Nachruf auf Frieda Krüger (Geb. 1921) : Mit dem Klassenfeind aufs Wasser

Warum lud sie so viele Leute aus dem Westen ein? Doch nicht wirklich zum Rudern! Die Stasi vermutete das Schlimmste. Der Nachruf auf eine Frau in Bewegung

Frieda Krüger (1921-2018)
Frieda Krüger (1921-2018)Foto: privat

Sie wollten doch nur rudern, die Skulls über das Wasser gleiten lassen, den Morgennebel bestaunen, den Vögeln hinterherschauen, dann den Fluss hoch, durch die Schleuse und irgendwo auf einem schönen Flecken Wiese landen, gemeinsam die Zelte aufbauen, eine Flasche Wein öffnen, lachen, was man eben so macht, wenn sich Ruderer treffen, die einen aus Ost-Berlin, die anderen aus Kiel, München oder Zürich.

Die Stasi vermutete das Schlimmste. Warum lud diese Frieda Krüger so viele junge Leute aus dem Westen ein, Klassenfeinde? Umsturzplanung, getarnt als Ruderausflug in den Spreewald? Hatten sie es auf sowjetische Militärschiffe abgesehen? Jahrelang stand die brave Ruderin unter Kontrolle, Spitzel fotografierten sie, lauerten in Büschen, legten Akten an. Darin war jede einzelne ihrer Rudertouren aufgelistet, und es waren hunderte. Frieda legte bis zu 3000 Kilometer im Jahr im Boot zurück. Und sie wollte wirklich nur das eine, rudern, ob mit Freunden aus dem Osten oder aus dem Westen. Das Einzige, was man ihr womöglich hätte vorwerfen können: Frieda war frech.

Raus aus der stinkenden Stadt

Reingeboren wurde sie in die schlimmste Armut der Weimarer Republik, die Mutter Hausfrau, der Vater Hausdiener. Sie lebten in einer kleinen Muchte, Kreuzberg, Reichenbergerstraße, Hinterhof, ein Zimmer, Klo im Hof. Das Essen war knapp, Heizkohle gab es selten, die Angst, die Miete nicht zahlen zu können, saß immer mit am Tisch. Frieda hatte nur ein Kleid, das sie in ihren zwei Jahren Handelsschule trug. Und alles, was der Schrebergarten am Teltowkanal hergab, landete im Kochtopf. Was übrigblieb, verkauften sie auf dem Markt, zogen die Kartoffeln mit dem Handkarren jeden Sonntag die Kopfsteinpflasterstraßen entlang.

Mit 14 nahm Friedas Leben eine Wendung, die mit einem Wandzettel in der Schule begann: „Ruderinnen gesucht“. Rennen lag ihr nicht, Bälle mochte sie auch nicht, beim Völkerball wählten die Kinder sie immer als letzte. Rudern aber war klasse. Nicht der Wettkampf, bloß nicht, sondern die Touren, stundenlang auf dem Wasser dahingleiten. Jedes Wochenende waren sie draußen, zu viert, zu zweit, je nachdem. Raus aus der stinkenden Stadt und dann von Teltow bis zum Müggelsee und zurück. Welches Berliner Hinterhofkind erlebte so etwas schon? Selbst als der Krieg wieder nach Deutschland zurückgekehrt war und die Bomben fielen, war Frieda auf dem Wasser. Oft war ihr Boot das einzige.

Doch nicht jeder akzeptierte Frauen in dem Männersport. Ausgerechnet der Vater ihres ersten Freundes Gerhard wollte die Weiber nicht im Verein haben: Essen kochen, Verpflegung einpacken, das war in Ordnung, aber im Boot und auf dem Wasser? Frieda war das egal. Sie feierte mit Gerhard im Verein, sie tanzten, knutschten und lachten. Überhaupt lachte Frieda ungemein gern. „Lachtaube“ war ihr Spitzname, wenn sie da war, hörte man sie, bevor man sie sah.

1944 war Schluss. Phosphorbomben zerstörten die Elsenbrücke und die Häuser drumherum, auch das Bootshaus ging in Flammen auf. Und selbst Frieda musste in den Krieg, 1945 für die Luftwaffe am Schreibtisch, erst in Hamburg, dann in Prag. Sie kam in Kriegsgefangenschaft, doch die Amerikaner wussten gar nicht, was sie mit all den Frauen anfangen sollten und schickten sie zu Fuß zurück nach Deutschland. Frieda war allein, erahnte nicht, ob die Familie noch lebte. Sie kam erst bei einem Winzer unter, dann schaffte sie es zurück nach Berlin, fand ihre Mutter und ihren Vater im Schrebergarten, Gemüse wässern.

Eine Wohnung in der Stalinallee

Auch Gerhard kam unverletzt zurück. Noch bevor sie ihr winziges Zimmer eingerichtet hatten, ertauschten sich die beiden ein Ruderboot. Sie konnten Lackfarbe bieten, die Frieda aus der Fabrik hatte mitgehen lassen. Und während Berlin noch in Trümmern lag, ruderten Gerhard und Frieda wieder. In der Übernachtungskoje eines Ruderclubs kam 1947 ihre Tochter auf die Welt. Die war von nun an mit im Boot, als Kielschwein, nur bewegen durfte sie sich nicht, nicht nach Backbord, nicht nach Steuerbord, es war eine kipplige Angelegenheit.

Frieda meldete sich als Trümmerfrau. Ihr Arbeitsplatz: Legusenstraße Ecke Frankfurter Allee. Ihr Arbeitsgerät: ein Hammer. Die kleine, zarte Frieda zwischen riesigen Steinbergen, das Bild hat sich ihrer Tochter eingebrannt. In ein Heft klebte Frieda die Arbeitstagesmarken rein. Damit nahm sie an einer Verlosung teil, Hauptgewinn: eine Wohnung in der Stalinallee, Warmwasser, Zentralheizung, das Paradies. Und was soll man sagen, sie gewann. Hausnummer 113, erster Stock, eine Mark Miete pro Quadratmeter. Ihre Etage war stasifrei, doch das bekam sie erst nach und nach raus. Über ihr und unter ihr wohnten Polizisten, Gefängniswärter und Zöllner. Von ihrem Fenster beobachtete sie die Arbeiter, die sich am 17. Juni 1953 versammelten. Sie demonstrierte nicht mit, ging aber auch nicht zur Arbeit.

Erst ruderten Gerhard und Frieda nicht mehr zusammen, denn Gerhard trainierte den FDJ-Nachwuchs für Wettkämpfe. Dann wollte er, dass sie zu Hause blieb, immerhin verdiente er genug. Nicht mit Frieda! Schließlich kontrollierte er mit spitzen Fingern den Staub auf den Schränken. Kochen konnte Frieda, am allerliebsten für 50 Ruderer, doch Putzen interessierte sie nicht, viel zu langweilig. Als er auch noch eine Affäre hatte mit einer Jüngeren aus dem Verein, setzte sie ihn vor die Tür. 1967 war das. Es sollte nie wieder ein Mann in ihre Wohnung einziehen, selbst wenn es noch Männer in ihrem Leben gab. „Ich wasche nur noch meine eigenen Socken“, sagte sie, und dabei blieb es.

Als die Ruderer aus Kiel das erste Mal aufschlugen, machte Frieda gleich einen Ausflug mit ihnen und bekochte sie. Ein paar Monate später standen zwei junge Frauen aus Kiel vor ihrer Tür. Sie hätten gehört, dass man bei Frieda unterkommen kann. Klar. Von da an kamen immer mehr, aus Kiel, aus Hamburg, aus Dänemark. Eins aber hatte Frieda nicht bedacht: Die Boote waren Staatseigentum, und die Freunde waren Klassenfeinde. Sie wurde zur Polizei zitiert und vor einem Ausschuss öffentlich abgekanzelt. Da fragte Frieda höflich nach: Wenn ich meine eigenen Boote nutze, dann darf ich doch Leute einladen, oder? „Was Sie privat machen, ist uns egal“, war die Antwort.

Frieda arbeitete im Büro. Abends ging sie rum und sammelte Versicherungsprämien ein, und zwischendurch klebte sie Werbung auf Streichholzpackungen. Das Geld steckten sie und dann auch ihr Freund Klaus Hartwig in eigene Boote, die die Vereine ausgemustert hatten. Für ihre Sammlung mieteten sie eine Scheune im Spreewald.

Tragt keine Superwestklamotten!

Dann funktionierte das so: Frieda und ihre Freunde luden die Leute aus dem Westen persönlich ein, Name, Adresse, Besuchsgrund schrieben sie auf graue Kärtchen, trugen sie zur Polizei und schickten die Genehmigung dann in den Westen, wo damit die Visa beantragt werden konnten. Dazu die Anweisungen: Tragt keine Superwestklamotten, wer bayerisch redet, redet nicht so laut, Westautos nicht alle an derselben Stelle parken, nur nicht auffallen!

Viele junge Leute kamen und ruderten mit der älter werdenden Frieda. Weiterhin kochte sie, packte alles in vier schwere Taschen, trug zwei zum Ostbahnhof, stellte sie ab und holte die anderen zwei. Nach der Wende wurde dann Frieda überall hin eingeladen.

Zu ihrem 90. Geburtstag beklagte sie sich, dass ihr die Puste beim Rudern ausging. Als sie im Krankenhaus lag, wollte sie, dass ihre Tochter ihr die Säcke mit den Gummibändern und den Plastikhaken brachte. Die hat sie für eine Firma immer zusammenklebt und sich so etwas Geld zur Rente dazuverdient. Als ihre Tochter energisch „Nein“ sagte, wartete Frieda, bis sie wieder allein war, stand auf und holte die Säcke eben selber.

Nach zwei Jahren Pflege starb sie. Eine Trauerfeier soll es nicht geben, lieber ein Fest für Frieda im Ruderverein.

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