Nachruf auf Noël Martin : Der Mann, der zwei Leben lebte – und viele bewegte

Noël Martin hielt durch – obwohl er nach einem rassistischen Anschlag lange als Pflegefall lebte. Und er inspirierte viele. Nun starb er im Alter von 60 Jahren.

Der im vergangenen Jahr verstorbene Noel Martin in Birmingham im Jahr 2006.
Der im vergangenen Jahr verstorbene Noel Martin in Birmingham im Jahr 2006.Foto: Annette Kögel

Eigentlich wollte er schon am 23. Juli 2007 sterben. Fast 13 Jahre später erschüttert die Nachricht von seinem Tod viele Menschen: Noël Martin, jener liebenswerte, tapfere britisch-jamaikanische Bauarbeiter, der nach einem rassistischen Anschlag in Deutschland vom Kopf abwärts querschnittsgelähmt war, ist am Dienstag in seiner Heimatstadt Birmingham gestorben. Am Sonntag musste er wegen starker Schmerzen ins Krankenhaus. Dort versagten seine inneren Organe.

Dass sie so lange durchgehalten hatten, bezeichnete Noël Martin selbst einmal als kleines Wunder. Immerhin war der 60-Jährige fast ein Vierteljahrhundert lang ein schwerer Pflegefall gewesen – mit starken Schmerzen und noch stärkeren körperlichen Einschränkungen.

Am 16. Juni 1996 hatten ein 17- und ein 24-jähriger Deutscher ihn und zwei ebenfalls Schwarze Kollegen am Bahnhof von Mahlow im Landkreis Teltow-Fläming beschimpft und das Auto ihrer Opfer verfolgt und attackiert. Nachdem die Rechtsextremen einen großen Feldstein in die hintere Seitenscheibe geworfen hatten, verlor Martin die Kontrolle und prallte gegen einen Baum.

„An diesem Baum endete mein erstes Leben“, sagte er später oft. Manchmal ließ er das „erste“ weg. Denn während seine beiden Mitfahrer nur leicht verletzt wurden, saß er seither im Rollstuhl, konnte sich nicht bewegen.

Und doch bewegte er noch so viel. So gründete er die Jacqueline-und-Noël-Martin-Stiftung. Ihr Ziel war der Abbau von Vorurteilen durch den Austausch von Jugendlichen aus Birmingham und Mahlow. Viele Menschen engagierten sich für das Projekt, das Land Brandenburg unterstützte die Stiftung finanziell.

Dass er seine Lebensgefährtin Jacqueline Shields mit der Namensgebung der Stiftung ehrte, hat einen tragischen Hintergrund: Sie pflegte ihn nach der rassistischen Attacke aufopferungsvoll – bis sie zwei Tage nach ihrer Hochzeit mit Noël Martin im April 2000 an Krebs starb.

Die Täter müssten sich vor Gott verantworten

Er selbst kehrte ein Jahr später trotz seiner Schwerbehinderung nach Mahlow zurück, wo ihn mehr als 2000 Menschen auf einem Sternmarsch begleiteten. Die beiden Neonazis waren wegen schwerer Körperverletzung und gefährlicher Eingriffe in den Straßenverkehr zu Haftstrafen von fünf und acht Jahren verurteilt worden, sie haben ihre Strafen abgesessen. Martin verschwendete wenig Gedanken an sie. Die beiden müssten sich am Ende vor Gott für ihre Taten verantworten, so seine Überzeugung.

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Wichtiger erschien ihm, der jungen Generation klarzumachen, dass alle Menschen gleich und gleich viel wert sind. Weil er die bereits erzielten Erfolge des Jugendaustauschs, den er gestartet hatte, nicht gefährden wollte, verzichtete er am Ende auf seinen Plan, sich an seinem 48. Geburtstag das Leben zu nehmen: dem 23. Juli 2007. Das zweite Leben wohl gemerkt, dass er in völliger Abhängigkeit von anderen Menschen führen musste. Gefangen in einem Körper, der zu fast nichts mehr zu gebrauchen war.

Morgens wurde er von den Pflegern oder Pflegerinnen mittels Hebekran aus dem Bett gehievt, gewaschen und angezogen. Lag er falsch, schüttelten ihn Krämpfe. Stuhlgang hatte er nur, wenn ihm die Pfleger einen Finger in den After steckten, oft litt er unter Infekten, Atemnot, war „nur noch Kopf“, wie er oft sagte.

Ein Buch schrieb er dennoch. Und freute sich an Pferderennen und den Enkeln. Als er vor einigen Jahren von Kriminellen in seiner Wohnung überfallen und ausgeraubt wurde, sagte er: „Ich hatte keine Angst. Sie hätten mir nicht mehr nehmen können als dieses beschissene Leben.“ Als er am vergangenen Sonntag ins Krankenhaus musste, hatte er Angst. Wegen Corona, wie ein Freund erzählt.

Woidke trauert um Noël Martin

Auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) trauerte am Mittwoch um Noël Martin. Er habe nach dieser schrecklichen Tat die Kraft gefunden, vor allem Jugendliche vor Rassismus und Rechtsextremismus zu warnen und für Toleranz und Verständigung einzutreten, betonte Woidke am Mittwoch.

Durch seinen unerschütterlichen Willen und seine klare Haltung, sich für ein gewaltfreies Miteinander einzusetzen, sei er für Viele zu einem Vorbild geworden.

Vielleicht war Noël Martin gar nicht bewusst, wie viel er bewegt hat. Bis zuletzt.

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