"Nachtschicht" beim Tagesspiegel : Hellwach, wenn andere schlafen

Bei der „Nachtschicht“ in den Räumen des Tagesspiegel haben Kreativexperten neue Auftritte für gemeinnützige Vereine entworfen.

Kai Gies
Rund 50 Kreative aus Berlin finden sich jedes Jahr zusammen, um gemeinnützige Organisationen mit ihrem Know-how zu unterstützen.
Rund 50 Kreative aus Berlin finden sich jedes Jahr zusammen, um gemeinnützige Organisationen mit ihrem Know-how zu unterstützen.Foto: Andreas Ernst

Was tun bei Liebeskummer? Wie verhält man sich in der Schwangerschaft? Wie umgehen mit der eigenen Sexualität? Mit solchen Fragen kommen Jugendliche zur Berliner Beratungsstelle von "pro familia", einem gemeinnützigen Verein, der über Themen wie Verhütung, Frauengesundheit, Beziehungen und Sexualität informiert.

Auch Erwachsene können sich hierher wenden, aktuell bemüht sich der Verein vor allem darum, Jüngere besser anzusprechen. "Wir merken in der Beratung oft, dass es schwierig ist, für junge Menschen eine passende Beratungsstelle zu finden", sagt Andreas Ritter vom Team Sexualpädagogik der "pro familia". "Viele Jugendliche haben eher diffuse Fragen und können ihr Problem nicht wirklich benennen."

Auf der Suche nach Ideen, wie man die Zielgruppe besser abholen kann, hat sich "pro familia Berlin" erfolgreich bei der "Nachtschicht 2020" beworben, bei der Vertreter der Kreativszene ihre Expertise im Bereich Kommunikation und Marketing gemeinnützigen Organisationen gratis bereitstellen.

Die diesjährige "Nachtschicht" fand vom 28. auf den 29. Februar zum siebten Mal in den Räumen des Tagesspiegel statt, mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband Kooperationspartner der Veranstaltung. Zwischen 18 Uhr und bis 2 Uhr leisteten rund 50 Mitarbeiter von Berliner Kreativunternehmen ungefähr 400 Überstunden für den guten Zweck ab.

Chebli: Kenne kein vergleichbares Projekt

Schirmfrau ist traditionell Berlins Staatsekretärin für Bürgerschaftliches Engagement Sawsan Chebli, die in ihrer Begrüßungsrede betonte: "Ich bin ja viel in der Stadt unterwegs, aber es gibt wirklich kein einziges Projekt, das auch nur ansatzweise dem ähnelt, was Sie hier leisten."

Organisiert wird das Sozialevent seit 2014 von der Kongressagentur "pcma", der Kommunikationsagentur "Omnis", dem bundesweiten CSR-Netzwerk "UPJ" und dem Kommunikationsbüro "KOMBÜSE".

Am Ende Stunden ist auch Andreas Ritter müde, aber hochzufrieden mit den Ergebnissen: ein Plakat, das auf Fahrzeugen der BSR zu sehen sein wird, und eine Hilfekarte im Format eines Flyers. Darauf finden sich verschiedene Fragestellungen der Jugendlichen und ein Hinweis zur offenen Sprechstunde der "pro familia", daneben der Slogan: "Let´s talk about Sex".

Der erste schnelle Entwurf einer Stofftasche für "Asyl in der Kirche Berlin-Brandenburg - weltweit"
Der erste schnelle Entwurf einer Stofftasche für "Asyl in der Kirche Berlin-Brandenburg - weltweit"Foto: Promo

Kleinigkeiten müssen noch ausgearbeitet werden, am Ende war die Zeit doch recht knapp. Dennoch: „Wir haben überlegt, ob wir uns im nächsten Jahr gleich nochmal bewerben“, sagt Ritter und lacht. Neben „pro familia“ waren unter den knapp 80 Bewerbern noch sechs weitere Organisationen von der Jury ausgewählt worden: „Asyl in der Kirche Berlin-Brandenburg - weltweit“ ist eine Beratungsstelle für Geflüchtete, die Orientierung beim Ankommen gibt und auch Sprachkurse anbietet.

Ein U-Bahn-Spot zur Erkennung von Schlaganfällen

Der Verein „Demokratie & Dialog“ ist seit 2008 in der Jugend- und Erwachsenenbildung engagiert und möchte mit einem „Bürger*innenrat“ Menschen aus unterschiedlichen Milieus miteinander ins Gespräch bringen. „Neuhland Hilfe in Krisen“ unterstützt junge Menschen in schwierigen Situationen; es geht um Suizidprävention.

Während das „Netzwerk Vormundschaft“ Vormünder für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gewinnt und schult, vermittelt das „Silbernetz“ Kontakte für vereinsamte ältere Menschen. Die „Berliner Schlaganfall-Allianz“, das den diesjährigen Tagesspiegel-Teilnehmerplatz errang, setzt sich aus knapp 40 Krankenhäusern und Reha-Einrichtungen zusammen, die die Versorgung von Schlaganfall-Patienten verbessern wollen.

Mitglieder des Kreativteams um Uta Jugert (4. von links) beraten gemeinsam mit Andreas Ritter (2. von links) von "pro familia".
Mitglieder des Kreativteams um Uta Jugert (4. von links) beraten gemeinsam mit Andreas Ritter (2. von links) von "pro familia".Foto: Andreas Ernst

Alle Organisationen haben im Voraus mit den jeweiligen Kreativteams besprochen, was am eigenen Auftritt verbessert werden soll. "Wir haben quasi den Sechser im Lotto gezogen", meint Anne Katrin Pawelzik von der „Schlaganfall-Allianz“. Ein Spot der Vereinigung soll schon bald im "Berliner Fenster" in der U-Bahn zu sehen sein. Darin können die Fahrgäste lernen, wie man einen Schlaganfall schnell erkennt.

Die BVG stellt einen 30-Sekunden-Platz dafür zur Verfügung. Sebastian Olényi von der Agentur „sustentio“ ist Teil des Teams, das den Spot innerhalb einer Nacht produziert hat. "Die Herausforderung für uns war die knappe Zeit. Normalerweise braucht man für so eine Animation, wie wir sie planen, Wochen", sagt er.

In kurzer Zeit viel Gutes tun

Bei der Ergebnispräsentation gegen 1.30 Uhr wurde das kurze Video bereits beklatscht. Kann die betroffene Person lächeln? Kann sie die Arme heben und sprechen? Wenn nicht, schnell die 112 anrufen und Symptome schildern, ist dort zu lesen und anhand von Bildern zu sehen.

Olényis Arbeitgeber ist schon zum dritten Mal dabei. Ursprünglich ist man dort per Online-Suche auf die „Nachtschicht“ aufmerksam geworden. Andere Kreative kannten bereits Mitarbeiter des Leitungsteams. Olényi kennt persönlich kein vergleichbares Konzept: "Wir haben hier die Möglichkeit, in relativ kurzer Zeit viel Gutes zu tun und denen zu helfen, die sich eine solche Beratung ansonsten nicht leisten könnten." Und nun: verdiente Nachtruhe.

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