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Freiraum für Radfahrer. Am SOnntag nehmen wieder tausende Radler Kurs auf die Innenstadt.
© picture-alliance/ dpa

Sternfahrt in Berlin: Mehr Platz für Radfahrer

Mit einer Sternfahrt wollen Fahrradfahrer am Sonntag auch gegen die geplanten Kürzungen im Rad-Etat protestieren. Die Radler übernehmen dafür zahlreiche Straßen rund um Berlin – und feiern schließlich am Großen Stern.

„Mehr Platz für Fahrräder“ fordern Tausende Radler. Auf 19 verschiedenen Routen fahren sie am heutigen Sonntag bei der Sternfahrt des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) zum Großen Stern in Tiergarten. Auch die Avus und der südliche Stadtring A 100 sind deswegen gesperrt. Am Brandenburger Tor findet das Umweltfestival der Grünen Liga statt. „Mehr Geld für den Radverkehr“ ist eine weitere Forderung. Denn ausgerechnet in der Fahrradstadt Berlin, in der der Anteil der Radler auf 20 Prozent steigen soll, will Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) Kürzungen im Etat durchsetzen.

Nach den bisher bekannt gewordenen Plänen will Nußbaum die Mittel für die Radwegsanierung von zwei auf eine Millionen Euro halbieren; die Investitionsmittel sollen von 3,5 Millionen Euro auf 2,5 Millionen Euro schrumpfen.

Haushaltsgesetzgeber sei allerdings das Parlament, sagte am Sonnabend der verkehrspolitische Sprecher der SPD, Ole Kreins, der heute selbst mitradeln will. Der Radverkehr müsse weiter gefördert werden. Ähnlich äußerste sich sein Kollege von der CDU, Oliver Friederici. Im vergangenen Jahr hatte die Koalition ähnliche Kürzungspläne der Finanzverwaltung scheitern lassen. Die Sprecherin der Senatsverkehrsverwaltung, Daniela Augenstein, bestätigte, dass die Radverkehrstrategen mit ihren Etatwünschen bei Nußbaum bisher keinen Erfolg hatten. Die nach langem Hin und Her verabschiedete Radverkehrsstrategie, die einen Ausbau dieses umweltfreundlichen Verkehrs vorsehe, gelte aber weiter. Kathrin Bierwirth von der Finanzverwaltung sagte lediglich, man wolle den Haushaltsverhandlungen und dem Beschluss des Senats nicht vorgreifen (siehe Seite 11).

Mehr Informationen zu den einzelnen Routen der Sternfahrt finden Sie hier

Am Sonntag sind die Straßen dicht: Wegen der Radler-Sternfahrt muss in ganz Berlin mit Verkehrsbehinderungen gerechnet werden.
Am Sonntag sind die Straßen dicht: Wegen der Radler-Sternfahrt muss in ganz Berlin mit Verkehrsbehinderungen gerechnet werden.
© Tsp

Die ADFC-Landesvorsitzende Eva-Maria Scheel wirft dem Senat vor, dieser mache für Prestigeobjekte wie den Neubau der Landesbibliothek und den Flughafen eine Milliardensumme locker, die Radverkehrsinfrastruktur, von der praktisch jeder Berliner profitiere, werde dagegen kaputtgespart.

Viele der vor Jahren angelegten Radwege sind inzwischen in einem miserablen Zustand. Auch wenn die Benutzungspflicht für einen Radweg aufgehoben ist, müsse die Anlage weiter verkehrssicher bleiben, sagt ADFC-Landesgeschäftsführer Philipp Poll. Viele Radfahrer nutzten – vor allem an stark befahrenen Straßen – lieber den Radweg als die Fahrbahn.

Und wo es Radfahrstreifen auf der Fahrbahn gibt, wie es die Planer inzwischen favorisieren, ist die Sonderspur häufig zugeparkt, weil es – auch wegen des Personalmangels – kaum Kontrollen gibt.

Geld ist nicht das einzige Problem für den Radverkehr

Am Sonntag sind die Straßen dicht: Wegen der Radler-Sternfahrt muss in ganz Berlin mit Verkehrsbehinderungen gerechnet werden.
Am Sonntag sind die Straßen dicht: Wegen der Radler-Sternfahrt muss in ganz Berlin mit Verkehrsbehinderungen gerechnet werden.
© Tsp

Doch nicht nur das Geld sei ein Problem für den Radverkehr, sagt Poll. Zu schaffen machten auch der Stellenabbau und Wechsel in den Planungsbereichen. In der Stadtentwicklungsverwaltung steht der auf den Radverkehr spezialisierte Referatsleiter Heribert Guggenthaler kurz vor der Pensionierung. Und auch der oberste Verkehrsplaner Friedemann Kunst, dem ebenfalls ein Herz für den Radverkehr nachgesagt wird, verabschiedet sich demnächst in den Ruhestand.

Wie die Verwaltung Nachfolgen regelt, hat sich beim Radverkehrsbeauftragten gezeigt. Nachdem dessen Vertrag auf ehrenamtlicher Basis ausgelaufen war, hat Staatssekretär Christian Gaebler diese Aufgabe selbst übernommen. Dabei war es der Job des Radverkehrsbeauftragten, die Verwaltung auf Trab zu bringen.

Vielleicht hätte eine solche Instanz auch eine Lösung verhindert, wie es sie seit kurzem an der Eisenbahn-Unterführung Alt-Stralau gibt. Weil sich der Senat beim Neubau der Bahnbrücke nicht an Mehrkosten für eine breitere Fahrbahn beteiligen wollte, entstand die neue Anlage im alten, schmalen Querschnitt. Da die Verkehrsplaner darauf bestanden, für den Autoverkehr eine zusätzliche Abbiegespur anzulegen, gibt es keinen Platz mehr für einen Radstreifen. Er endet vor der Unterführung, Radler werden ohne weitere Markierung einfach auf die Straße geschickt. Allerdings erlaubt ihnen ein Schild, auch auf dem Gehweg weiterzuradeln. Die Bordsteinkante ist jedoch nicht abgesenkt. Beim Abwägen, zu wessen Gunsten entschieden wird, scheint sich in der Fahrradstadt eben doch der Autoverkehr durchzusetzen.

Allerdings stehen am kommenden Wochenende nochmals die Radler im Mittelpunkt. Dann folgt der 6. Garmin Velothon (Radsport für Jedermann), zu dem rund 13 000 Teilnehmer und eine Viertelmillion Zuschauer erwartet werden. Dann gibt es wieder Straßensperrungen.

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