Neutronenstrahler in Berlin-Lichtenberg : Das radioaktive Erbe von Karlshorst

In Karlshorst bewahrt das Bundesamt für Strahlenschutz radioaktive Altlasten aus der DDR auf. Doch diese sollen jetzt verschwinden.

Hendrik Köstens
Vorreiter. Das AKW in Rheinsberg war der erste Kernmeiler in Deutschland.
Vorreiter. Das AKW in Rheinsberg war der erste Kernmeiler in Deutschland.Foto: dpa

Wenn von Plutonium und von der Internationalen Atomenergiebehörde die Rede ist, fällt den meisten nicht unbedingt zuerst Karlshorst ein. Dabei lagern hier strahlende Altlasten des Staatlichen Amtes für Atomsicherheit und Strahlenschutz der DDR – noch. 1991 übernahm das BfS das 38.000 Quadratmeter große Areal der DDR-Atomsicherheit – und mit diesem einen Plutonium-Beryllium-Neutronenstrahler, der zur Kalibrierung von Messgeräten eingesetzt wurde.

Der soll nun weg, weil das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) einen Teil des Geländes aufgeben will. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) als Grundeigentümerin will den nicht mehr benötigten Flächenteil zwischen Köpenicker und Waldowallee für Wohnungsbau zur Verfügung stellen.

Der Neutronenstrahler hat die Form eines Zylinders, der in die hohle Hand passen würde: sechs Zentimeter dick, knapp zehn Zentimeter hoch. Er enthält „kleinere Mengen Kernbrennstoff“, wie eine Sprecherin des Bundesamtes für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) sagt. Abgeschirmt würden solche Strahlenquellen mit Polyethylen, einem auch im Alltagsgebrauch üblichen Kunststoff. Zur sicheren Verwahrung gemäß Atomgesetz wurde für den strahlenden Zylinder auf dem Gelände in Karlshorst nach der Wende ein Bunker errichtet. Der hält die Strahlung drinnen und unbefugte Personen draußen.

Ein strahlender Zufall

„Sowohl für BfS-Beschäftigte als auch für Anwohner geht von der Aufbewahrung in Berlin-Karlshorst keine Gefahr aus“, heißt es beim BfE. Darüber hinaus „führt das BfE zur Überwachung kontinuierlich Messungen durch“. Auch die Europäische Atomgemeinschaft und die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) würden die korrekte Lagerung regelmäßig kontrollieren.

Wohin die Strahlenquelle nun gebracht werden soll, behalten die verantwortlichen Bundesbehörden vorerst für sich. Dass der Zylinder überhaupt so lange in Karlshorst lagerte, ist eher Zufall: Nach Auskunft der Berliner Atomaufsicht – sie gehört zur Umweltverwaltung – konnten nach der Wende die anderen Strahlungsquellen entsorgt werden. Nur diese nicht, weil kein geeigneter Transportbehälter zur Verfügung gestanden habe.

Laut der Umweltverwaltung ist die Strahlenquelle so beschaffen, dass die radioaktive Strahlung „bereits die erste Hülle aus verschweißtem Edelstahl nicht durchdringen kann“. Das Gefährdungspotenzial außerhalb des Lagerraums sei gering.

Für das Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit spricht mit Blick auf den Strahlenschutz nichts gegen die Nachnutzung des Geländes für Wohnungsbau: Es bestünden „keine Nutzungseinschränkungen“ der Liegenschaft. In der Nachbarschaft sind in den vergangenen Jahren bereits hunderte neue Wohnungen gebaut worden. Nach Auskunft der Lichtenberger Stadtentwicklungsstadträtin Birgit Monteiro (SPD) gilt für einen Teil des Areals an der Köpenicker Allee bereits ein Bebauungsplan, der Planungsrecht für ein Wohngebiet und eine Gesamtschule schaffen soll. Sollte die Bima weitere Grundstücksteile aufgeben, wäre dort ebenfalls Wohnungsbau möglich. Einen Teil des Geländes benötige das BfS aber weiter, um seine Aufgaben zu erfüllen. Von einer Neutronenquelle sei dem Bezirk nichts bekannt.

Weitere strahlende Geheimnisse haben die Behörden nach eigenem Bekunden nicht in petto: Laut der Umweltverwaltung gibt es – abgesehen vom Forschungsreaktor des Helmholtz-Zentrums am Kleinen Wannsee – keine weiteren derartigen Lagerstätten mit radioaktivem Material im Stadtgebiet.

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