsstationen sollen gestärkt werden.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) im Gespräch mit Chefarzt Michael Abou-Dakn, Leiter der Geburtsklinik im St. Joseph Krankenhaus. 
Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) im Gespräch mit Chefarzt Michael Abou-Dakn, Leiter der Geburtsklinik im St. Joseph Krankenhaus. 
© Manuel Tennert/St. Joseph Krankenhaus

„Wir wollen ökonomischen Druck rausnehmen“, sagt Lauterbach. Künftig sollen die Kliniken feste Budgets erhalten, selbst wenn weniger Fälle behandelt werden. Insbesondere die besuchte Klinik solle davon wegen ihres hohen Versorgungsanteils profitieren. Das St. Joseph Krankenhaus ist die geburtenstärkste Einzelklinik Deutschlands. 4548 Kinder kamen 2021 hier zur Welt. „Das sind ja fast 15 Geburten pro Tag“, schätzt der Minister bei seiner Besichtigung.

Karl Lauterbach besucht die Wochenbettstation im St. Joseph Krankenhaus. Die Klinik ist die geburtenstärkste Einzelklinik Deutschlands.
Karl Lauterbach besucht die Wochenbettstation im St. Joseph Krankenhaus. Die Klinik ist die geburtenstärkste Einzelklinik Deutschlands.
© Manuel Tennert/St. Joseph Krankenhaus

Sechs der insgesamt sieben Entbindungsräume des Kreissaals sind gerade belegt und auch der Raum, den der Minister betritt, muss kurz darauf für eine Frau in den Wehen geräumt werden. Doch das Ziel, dass maximal eine Hebamme für zwei Gebärende zuständig ist, könne noch eingehalten werden, sagt Chefarzt Abou-Dakn. „Aber für unseren bindungsorientierten Ansatz wünschen wir uns mehr Entlastung.“ Mit diesem soll die Nähe zwischen Eltern und Kind gefördert werden, was viel Zeit beansprucht.

„Manchmal müssen Kinder in der Notaufnahme übernachten“

Personell noch knapper ist es in der Pädiatrie. „Wir haben viele Kinder mit Atemwegsinfekten, aber auch Durchfallerkrankungen – es ist Tag für Tag eng“, sagt Oberarzt Brandes. Auf der Kinderintensivstation sind von 24 Betten vier gesperrt, auf der normalen Kinderstation sind vier von 20 nicht belegbar, weil Pflegekräfte und Ärzte krank oder in Corona-Isolation sind.

„Manchmal müssen Kinder in der Notaufnahme übernachten, weil wir sie nirgends unterbringen können“, sagt Brandes. Manche Mitarbeiter erkrankten auch an der Überlastung. „Das führt zu viel Frust und Burnout.“

Dabei steht mit dem Winter die härteste Zeit noch bevor. „Corona ist bei uns kein Thema“, sagt Brandes, aber man habe eine Welle von Atemwegsinfekten – und weitere würden noch hinzukommen. Dass der Minister das Fallpauschalen-System bald abschafft, ist auch Wunsch der leitenden Mediziner. „Egal welche Klinikärzte man fragt, dieses System macht uns alle fertig, man arbeitet sich kaputt, doch wirtschaftlich betrachtet müsste man noch viel mehr Fälle bearbeiten, um gewünschte finanzielle Ziele zu erreichen“, sagt Brandes.

Auf die Frage, wie der Minister kurzfristig die Kliniken vor einer drohenden Überbelegung in den Wintermonaten retten möchte, rät er zum Tragen von Masken. „Wir müssen weiterhin die Infektionszahlen niedrig halten.“ Das verhindere, dass Kinder sich mit Atemwegsinfekten anstecken und erkranken.

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