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Eine halbe Stunde vor Anpfiff steht ein einsamer Argentinien-Fan vor der Leinwand.
© Constanze Nauhaus

Berliner Fanmeile nach dem WM-Aus: Nicht mehr in Feierlaune

Endlich Platz auf der Fanmeile: Nach dem WM-Aus der DFB-Elf herrscht vor dem Brandenburger Tor gähnende Leere. Ein Radiomoderator fragt: „Ist denn irgendjemand da?“

Vier Tage sind vergangen seit dem überraschenderweise für viele überraschenden WM-Aus der DFB-Elf, und nun passiert, womit am Mittwochabend niemand mehr gerechnet hat: Das Leben geht einfach weiter. Längst sind Jogis Löwen als handzahme Kätzchen nach Hause zurückgetigert, die Empörungswelle ist abgeebbt, die internationalen Beobachter haben sich nach der ersten Schadenfreude über den harten Fall der vielleicht etwas zu überheblichen Fußballnation abreagiert – und Berlin geht ohne posttraumatische Belastungsstörung zum Tagesgeschäft über. Nicht nur das: Weil die Welt hier ja zu Gast bei Freunden ist, darf sie hier gern auch weiter feiern – die Fanmeile bleibt geöffnet. So viel Welt ist an diesem Samstagnachmittag – gleich spielen Argentinien und Frankreich gegeneinander – auf dem 17. Juni aber nicht zu Gast. Mut zur Lücke beweist das spärliche Publikum in Blau-Weiß-Rot und Weiß-Hellblau kurz vor Anpfiff auf dem gnadenlos großen Platz vor der Hauptleinwand. Der Merchandise-Verkäufer ist gar nicht in Feierlaune, vor seiner schwarz-rot-goldenen Vorhölle herrscht gähnende Leere. Lohnt sich eigentlich alles nicht mehr, sagt er, aber er muss bis zum Ende der Fanmeile bleiben – Verträge, Verträge. „An Spieltagen kaufen ein paar Touris noch Trikots, aber gestern – spielfrei – war hier tote Hose, da hab’ ich um 16 Uhr zugemacht.“

Der ungerührt heitere Radiomoderator, der auf der Bühne dem Trauerspiel tapfer entgegentritt, erhält auf sein „Seid Ihr alle da?“ keine hörbare Reaktion. Er fragt noch mal nach: „Ist denn irgendjemand da?“ Es grölen ein paar Junggesellenabschiede. Immerhin: Ein mitleiderregender Bräutigam in spe kompensiert mit seinem Dirndl ein wenig das Fehlen der DFB-Trikots. In einem solchen ist nur ein einziger Fan zu sehen. Ob er sehr down sei seit Mittwoch? „Ja!“, plauzt der Träger heraus. „Aber wir sind ja immerhin noch zwei Wochen lang Weltmeister.“

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