Nachruf auf Fritz Dörbandt (Geb. 1921) : "Es musste etwas getan werden“

Krieg und Gefangenschaft - ein Leben davor, ein Leben danach. Bloß keine Zeit zum Nachdenken.

Fritz Dörbrandt (1921-2019) - vor dem Krieg.
Fritz Dörbrandt (1921-2019) - vor dem Krieg.Foto: privat

Plötzlich stand die Hoffnung im Krankensaal. Ein russischer Wachposten mit einer Namensliste. Zeile für Zeile, Namen für Namen las er vor. Wer auf der Liste stand, durfte nach Hause. Konnte das wahr sein?

Endlich nach Hause! Nach drei Jahren Steineklopfen und Straßenbauen. Nach all den Schlägen und dem Hunger. Kameraden waren krepiert. Läuse und Bettwanzen hatten sich eingenistet, überall. Fritz hatte Wasser in der Lunge, ein ebenfalls gefangener Arzt ließ zwei Liter Flüssigkeit abfließen, natürlich alles ohne Betäubung.

Jetzt jubelten sie, die 120 Männer im Lazarettsaal des Kriegsgefangenenlangers in der Nähe der Stadt Nowosibirsk. Zu zweit lagen sie in einem Bett. Der eine hatte die Füße auf dem Kopfkissen des anderen und umgekehrt. 1948 war das, Fritz wog noch 46 Kilo und galt als nicht mehr arbeitsfähig. Elf Postkarten hatte er in der Gefangenschaft an seine Frau Hilde und seine beiden Kinder schreiben dürfen. Immerhin wusste er, dass sie noch lebten. Und sie wussten, dass er noch lebte.

Ein Kamerad nach dem anderen wurde aufgerufen. Die Betten leerten sich. Gleich müsste doch er drankommen. Gleich würde sein Name erklingen. Fritz freute sich, hoffte, bangte. Doch da stoppte der Wachposten. Er war fertig. Und ging raus. Zurück blieben Fritz und zwei weitere Gefangene.

Fritz vergrub sich in sein Bett und weinte. Vielleicht so sehr, wie er noch nie geweint hatte. Er war nicht bei der SS gewesen. Hatte es nach vier Jahren Ostfront gerade mal zum Obergefreiten geschafft. „Einen Gefangenen erhalten zwei Dinge am Leben. Der Kampf mit dem Hunger und der Glaube an Heimkehr“, schrieb er in seinen Lebensaufzeichnungen. Wie lange sollte er es denn noch aushalten?

Schuhe gab es nur im Winter

Seine Hilde hatte er in den Straßen von Schöneberg kennengelernt. Damals, Anfang der 30er Jahre, fand das Arbeiterkinderleben draußen statt. Völkerball. Schlagball. Fangen. Jungsbanden, die sich bekriegten. Platz gab es genug, Autos fuhren kaum welche.

Fritz’ Vater war Schlosser, Rohrleger, Schweißer, Möbelpacker. Je nachdem, wer gerade einstellte und ihn dann wieder entließ. Harte Zeiten. Die Hauswartstelle der Mutter rettete sie durch den Monat. Oft nagte der Hunger. Schuhe gab es nur im Winter. Fritz sah die Demonstrationen der Kommunisten und der Nazis, bekam die Diskussionen der arbeitslosen Männer vor dem Zeitungskiosk mit.

Er war klein und schmächtig, dennoch sagte er den anderen Jungs, was sie machen sollten. Und er ließ seine Fäuste sprechen, wenn jemand seine Mädels ärgerte. Eins der Mädels war Hilde. Er schrieb ihr einen Zettel: „Willst du meine Freundin sein?“

Dann, mit 16 oder 17, verliebte er sich richtig in sie. „Nun war das Herz nicht mehr festzuhalten, es musste etwas getan werden“, schrieb er. Und fand Gründe, sie zu Hause zu besuchen. Lud sie auf Spaziergänge ein. Spielte ihr auf seinem Akkordeon vor. Sie wiederum lockte ihn in die Komische Oper.

Das Segelboot hatte Fritz sich von seinen ersten Gehältern gekauft. 400 Mark für die „Lütten“. Damit fuhren sie die Seen rauf und runter, manchmal eine ganze Woche lang. Ein schönes Paar waren sie, wie sie da in der Abendsonne auf der „Lütten“ saßen. Er mit seinem einnehmenden Lachen, seinem markanten Kinn, dem schmalem Gesicht. Geradezu ein Schönling. Hilde mit ihren klaren, strahlenden Augen und ihrem bezaubernden Lächeln. Mit Hilde hatte Fritz das Gefühl der grenzenlosen Zeit. Und das, obwohl er 60 Stunden die Woche arbeitete als Lehrling der Feinmechanik in den Askania-Werken. Abends holte er seine Mittlere Reife nach. Er wollte Ingenieur werden.

Aber es kam der Krieg. 1941 zogen sie ihn ein, schickten ihn nach Russland. Marschieren, marschieren, marschieren, erst vorwärts, dann rückwärts. Es war so kalt, dass er gefallenen Kameraden die wärmeren Klamotten auszog. Zweimal wurde er verwundet. Zweimal durfte er auf Heimaturlaub. Sein Sohn kam auf die Welt, dann seine Tochter. In seinen Aufzeichnungen schreibt er, dass die eigentlichen Leistungen die Frauen vollbringen würden. Arbeit, Kinder, Sorgen, Essen, dann noch die Bomben; alles mussten sie allein durchstehen.

Und plötzlich war der Vater da

1950. Nach vier Jahren Krieg, nach fünf Jahren Kriegsgefangenschaft, nach insgesamt 45 Postkarten, die er in die Heimat schrieb, jede einzelne akribisch in einer Liste aufgezählt, durfte er doch noch nach Hause. Er schrieb: „Tausende Male hatte der Heimkehrer die Heimkehr, die Ankunft bei den Angehörigen gewünscht und alle Einzelheiten durchdacht, die Praxis ist schöner und schwerer. Die alte S-Bahn fährt noch wie früher, am Bahnhof Friedenau ist erstmal Endstation. Den bekannten Weg findet Fritz in den noch etwas dämmrigen Straßen, aber je dichter er zur Rönnebergstraße kommt, desto langsamer werden die Schritte. Wie findet man die bekannten, geliebten Menschen vor, wie den Kindern gegenüberstehen, die den Vater nur dem Namen nach kennen, nur vom Bild, das einen anderen Menschen zeigt als den, der jetzt kommt. Langsam geht er die Treppe rauf, das Herz klopft zum Zerspringen. Er klingelt. Oma macht die Tür auf und fällt Fritz mit einem Freudenschrei um den Hals, dann stürmen seine Kinder aus dem Bett auf den Korridor und schließlich noch seine geliebte Hilde. Wie alle auf ihn einredeten, öffnete sich seine zugeschnürte Kehle.“

Die Familie hat gelernt, ohne ihn zu überleben. Sein Sohn hat sich den fehlenden Vater im Großvater gesucht. Und plötzlich war der Vater da, der auch noch seine Mutter in Beschlag nahm. Fritz wiederum legte gleich los. Erst zum Gesundheitsamt zur Entlausung. Dann zu den Askania-Werken. Zwei Monate später begann er sein Abendstudium. Bloß keine Zeit zum Nachdenken. Aus dem einen Zimmer in eine größere Wohnung. Möbel kaufen, Schränke füllen, die Karriereleiter hochklettern, mehr Gehalt, mehr Verantwortung, auf das erste Auto sparen, auf das Reihenhaus sparen, das Ferienhaus bauen. Ein neues Leben wurde aufgebaut.

Mit seinem Sohn fuhr er auf Deutschlandtour. Fritz hoffte, endlich eine Verbindung herzustellen. Drei Wochen, nur sie beide, mit dem Fahrrad von Wolfsburg bis Hamburg, nach Helgoland und in den Spessart. Doch die Liebe lässt sich nicht erzwingen.

Als die Enkeltochter kam, konnte Fritz nachholen, was er versäumt hatte. Das Kind baden, sich sorgen, wenn es krank ist, es mit Liebe überschütten. Beibringen, wie man die Schuhe zubindet. Stundenlang im Grunewald spazieren gehen. In den Urlaub fahren. Großvater Fritz war der Held, der alles wusste, alles erklärte. Und der dafür sorgte, dass es allen gut geht, dass die Kinder und die Enkel all jene Möglichkeiten bekamen, für die er hatte kämpfen müssen.

Doch auch Helden werden älter, gehen in Rente, füllen den Tag mit dem Anlegen akribischer Listen der Familiengeschichte und dem Bau von Modellschiffen. Fantastische Werke, historischen Originalen wie der Santa Maria oder der Mayflower nachempfunden. Fritz beschaffte sich die Pläne und baute dann die winzigen Masten, Planken, Kanonen. Er brachte sich sogar das Nähen bei, um die Segel zu schneidern. 30 Schiffe sollten es werden, alle in einer Liste vermerkt, für manche braucht er zwei Jahre.

2017 stirbt Hilde. Und auf einmal schwinden Antrieb und Elan. Zwei Jahre später stirbt auch er. Ein Leben ohne Hilde ist kein Leben.

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