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Werke des französischen Künstlers Bernar Venet in der Kunsthalle Tempelhof.

© AFP / John Mcdougall

Tagesspiegel Plus Update

Nach Protest der Kunstszene: Berliner Senat will nun doch Ende der privaten „Kunsthalle Tempelhof“ beschließen

Der Senat hatte einem umstrittenen Kulturmanager zwei Hangars im Ex-Flughafen günstig überlassen – und die Nutzung gerade erst verlängert. Jetzt revidiert er sich.

| Update:

Der umstrittene Kulturmanager Walter Smerling wird nun doch seine „Kunsthalle Tempelhof“ in den Hangars 2 und 3 des ehemaligen Tempelhofer Flughafen räumen müssen. Wie der Tagesspiegel vorab aus Senatskreisen erfuhr, wird der Mietvertrag für die Ausstellungsräume nicht verlängert. In seiner Sitzung am Dienstagvormittag beschloss der Senat, spätestens ab August 2023 ein klar geregeltes, transparentes Vergabeverfahren für die Räumlichkeiten einzuführen. Gleichzeitig verständigte sich der Senat darauf, bis dahin eine Zwischennutzung zu ermöglichen, wie ein Sprecher der Kulturverwaltung auf Anfrage der dpa erläuterte. Geplant sei, entsprechende Konzepte und Ideen verschiedener Beteiligter in den kommenden Monaten zusammenzuführen.

Damit revidiert der Senat eine ältere Entscheidung. Bereits seit Eröffnung der „Kunsthalle Tempelhof“, die Smerling erst „Kunsthalle Berlin“ genannt hatte, im Januar 2022 hatte es heftige Proteste gegen die Einrichtung gegeben. Grund war die Vergabe der von der landeseigenen Tempelhof GmbH verwalteten Flächen an den privaten Bonner Verein „Stiftung für Kunst und Kultur e.V.“ und dessen Gründer Smerling, einen sehr gut vernetzten Kunstmanager.

Michael Müller hatte sich noch für Smerling eingesetzt

Der vorangegangene Senat unter Michael Müller (SPD) hatte ihm zugesagt, die Flächen ab Januar 2022 für zwei Jahre kostenlos nutzen zu dürfen und lediglich die Hälfte der monatlichen Betriebskosten, also 50.000 Euro statt 100.000 Euro pro Monat, aufbringen zu müssen. „Das sind in zwei Jahren 1,2 Mio. Euro – das Doppelte dessen, was der Landeshaushalt für Kunstankäufe sämtlicher Kunstinstitutionen des Landes vorsieht“, beklagte der Berufsverband Bildender Künstler:innen Berlin (bbk berlin).

Einige Künstler:innen riefen sogar zum Boykott der Kunsthalle auf. Hito Steyerl, Jörg Heiser und Clemens von Wedemeyer wandten sich mit einem offenen Brief an den Senat. Sie beklagten: „Wir schreiben Ihnen, weil wir alarmiert sind davon, dass die Stadt Berlin bzw. deren Funktionsträger sich ohne Not mit der räumlichen und finanziellen Unterstützung einer sogenannten ,Kunsthalle Berlin‘ von privaten Vereinen, Unternehmen und Personen rund um den ,Kulturmanager‘ Walter Smerling haben instrumentalisieren lassen.“

Künstler:innen wie Mona Hatoum und Yael Bartana zogen darauf ihre Werke aus der Ausstellung ab, namhafte Kuratoren wie der ehemalige Documenta-Leiter Roger M. Buergel schlossen sich dem Protest von Berliner Kulturschaffenden gegen die neue Privatkunsthalle an. Schließlich übernahm der Verein deshalb dann doch die gesamten Betriebskosten.

SPD sprach sich für Smerling aus

Statt auch Berliner Künstler:innen einzubeziehen und ihnen eine Plattform zu bieten, waren für Smerlings „Kunsthalle“ mit mehr als fünfzig Lastwagen die stählernen Skulpturen des französischen Bildhauers Bernar Vernet an den Platz der Luftbrücke geliefert worden.

Aber nicht nur wegen der mangelnden Einbeziehung von Berliner Künstler:innen steht Smerling in der Kritik: Bei seiner Ausstellung „Diversity United“ zahlte er den Künstler:innen keine Honorare. Als dieselbe Ausstellung noch Anfang 2022 in Moskau gastierte, fungierte der russische Präsident Wladimir Putin als Schirmherr. Einer der wichtigsten Geldgeber für die „Kunsthalle Tempelhof“ ist zudem der umstrittene Immobilieninvestor Christoph Gröner.

Der öffentliche Druck führte dazu, dass die Nutzung der beiden Hangars durch Smerlings Verein eigentlich Ende Mai auslaufen sollte. In seiner Sitzung am 14. Juni entschied der mehrheitlich von der SPD-geprägte Aufsichtsrat der senatseigenen Tempelhof Projekt GmbH allerdings, einen weiteren Nutzungsvertrag an den Verein „Stiftung für Kunst und Kultur e.V.“ zu geben. Smerling sollte bis zu einer ordentlich Vergabe den Verein weiterhin zwischennutzen können.

Im Anschluss trat deshalb die parteilose ehemalige Kultursenatorin und Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds Adrienne Goehler aus dem Aufsichtsrat zurück. Diese erneute Vergabeentscheidung verschließe „sich der öffentlichen Debatte und beschädigt so das Vertrauen in die Berliner Politik und das Potential des Ortes“, schrieb Goehler in ihrem Rücktrittsschreiben. Sie halte die Vergabe an Smerling für „grundfalsch“.

Erst der Rücktritt des prominenten Aufsichtsratsmitglieds Goehler scheint den Senat nun zum Umdenken bewogen zu haben. Insbesondere die Senatskulturverwaltung von Klaus Lederer (Linke) soll sich dafür stark gemacht haben, heißt es. Smerling soll den Flughafen Tempelhof nun nicht länger für seine „Kunsthalle“ nutzen können.

Für die Zukunft wünscht sich Goehler, die Räumlichkeiten zunächst für eine Ausstellung zur Chronologie bisheriger Ideen zum Projekts Tempelhof zu nutzen, wie es das „Transformationsbündnis THF“ vorschlägt. Das Bündnis möchte als größeres Ziel ein „Experimentierfeld zur kollektiven Bearbeitung der Herausforderungen unserer Zeit“ am alten Tempelhofer Flughafen entwickeln. (mit dpa)

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